Ein Ort für Arme gestern und heute

Die Heiliggeistkirche am Bahnhofplatz ist ein Wahrzeichen, aber keine Prestigekirche. Dazu ist sie zu nah am Leben und «by de Lyt». Eine monatliche Tour führt durch die bewegte Geschichte der Kirche im Herzen Berns.

Mittendrin: Die City-Kirche Heiliggeist
Mittendrin: Die City-Kirche Heiliggeist. (Bild: CC BY-SA 3.0/WillYs Fotowerkstatt)

«1228 wurde sie für Randständige gegründet, 1999 auch für Randständige geöffnet», beginnt Annelise Willen, Historikerin und Projektleiterin der offenen Kirche, die Zeitreise, die zurück bis zu den Anfängen der wohl städtischsten aller Berner Kirchen führt. Einmal im Monat findet hier eine öffentliche Führung statt, heute gibt es eine Privatführung für die Besucherin. Es ist kühl und ruhig im Schiff der Kirche. Draussen war es eben noch heiss und hektisch: Unter dem Baldachin-Vordach drängen sich Pendler und Passanten, auf der Treppe der Heiliggeistkirche hoffen Bettler auf den Stutz der Vorbeigehenden. Und nicht Wenige finden den Weg auch mal ins Innere. Vier Festangestellte und über 70 Freiwillige halten die Türen vier Tage in der Woche offen.

Kreuzritter in Jerusalem als Vorbild

«Junkies, Alkoholiker, Obdachlose – auch sie haben Platz hier. Das war schon immer so», erklärt Annelise Willen. In der Tat: Die Sorge um die Armen steht am Anfang der Geschichte der Heiliggeistkirche. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts gründeten Brüder des französischen Ordens zum Heiligen Geist nahe des mittelalterlichen Stadttors eine kleine Kirche. Die Laienbrüder gelobten Keuschheit, Armut, Gehorsam – und den Dienst an den Kranken.

«Wir befinden uns in der Zeit der Kreuzritter. Das Johanniterkreuzspital in Jerusalem, das zu jener Zeit bis zu 2000 Kranke beherbergte, war das grosse Vorbild», erklärt Willen. Die Berner Brüder kümmerten sich anfangs um schwache Pilger, Bettler und Kranke. Diese sollten mit Gotteshilfe genesen. Entsprechend abenteuerlich erscheint die Therapie aus heutiger Sicht: Die Kranken wurden im Kirchenschiff auf Laubsäcke gelegt und zum Altar hin gerichtet. Priester hielten mehrmals täglich die Messe. Genügend Nahrung, Schlaf und Sauberkeit sollten ihren zusätzlichen Dienst zur Heilung tun.

Wachsender Reichtum

Wie erfolgreich die Kur der Brüder war, ist nicht verbürgt. Allerdings entstand schon zehn Jahre später ein Friedhof hinter der Kirche, weiss Willen zu berichten. 2008 stiessen Bauleute beim Umbau des Bahnhofplatzes auf zahlreiche Skelette, wohl die Überreste verstorbener Kranker und Brüder. Doch auch wenn die Heilmethoden aus heutiger Sicht kaum zu überzeugen mögen: Das Krankenspital erfreute sich immer grösserer Beliebtheit. Bald suchten nicht nur die Ärmsten hier Genesung, sondern auch sogenannte Pfründer liessen sich bis zu ihrem Ableben hier pflegen. Die Pensionäre hinterliessen ihr verbliebenes Vermögen jeweils der Kirche.

Der wachsende Reichtum des Spitals blieb auch den Obrigkeiten nicht verborgen: Hundert Jahre nach der Gründung streckte der Rat der Stadt seine Hand nach dem lukrativen Institut aus und unterstellte es der städtischen Spitalverwaltung. Aus der Armenstätte wurde so etwas wie ein Altenheim zahlender Gäste. «Im 15. Jahrhundert lebten hier 30 Pfründer und 5 Priester. Ein ziemlich gutes Betreuungsverhältnis», schmunzelt Willen.

Sex und Crime im Bruderkonvent

Doch wo Geld ist, sind Laster nicht weit: Hurerei, Zeche und Zügellosigkeit hielten Einzug. Erst 1522 setzte der Mord an Bruder Hans Haberstil dem Treiben ein Ende. Der französische Mutterorden entsandte einen Bruder namens Wunderer als Spitalmeister, der für Ordnung im Berner Konvent sorgen sollte. Doch Wunderers Wirken blieb von kurzer Dauer: 1528 erlebte Bern seine Reformation, die verbliebenen Ordensleute erhielten eine Abfindung und gingen ihrer Wege. Der ebengenannte Spitalmeister Wunderer hatte den Konfessionswechsel allerdings gut überstanden:  Nur wenige Jahre später amtete er als Pfarrer in Wohlen – als reformierter, notabene.  Anders erging es der Spitalkapelle: Für diese bedeutete die Reformation erst einmal das Ende. Sie schloss ihre Tore – und diente als Kornschopf.

Laster fehl am Platz: Die Reformierten räumen auf

Erst Jahrzehnte später, im 17. Jahrhundert, gingen ihre Tore wieder auf: Aus der katholischen Krankenkapelle wurde nun eine städtische reformierte Kirche – und ein Ort strenger sittlicher Kontrolle. Als Vertreter der Obrigkeit oblag es der Kirche, die Predigtbesucher zu einem gottgefälligen Leben anzuhalten: Tanz und Gesang galten als Laster. Wer sich dennoch bei Zeche, Völlerei und schlimmeren Ausschweifungen erwischen liess, wurde vom Chorgericht, einem reformierten Ältestenrat, am Ende der Sonntagspredigt verurteilt – öffentlich. «Die Gemeinde sollte für das Abendmahl rein sein. Laster waren da fehl am Platz», erklärt Willen.

Nahe am Stadttor gelegen, blieb die Heiliggeistkirche auch in der Neuzeit das Gotteshaus der einfachen Leute, die ausserhalb der Stadtmauern lebten. Zwar besuchten auch Patrizier die Messe – davon zeugen bis heute die Familienwappen auf den Bänken und Gestühlen in Chor und Schiff – doch auch «ungeratenes unnützes Weibervolk» und «landstreichende, unprästhafte Bettler» nahmen Platz auf den Bänken: Im Chor, neben den Gemeinderatsherren, waren eigens Plätze für die «Herren Almosner» reserviert. Allerdings hatten Arme die Kirche durch einen anderen Eingang zu betreten als die vornehmen Burger, so Willen: «Von der mittelalterlichen Tugend der Armut war in der Neuzeit nichts mehr geblieben.»

 

  • Die Heiliggeistkirche, wie sie heute existiert, wurde in den 1720er Jahren von Stadtwerkmeister Niklaus Schiltknecht nach den Plänen Albrecht Stürlers als Barockkirche wiederaufgebaut. (Bild: CC-BY-SA-3.0/WillYs Fotowerkstatt)

 

Das protestantische Arbeitsethos betrachtete Mittellosigkeit als Makel. Entsprechend versorgten die Obrigkeiten Tunichtgute, Querulanten und Vagabunden in das Schallenwerk beim nahegelegenen Bollwerk. Mit einer Schelle um den Hals versehen, wurden sie für den Strassenbau eingesetzt: Die Glocke verhinderte ihre unbemerkte Flucht. Leichte Mädchen, Verwaiste und Verschüpfte und steckte man indes in die Spinnstube: «Die Arbeit sollte sie Tüchtigkeit lehren, der Gottesdienst Sitte und Moral».

Willens Tour führt auch zum Gestühl des Scharfrichters und seiner Familie. Dieses findet sich auf der Empore im hintersten Teil des Schiffes: «Die Leute hielten Abstand vor diesem sonderbaren Menschen. Er hatte mit Verbrechern und Leichnamen zu tun.» Und er war doch bis ins 19. Jahrhundert dennoch Teil der städtischen Gesellschaft  – und bis heute ein Faszinosum: «Die Leute auf der Tour trauen ihren Augen kaum, wenn ich ihnen den Scharfrichterstuhl zeige», schmunzelt Willen.

Offene City-Kirche als Erbin der armen Brüder

Ein weiteres Mal noch schloss die Heiliggeistkirche im Verlaufe ihrer Geschichte ihre Tore – sie wurde in den 1720er Jahren vollständig abgerissen und mit lokalem Grünsandstein neu gebaut – als aparte Barockkirche. Teile des alten Gestühls wurden neu eingebaut. Heute steht die Kirche unter Denkmalschutz. Das mache es zuweilen schwer, den Bau als City-Kirche zu benutzen, etwa für Tanzrituale fehle es an freiem Platz. Dennoch: Für Annelise Willen  erinnert das Interieur an die lange Tradition der Armenversorgung, an die die offene Kirche anknüpft: «Die Heiliggeistkirche hat als Armenkirche angefangen, und das ist sie geblieben.» Bis heute ist es Randständigen erlaubt, jederzeit die Kirche zu betreten und auf ihren Treppen zu sitzen.