Ethik in Corona-Zeiten

«Wir können Solidarität nicht einfordern»

Der Ethiker Markus Zimmermann lebt in Deutschland und unterrichtet in der Schweiz. Welche Unterschiede er bei der Bewältigung der Corona-Pandemie zwischen den Ländern wahrnimmt und welche ethischen Herausforderungen wir in dieser Krise zu bewältigen haben, erzählt er im Interview.

Ethiker Markus Zimmermann.

Herr Zimmermann, das deutsche Magazin «Der Spiegel» titelte kürzlich: Jetzt nimmt auch die Schweiz die Pandemie ernst. Als Deutscher, der in der Schweiz arbeitet, kennen Sie beide Länder gut. Stimmen Sie dieser Aussage zu?
Es gibt tatsächlich grosse Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Es ist aus deutscher Sicht zum Beispiel unverständlich, warum die Schweiz in so vielen Bereichen so lange zuwartet. Bei der Schliessung der Restaurants zum Beispiel. In Deutschland hat diese Massnahme kaum für Aufregung gesorgt, wohl auch, weil die Behörden die Betriebe grosszügig finanziell unterstützen. Dass hier gerade in der reichen Schweiz geknausert wird, ist aus deutscher Sicht unverständlich.

Und was meinen Sie dazu?
Ich verstehe es auch nicht. Die Kritik von Parteien wie der SVP, dass die Schweiz bei zu grosser finanzieller Hilfe untergeht, finde ich absurd. Das südliche Nachbarland Italien stand schon vor Corona finanziell am Rand. Die Schweiz ist da viel besser aufgestellt. Schliesslich ist sie auch Hauptstandort von Pharmafirmen, die von der Krise enorm profitieren, sie zahlen hohe Steuern und bieten ausgezeichnete Arbeitsplätze, so dass die Schweizer Wirtschaft gleich mehrfach profitiert.

Einige haben das Gefühl, in der Schweiz sei die Rettung der Wirtschaft wichtiger als der Schutz von Menschenleben. Was sagen Sie als Ethiker dazu?
Das ist ein komplexes Thema. Auch die Folgen eines Lockdowns werden Lebensjahre kosten. Es gibt psychische Probleme aufgrund von Arbeitslosigkeit, Kinder, die unter der Isolation leiden, Patientinnen und Patienten, die nicht angemessen oder rechtzeitig behandelt werden.

Aber das wissen wir ja nicht. Wir können nur die jetzigen Menschenleben retten.
Es ist in der Tat eine Schwierigkeit, hier einen Mittelweg zu finden. Ich möchte nicht mit den Politikern tauschen, die enorm gefordert sind. Rein psychisch tendieren wir dazu, unmittelbar gefährdete Menschen prioritär retten zu wollen. Die haben wir konkret vor uns, es könnten unsere Grosseltern oder Eltern sein.

Welche ethischen Orientierungspunkte gibt es für solch schwierige Entscheidungen?
Praktisch gesehen sollten zunächst möglichst viele Menschenleben gerettet werden. Dafür ist es unabdingbar, dass unsere Gesundheitsversorgung funktioniert. Diese vor einem Kollaps zu bewahren, hat aus ethischer Sicht oberste Priorität.

«Die Solidarität ist der weiche Pol, sie kann nicht eingefordert werden, sie ist entweder da oder sie ist nicht da.»

Und aus theoretischer Sicht?
Hier gibt es zwei Pole: Gerechtigkeit und Solidarität. Bei der Gerechtigkeit geht es darum, was ethisch gefordert werden kann. Welche Grundfreiheiten dürfen beispielsweise eingeschränkt werden, um die öffentliche Gesundheit zu schützen? Hier muss politisch und gesellschaftlich um angemessene Entscheidungen gerungen werden. Die Solidarität ist eher der weiche Pol, sie kann nicht eingefordert werden, sie ist entweder da oder sie ist nicht da. Die Politik kann an die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger appellieren, aber es macht wenig Sinn, sie einzufordern oder zu beschwören.

Zur Person

Markus Zimmermann (geboren 1962) ist seit 2014 Titularprofessor an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg. Er ist Vizepräsident der Nationalen Ethikkommission. Zimmermann hat katholische Theologie in Frankfurt a.M. und Fribourg studiert.

Erleben Sie die Schweiz als solidarisch?
Zu einem ganz grossen Teil schon. Die Mehrheit erhält aber im Gegensatz zu der kleinen Minderheit nicht viel mediale Aufmerksamkeit. Der Gemeinsinn ist in der Schweiz weitgehend intakt, finde ich.

Sie sind Vizepräsident der Nationalen Ethikkommission. Im Gegensatz zur Covid-Taskforce ist diese kaum in der Öffentlichkeit präsent. Müsste sie sich nicht mehr in die öffentliche Debatte einmischen?
Ich glaube nicht. Wir sind ein beratendes Gremium, das Empfehlungen an die Bundesbehörden abgibt oder sich mit Denkanstössen an die Bevölkerung richtet. Zur Contact-Tracing-App haben wir eine Stellungnahme verfasst, auch zum Schutz der Persönlichkeit in Institutionen der Langzeitpflege. Demnächst melden wir uns mit einem Beitrag zur Covid-19-Impfung zu Wort.

Ist man sich in der Ethikkommission meistens einig?
Nicht immer, es gibt häufig kontroverse Diskussionen. Und das ist gut so. Es werden ziemlich unterschiedliche Positionen vertreten, wie es auch in der Gesellschaft der Fall ist.

«Aus Gerechtigkeitsgründen mehr Menschen sterben zu lassen als unbedingt nötig, ist keinem Arzt und keiner Ärztin zumutbar.»

Die Ethik rückte auch beim Thema Triage auf der Intensivstation in den Fokus der Öffentlichkeit. Triage bedeutet, dass bei einer Überlastung des Gesundheitssystems die Ärzte entscheiden, wer behandelt wird und wer nicht. Dürfen und können Ärzte solche Entscheidungen treffen?
Der Begriff Triage stammt aus dem Krieg, wo es darum geht, ähnlich wie in Katastrophensituationen unter Extrembedingungen rasch zu entscheiden, was zu tun ist. Unter Bedingungen extremer Knappheit geht es zunächst darum, möglichst viele Menschenleben zu retten. Im Normalfall dagegen gilt die Gleichbehandlung aller als Ideal. Im Katastrophenfall würde das aber zu extrem kontraintuitiven Entscheidungen führen. Aus Gerechtigkeitsgründen mehr Menschen sterben zu lassen als unbedingt nötig, ist keinem Arzt und keiner Ärztin zumutbar.

Was macht Ihnen persönlich in der Corona-Zeit psychisch am meisten zu schaffen?
Dass mein vierjähriger Sohn das ganze Jahr davon redet, wen er zum Geburtstag einladen möchte, und als dann der Tag kam, er wegen Corona niemanden einladen konnte. Sobald er mit anderen Kindern spielen kann, blüht er auf. Glücklicherweise ist in unseren Familien bisher niemand schwer an Corona erkrankt oder gestorben, das wäre natürlich viel schlimmer.

Was gibt Ihnen Halt?
Für mich ist diese Zeit nicht nur belastend. Ich geniesse es auch, nicht so viel unterwegs sein zu müssen, und die damit verbundene Ruhe. Die Familie gibt mir grossen Halt, es würde mir sehr schwer fallen, in dieser Zeit alleine leben zu müssen.

«Die Schweizerinnen und Schweizer könnten vielleicht etwas offener und humorvoller sein. Ein wenig mehr Selbstdistanz und Ironie können alles etwas leichter machen.»

Was raten Sie Menschen, um besser mit der schwierigen Zeit zurechtzukommen?
Sehr wichtig ist das Reden, also nicht alles in sich hineinzufressen. Es scheint mir eine gewisse Schweizer Eigenart zu sein, im Zweifelsfall lieber zu schweigen als zu reden. In der gegenwärtigen Situation ist das aber alles andere als förderlich für das Wohlbefinden.

Haben Sie das Gefühl, dass Deutsche und Schweizer mental anders mit der Corona-Situation umgehen?
Nein, nicht wirklich, zumal ja beispielsweise in Fribourg ein grosser Teil der Bevölkerung Migrationshintergrund hat und unterschiedlichste Mentalitäten bestehen.

Was könnte die eine Nation von der anderen lernen?
Vielleicht könnten die Deutschen von der Schweiz erfahren, wie mehr Selbstverantwortung und das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Sprachen funktionieren. Die Schweizerinnen und Schweizer dagegen – falls es sie gäbe, ich nehme da erst einmal 26 unterschiedliche Kantone wahr – könnten vielleicht etwas offener und humorvoller sein. Ein wenig mehr Selbstdistanz und Ironie können alles etwas leichter machen.