In der Corona-Krise ist die Not der Bedürftigen gross

Für Obdachlose, Armutsbetroffene und Suchtkranke ist die Corona-Pandemie eine existentielle Bedrohung. Kirchliche Sozialwerke und Gassenarbeiter helfen, wo es geht. Unter den strengen Schutzmassnahmen ist dies eine Herausforderung.

Leere Betten im Pfuusbus. Kirchliche Sozialwerke müssen wegen Corona viele ihrer Angebote für Randständige streichen. (Bild: KEYSTONE/Ennio Leanza)

Mitte März ist der Pfuusbus des Sozialwerks Pfarrer Sieber sonst voll besetzt. Seit einigen Tagen ist die unter Zürcher Obdachlosen beliebte Notschlafstelle aber geschlossen – wegen Corona. Das vom Bundesrat verordnete «Social Distancing» ist bei den engen Platzverhältnissen des umgebauten Sattelschleppers nicht möglich. «Unser Konzept der Nähe wird uns jetzt in der Corona-Krise zum Verhängnis», sagt Walter von Arburg, Sprecher des Sozialwerks.

Die Einschränkungen durch das Virus treffen die kirchlichen Sozialwerke derzeit mit voller Wucht – und mit ihnen die Randständigen, Obdachlosen und Armutsbetroffenen. Viele der Werke haben ihren Betrieb heruntergefahren, einzelne Dienstleistungen mussten gar ganz eingestellt werden. Man stehe vor einer doppelten Herausforderung, sagt von Arburg. «Zum einen wollen wir weiterhin für die Bedürftigen da sein, zum anderen müssen wir sie und unsere Mitarbeitenden vor einer Ansteckung schützen.»

Statt der Notschlafstelle hat das Sozialwerk Pfarrer Sieber im Pfuusbus deshalb ein 24-Stunden-Betreuungsangebot auf die Beine gestellt. Bedürftige können sich hier verpflegen und ärztlich versorgen lassen. Auch seelsorgerliche Gespräche sind möglich. «Diese sind zurzeit gefragt, denn die Verunsicherung unter unseren Gästen ist gross», sagt von Arburg.

Sorgen um die Gesundheit

Zu schaffen macht den Menschen insbesondere der Shutdown des öffentlichen Lebens. Weil immer weniger Passanten unterwegs sind, ist es schwierig geworden, Geld auf der Strasse zu beschaffen. Sorgen machten sich die Bedürftigen aber auch um ihre Gesundheit, so von Arburg. «Fast alle diese Menschen sind gesundheitlich angeschlagen und haben ein geschwächtes Immunsystem. Eine Ansteckung mit dem Virus wäre lebensbedrohlich.»

Von ähnlichen Nöten erzählt Ruedi Löffel, Mitarbeiter der Kirchlichen Gassenarbeit Bern. Der Verein unterhält ein kleines Büro in der oberen Altstadt. Hier konnten sich Armutsbetroffene und Obdachlose bis vor kurzem beraten lassen. Weil die Abstandsregeln nicht eingehalten werden konnten, musste der Betrieb nun aber ins Freie verlegt werden. «So gut es geht, helfen wir draussen und verteilen Getränke und Sandwiches», so Löffel.

Geschlossenes Wohnzimmer

Auch Löffel berichtet davon, wie schwierig der Alltag von Randständigen in Zeiten von Corona geworden ist. «Für sie war der öffentliche Raum sozusagen ihr Wohnzimmer. Und dieser Raum existiert nun faktisch nicht mehr.» Wegen des Versammlungsverbots und der Schliessung von Beizen und Parks verlieren viele Bedürftige ihre sozialen Kontakte.

Besonders dramatisch ist die Situation für Drogenkonsumenten. «Sie wissen nicht, wo ihre Dealer sind und wie sie ihren Stoff beschaffen sollen. Zudem ist die Polizeipräsenz überall erhöht», sagt Löffel. Seit dem Shutdown sind die Gassenarbeiter deshalb verstärkt in den Strassen unterwegs. Generell sei es schwieriger geworden, die Leute zu erreichen. «Von einigen wissen wir schlicht nicht, wo sie sich aufhalten.»

Essen mit Abstandsregel

Alle Hände voll zu tun hat man wegen Corona auch beim Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern. Hier verkehren Sucht- und Armutsbetroffene, die ihren Lebensmittelpunkt in der Zentralschweiz haben. Die Umsetzung der Schutzmassnahmen sei eine Belastung für Mitarbeitende und Besucher, sagt Geschäftsleiterin Franziska Reist. «Unsere Leute müssen darauf achten, dass sich alle die Hände waschen und bei Symptomen einem Gesundheitscheck unterziehen.» Zudem sei nur eine gewisse Anzahl Personen in jedem Stockwerk erlaubt.

Den Betrieb der Gassenküche kann der Verein bis auf weiteres aufrechterhalten – wenn auch mit reduzierten Öffnungszeiten und strikten Abstandsregeln. «Zu unseren Hauptaufgaben gehört es momentan, die Bewegungsabläufe zu koordinieren, denn vielen unserer Gäste fällt das Stillsitzen schwer», sagt Reist. Die warme Mahlzeit erhalten die Gäste umsonst – auch deshalb, weil die Geldbeschaffung auf der Strasse wegen des Shutdowns erschwert ist.

Fehlende Ressourcen

Die Probleme der Bedürftigen nimmt Reist täglich wahr. Viele belaste die soziale Isolation. «Kürzlich erzählte mir eine Frau, wie unheimlich es für sie ist, draussen keine Menschen zu sehen.» Betroffen von der Krise seien vor allem auch Drogenkonsumenten. «Nachdem man die Grenzen geschlossen hat, ist der Stoff knapp und teuer geworden.» Um hier zu helfen, steht der Verein in Kontakt mit der Methadonabgabestelle.

Trotz ihrer existentiellen Nöte teilten viele Bedürftige aber auch die «normalen» Sorgen der Bevölkerung, sagt Reist. Sie fühlten sich angesichts der Pandemie verunsichert und könnten das Geschehen nicht recht einordnen. «Anders als wir haben diese Menschen aber nicht die Ressourcen, mit der belastenden Situation umzugehen. Deshalb brauchen sie unsere Solidarität.»