Rita Famos

«Wir können lamentieren – oder wir packen die Aufgabe an»

Rita Famos wurde Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), als sich diese in einer schweren Krise befand. Nach fünf Monaten zieht sie nun eine erste Bilanz: Über Reibung in der Ökumene, die Herausforderungen der Corona-Pandemie und wie die EKS es schaffen kann, Dachorganisation für eine diverse Kirche zu sein.

Nach fünf Monaten zieht Rita Famos eine erste Bilanz als Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). (Bild: EKS-EERS / Nadja Rauscher)

Frau Famos, Sie sind seit Anfang 2021 Präsidentin der EKS. Wie sind Sie gestartet?
Es war ein Senkrechtstart – ich kam am ersten Tag ins Büro, habe meine Tasche abgestellt und los gings. Das war gut so und auch nötig, denn die Welt stand ja zwischen dem Rücktritt Gottfried Lochers im Mai 2020 und meinem Amtsantritt nicht einfach still. Zum Glück verfügt die EKS über eine agile Geschäftsstelle und einen Rat, der in den vergangenen Monaten die Arbeit weitergeführt hat. Da war ich sehr froh drum.

Was waren die grössten Herausforderungen in diesen ersten fünf Monaten?
Zunächst haben wir viel strukturelle Arbeit geleistet. Wir haben die Tätigkeit des Rates neu sortiert und Ressorts eingeführt. Vorher schien nicht immer klar, wer eigentlich für welches Thema zuständig war. Das hat zu Unzufriedenheit geführt, zu einem Gefühl, nicht richtig wirken zu können. Für mich kam hinzu, dass ich mich von jetzt auf gleich in Themen einarbeiten musste, die ich zuvor noch nicht in jedem Detail durchdrungen hatte. Die dritte Herausforderung war die ganze Beziehungsarbeit, die wegen Corona hauptsächlich online stattfinden musste. Und zuletzt würde ich die Medienarbeit nennen. Das ist für mich grösstenteils noch Neuland.

Was haben Sie diesbezüglich in dieser ersten Zeit gelernt?
Zum Glück bin ich bisher noch nicht in einen Shitstorm geraten. Aber ich musste schon merken, dass ich mich auf Social Media nicht mehr gleich äussern kann wie vorher. Ein Tweet über eine Äusserung von Bischof Bonnemain beispielsweise ist jetzt nicht einfach das Statement einer Privatperson, sondern hat eine öffentliche Wirkung und wird unter Umständen von den Medien aufgenommen. Ich muss lernen, hier noch bewusster vorzugehen.

Die EKS ist vor anderthalb Jahren mit unvollständigen Rechtsgrundlagen angelaufen. Wo steht die Kirche heute?
An der Synode nächste Woche werden mit der Geschäftsordnung der Synode und dem Finanzreglement zwei wichtige Dokumente auf der Tagesordnung stehen. Ich hoffe sehr, dass sie verabschiedet werden, damit wir hier die aktualisierten Rechtsgrundlagen haben. Auch wenn wir uns aktuell nicht in einem reglementsfreien Zustand befinden, denn die alten Reglemente des Kirchenbunds gelten weiterhin. Ich finde zudem den Entscheid richtig, die Untersuchung zu den Rücktritten im vergangenen Jahr an einer ausserordentlichen Synode zu debattieren. Das gibt uns den nötigen Raum, um auch das Tagesgeschäft weiter voranzutreiben.

«Die Mitgliedkirchen sollen bestimmen, wo die EKS in ihrem Sinn Prioritäten setzen soll, wo es Koordination oder einen Kreativitätsschub braucht.»

Debattieren wird die Synode auch die Handlungsfelder. Hier hat der Rat unter Ihrer Führung einen deutlichen Richtungswechsel vollzogen: Von einer Art Departements-Struktur hin zu thematisch enger gefassten Themengebieten, welche die EKS zeitlich begrenzt bearbeiten soll. Warum diese Änderung?
Das ursprünglich vorgeschlagene System hätte das ganze Handlungsspektrum der EKS abgedeckt und in sechs Departemente oder eben Handlungsfelder aufgeteilt. Der Rat und die entsprechenden strategischen Ausschüsse hätten dann die inhaltlichen Schwerpunkte der einzelnen Felder definieren müssen. Der Rat wollte aber, dass genau das in der Kompetenz der Synode bleibt: Die Mitgliedkirchen sollen bestimmen, wo die EKS in ihrem Sinn Prioritäten setzen soll, wo es Koordination oder einen Kreativitätsschub braucht. Das entspricht der neuen Verfassung, die der Synode eine wichtige inhaltliche Rolle zuspricht.

Nun ist es aber dennoch der Rat, der Vorschläge für Handlungsfelder macht. Ist das nicht widersprüchlich?
Die Zusammenarbeit von Exekutive und Legislative ist immer ein Hin und Her. Auch der Bundesrat speist Vorlagen ins Parlament ein, die dann bearbeitet und verändert werden. Das hat nichts mit einem Top-Down-Mechanismus zu tun, sondern ist Teil des demokratischen Systems und der Gewaltenteilung. Die Synode kann jederzeit auch andere oder weitere Handlungsfelder in Auftrag geben. Der Rat hat schlicht einen ersten Vorschlag gemacht, übrigens auch auf das Signal der Mitgliedkirchen hin, dass es nun vorwärts gehen soll. Das ist der zweite Grund für die Neuausrichtung der Vorlage.

Inwiefern?
Die Verfassung sieht vor, dass es für jedes Handlungsfeld einen strategischen Ausschuss mit Fachpersonen und Vertreterinnen der Mitgliedkirchen braucht. Das alles ausgewogen in Bezug auf Sprachregion, Geschlecht, Alter, theologische Strömung und so weiter. Bei sechs departementsähnlichen Handlungsfeldern hätte das enorme Ressourcen gebunden. Insgesamt wäre dieses System schwerfällig gewesen und es hätte einige Zeit gedauert, bis die inhaltliche Arbeit hätte starten können.

Was an der kommenden Synode wichtig wird

Vom 13. bis zum 15. Juni tagt die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) in Bern. Zu Beginn der Verhandlungen wird es – voraussichtlich zum letzten Mal – um die Fusion der beiden Hilfswerke Heks und Brot für alle gehen. Ausserdem wird am Sonntag der Gottesdienst zur Einsetzung der Präsidentin Rita Famos, des neuen Ratsmitglieds Claudia Haslebacher sowie der neuen Synodalen stattfinden.

Im weiteren Verlauf stehen die zweite Lesung der Geschäftsordnung, das Finanzreglement und die Handlungsfelder auf dem Programm. Der Rat schlägt der Synode vor, die drei Handlungsfelder Kommunikation, Bewahrung der Schöpfung sowie Bildung und Berufe festzulegen. In der Vorlage heisst es dazu, dass Handlungsfelder dort eingerichtet werden, «wo besondere Herausforderungen für das gemeinsame Wirken der EKS und der Mitgliedkirchen bestehen und wo gleichzeitig eine Notwendigkeit und eine Dringlichkeit vorliegen, dass die EKS und die Mitgliedkirchen im genannten Bereich verstärkt gemeinsam Aufgaben bewältigen.»

Wichtig werden auch die Finanzgeschäfte: Nach den beiden Rücktritten aus dem Rat im Frühling 2020 und den damit verbundenen Ereignissen strich die Synode die Rechnung 2019 mehrmals von der Traktandenliste, eine Décharge wurde nicht erteilt. Das führte zur ungewöhnlichen Situation, dass die Versammlung nun gleich über zwei verschiedene Jahresrechnungen debattieren muss. Wobei die Rechnung 2020 nur abgenommen werden kann, wenn vorher die Bücher für 2019 geschlossen werden.

Zudem wird sich der Rat zur Lage im griechischen Flüchtlingslager Moria sowie zur Corona-Pandemie äussern müssen. Zwei entsprechende Interpellationen liegen auf dem Tisch. (vbu)

Nehmen wir das vorgeschlagene Handlungsfeld der Kommunikation. Was soll die EKS hier konkret tun?
Der Rat ist der Meinung, dass es eine Art Themenmanagement braucht: Welche Themen soll die Kirche auf nationaler Ebene behandeln und welche auf kantonaler oder lokaler Ebene? Dann stellt sich die Frage, welche Kommunikationsgefässe wir brauchen und wie wir die knapper werdenden Ressourcen dafür am besten nutzen. Für mich gehört dazu auch die Frage, wie wir sprachfähig werden, wie wir unsere Inhalte in der heutigen Gesellschaft am besten kommunizieren können, wie wir Kanäle finden, um die verschiedenen Milieus anzusprechen. Hier haben wir in den Kirchen viel Knowhow, das wir zusammentragen und bündeln können.

Die einzelnen Kirchen haben aber sehr unterschiedliche Ideen, was sie wem wie kommunizieren möchten. Zeigt sich hier nicht das eigentliche Hauptproblem der EKS – dass sie etwas zusammenbringen muss, das in sich vielfältig und bisweilen widersprüchlich ist?
Genau darum soll die Synode über die Handlungsfelder und deren Inhalt befinden. Die Kantonalkirchen müssen sich darüber verständigen und uns das Signal geben: «Doch, wir möchten zusammenarbeiten im Sinne einer schlagkräftigen Kommunikation.» Ob das gelingt, wird sich zeigen. Diese Herausforderung besteht aber in jedem föderalen System.

Nochmals ganz konkret: Wie ist man nationale Dachorganisation für eine Institution, die sich ja gerade dadurch auszeichnet, dass sie divers ist?
Der Wunsch nach einem, der sagt, wie es geht, ist ein Krisenphänomen. Gerade in herausfordernden Zeiten profitiert eine Institution aber von unterschiedlichen Zugängen, dem Dialog und dem respektvollen Umgang mit anderen Haltungen. Das politische System der Schweiz ist gerade deshalb so reich, weil es verschiedene Parteien gibt, die sich immer wieder finden und Kompromisse schliessen müssen. In der reformierten Kirche ist das ähnlich, auch wenn wir keine Parteien haben, sondern theologische Strömungen. Diese miteinander im Diskurs zu halten, ist unsere Stärke. Aufgabe der EKS ist es, diesen Diskurs zu moderieren und daraus mehrheitsfähige Antworten abzuleiten. Zum Beispiel, dass die Mehrheit der Kirche hinter der «Ehe für alle» steht, diejenigen mit anderer Meinung aber deswegen nicht aus der Kirche rausfallen.

Anders als auf politischer Ebene kann die EKS aber keine Entscheide fällen, die für alle gelten.
Das sind nun mal unsere Strukturen, das ist der politische Wille, den die EKS mit der neuen Verfassung nochmals bestätigt hat: Die Mitgliedkirchen haben entschieden, dass sie mehr Aufgaben an die nationale Ebene delegieren und dabei gleichzeitig eigenständig bleiben wollen. Nun können wir entweder noch lange darüber lamentieren oder wir packen die Aufgabe an. Es wird die Kunst des Rates, aber auch der Konferenz der Kirchenpräsidien sein, auf freiwilliger Basis und durch Überzeugungsarbeit zu einem gemeinsamen Handeln zu finden.

«Für mich ist klar, dass wir ein verantwortlicher Teil der Gesellschaft sind und die Massnahmen in einer angespannten pandemischen Lage mittragen.»

Die Schweiz taucht gerade aus dem zweiten Shutdown auf, über ein Jahr Pandemie liegt hinter uns. Herausfordernde Monate auch für die reformierte Kirche – wie hat sie sich geschlagen?
Gerade im Sinne des «gemeinsamen Kircheseins» und dem Vertreten gemeinsamer Anliegen haben wir eine sehr positive Erfahrung gemacht. Es gab eine Taskforce, in der sich Vertreterinnen der Mitgliedkirchen jeden Freitag über die Lage und die aktuellen Bestimmungen ausgetauscht und ihre Anliegen auch mit dem Bundesamt für Gesundheit besprochen haben. Ausserdem konnte die Kirche noch besser zeigen, was sie auf diakonischer und seelsorgerlicher Ebene alles macht. Dass das immer wieder medial aufgenommen wurde, hat mich sehr gefreut. Ausserdem gab es einen grossen Kreativitäts- und Digitalisierungsschub: Mobile Feiern in den Quartieren, Livestreams, Osterkerzen zum Mitnehmen in Verbindung mit Räumen der Stille, Seelsorgespaziergänge. Ich wünsche mir, dass das anhält. Auf der anderen Seite gab es natürlich auch schmerzhafte Erfahrungen.

Welche?
Beispielsweise die Einschränkungen beim Gottesdienst und beim Singen. Der gemeinsame Gesang ist ein wichtiges Element in der reformierten Spiritualität, und ich hoffe sehr, dass das bald wieder aufblüht. Wie so oft lernt man Dinge erst dann wirklich zu schätzen, wenn sie weg sind.

Hätte die Kirche in Bezug auf die Massnahmen stärker beim Bund intervenieren müssen?
Ich bin nicht dieser Meinung. Wir haben uns mit den anderen Konfessionen und Religionen abgesprochen und konnten so das Bestmögliche herausholen: Dass Gottesdienste auf minimaler Basis erlaubt bleiben, weil sie eine wichtige Ressource für viele Menschen sind. Für mich ist aber auch klar, dass wir ein verantwortlicher Teil der Gesellschaft sind und die Massnahmen in einer angespannten pandemischen Lage mittragen.

Sie haben vorhin einen kritischen Tweet zu Bischof Bonnemain erwähnt. Zur gleichen Zeit reagierten Sie skeptisch auf eine Idee, der Bundesrat könnte eine feste Botschaft am Heiligen Stuhl einrichten. Wollen Sie bewusst Reibung in der Ökumene erzeugen?
Nun, Ökumene bedeutet auch, ein kritisches, ehrliches und offenes Gegenüber zu sein. Natürlich darf man jetzt fragen, ob ein Tweet die richtige Reaktion war auf die doch recht problematische Äusserung Bonnemains, Frauen würden mit dem Herzen denken und Männer mit dem Verstand. Ich finde es wichtig, hier einander den Spiegel vorzuhalten, und es hat mich sehr gefreut, dass der Bischof darauf eingegangen ist und sich korrigiert hat. Weil es öffentliche Kritik – auch von anderen Kirchenfrauen – gab, musste dieser Schritt ebenfalls öffentlich geschehen. Mein Tweet hat ihm die Möglichkeit gegeben, sich öffentlich zu präzisieren, das war letztendlich auch in seinem Interesse. Zusammengefasst: Es geht mir nicht um Reibung an sich, aber ich möchte die reformierte Stimme in die Ökumene einbringen. Es gibt neben vielen Gemeinsamkeiten auch Gründe, warum die reformierte und die katholische Kirche nicht wieder vereint sind. Die Frauenfrage ist einer davon.

«Aufgefallen ist mir, dass die Männer manchmal gehemmt sind, wenn plötzlich noch eine Frau am Tisch sitzt. Das macht es atmosphärisch ein wenig anstrengend.»

Sie sind die erste Frau an der Spitze der reformierten Kirchen. Welche Rolle spielt das in der ökumenischen Zusammenarbeit?
Ich bringe gerne die Anliegen von Frauen in den ökumenischen und interreligiösen Diskurs ein. Ich bin mir zudem aus früheren Tätigkeiten gewohnt, beispielsweise darauf zu achten, dass Teams wirklich ausgewogen besetzt sind. Es ist aber nicht so, dass das meine einzigen Themen und Interessen wären. Aufgefallen ist mir, dass die Männer manchmal gehemmt sind, wenn plötzlich noch eine Frau am Tisch sitzt. So als würden sie aufpassen, bloss nichts Falsches zu sagen. Das macht es atmosphärisch ein wenig anstrengend. Insgesamt empfinde ich die interreligiöse und ökumenische Zusammenarbeit bisher aber als sehr kollegial und auf Augenhöhe.

Kommen wir zur letzten Frage: Welche grossen Herausforderungen stehen für die kommenden Monate auf Ihrer Do-To-Liste?
Für die EKS wird die Synode nächste Woche wichtig sein: Dass wir einen Auftrag bekommen für eines der Handlungsfelder, im Idealfall für zwei oder drei, und wir dort exemplarisch zeigen können, dass das gemeinsame Handeln möglich ist. Ich bin überzeugt, dass Kirchengemeinschaft eben auch dadurch entsteht. Ich habe zudem Respekt vor der Diskussion über gleichgeschlechtliche Partnerschaften und die Anschlussthemen wie Samenspende und Leihmutterschaft. Wir haben die Frage von Homosexualität und Ehe zwar schon mehrfach debattiert, aber wegen der Referendumsabstimmung werden wir uns erneut damit beschäftigen müssen. Kommt die «Ehe für alle» durch, werden wir das liturgisch nachvollziehen wollen. Darauf freue ich mich, aber es kommt auch darauf an, mit den Minderheitspositionen respektvoll umzugehen.