Wahlkampf in der EKS

«Als Präsidentin wäre meine Agenda buchstäblich offen»

Rita Famos stellt sich zur Wahl als Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Warum sie findet, dass es nun vor allem eine neue Kultur braucht und wie sie zur laufenden Untersuchung in der Kirche steht, erklärt sie im Interview.

Stellt sich im November erneut zur Wahl: Die Zürcher Pfarrerin Rita Famos.

Frau Famos, warum möchten Sie Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, kurz EKS, werden?
Die reformierte Kirche liegt mir sehr am Herzen – seit meiner Jugend engagiere ich mich für sie. Durch meine bisherigen Tätigkeiten habe ich mir zudem das nötige Rüstzeug für dieses Amt erarbeitet: Ich war 18 Jahre im Gemeindepfarramt und kenne die kirchliche Basis. Als ehemaliges Mitglied im Rat des Kirchenbundes habe ich Exekutiverfahrung, durch die Synode in Zürich kenne ich aber auch die Parlamentsarbeit. Hinzu kommen gute Beziehungen in der Ökumene und zu den Medien. Heute leite ich eine Abteilung mit 100 Mitarbeitenden. Diese Erfahrungen und Netzwerke möchte ich gerne der EKS zur Verfügung stellen.

Nun haben Sie Ihre Qualifikationen aufgezählt. Aber was reizt Sie an dem Job? In der reformierten Kirche gilt er momentan nicht gerade als begehrt.
Es stimmt, die Geschehnisse um den Rücktritt von Gottfried Locher haben die Kirche durchgeschüttelt. Gerade in dieser Situation möchte ich aber meinen Beitrag leisten. Ich möchte dieser Kirche ein modernes Gesicht geben, einstehen für eine Kirche, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, eine vielstimmige und diverse Kirche. Die EKS hat mit der Verfassung den Grundstein dafür gelegt. Jetzt müssen wir diese noch mit Leben füllen. Dabei mitzuhelfen, das reizt mich.

«Die Menschen sollen wissen, was meine Absichten sind und welche Projekte ich vorantreiben möchte. Vertrauen aufzubauen scheint mir in der aktuellen Situation zentral.»

Ganz konkret: Wie soll die Krise in der EKS gelöst werden?
Zum einen, indem die Gefässe, die durch die neue Verfassung geschaffen wurden, tatsächlich genutzt werden. So könnten wir beispielsweise eine Gesprächssynode durchführen, um die künftigen Handlungsfelder der EKS präziser zu bestimmen. Denn das ist nichts, was die Präsidentin oder der Rat festlegen, sondern diesen Findungsprozess müssen die Mitgliedkirchen durchlaufen. Zum anderen bin ich der Ansicht, dass wir eine neue Kultur etablieren müssen. Würde ich Präsidentin, würde ich anders führen, als das bisher der Fall war.

Und wie?
Meine Agenda wäre buchstäblich offen. Wir haben hier in der Zürcher Kirche einen Terminplan, der für alle einsehbar ist. So ist immer klar, wer sich wo engagiert und woran gearbeitet wird. Ich schätze das sehr. Zum anderen meine ich das mit der offenen Agenda aber auch metaphorisch: Mir ist wichtig, dass die Menschen wissen, was meine Absichten sind und welche Projekte ich vorantreiben möchte. Vertrauen aufzubauen scheint mir in der aktuellen Situation zentral.

Es gibt Stimmen, die nun einen Umbau der EKS fordern. Die Ideen reichen von einem rotierenden Präsidium wie beim Bundesrat bis hin zu einer Stärkung des Synodepräsidiums, wie das in der EKD der Fall ist. Was halten Sie von solchen Ideen?
Ich habe eine ganz klare Haltung dazu: Wir haben fast 15 Jahre Arbeit in diese neue Verfassung gesteckt. Angenommen wurde sie beinahe einstimmig, und in Kraft ist sie nun seit gerade mal zehn Monaten. Jetzt wieder alles über den Haufen zu werfen und neu anzufangen, fände ich fatal. Wir brauchen keine neuen Strukturen, sondern eine neue Kultur. Geben wir also zuerst der Verfassung eine Chance. Nach zwei bis drei Jahren können wir dann sehen, wo es Anpassungen braucht.

Ist der Rat stark genug aufgestellt, um seinen Teil der in der Verfassung vorgesehenen dreigliedrigen Leitung zu übernehmen?
Klar ist: Es wird eine neue Präsidentin sowie ein neues Ratsmitglied geben. Dadurch entsteht mit Sicherheit eine neue Dynamik. Mir selbst wäre es ein grosses Anliegen, die einzelnen Ratsmitglieder zu stärken und in die Verantwortung zu nehmen, dass sie für die Handlungsfelder, die sie übernehmen, auch Gesicht zeigen können. Mein Führungsverständnis ist nicht, dass ich alles alleine entscheide, sondern dass Dinge, die alle betreffen, partizipativ erarbeitet werden.

«Ich finde es richtig, wenn sich die Untersuchung auch auf den damaligen Rat ausweitet. Ich habe diesbezüglich nichts zu verbergen.»

Der Krise der EKS liegt eine Beschwerde gegen Gottfried Locher wegen Grenzverletzung zugrunde. Diese sowie der Umgang des Rates damit sollen nun untersucht werden. Reichen die bisherigen Massnahmen dafür aus?
Ich habe ein gutes Gefühl in dieser Sache, weil nun alle Elemente für eine korrekte Untersuchung zusammengestellt sind. Gut ist, dass das Synodebüro neben der parlamentarischen Kommission auch die Meldestelle für Betroffene eingerichtet hat. Das ist sehr wichtig: Keine Frau, die eine Grenzverletzung erlebt hat, wird sich direkt an die Synodalen wenden. Dafür braucht es diesen anonymen Zugang.

Sie selbst waren von 2011 bis 2014 Mitglied des Rates unter der Führung von Gottfried Locher. Was entgegnen Sie denjenigen, die Sie deshalb für nicht wählbar halten – weil Sie Teil der Untersuchung werden könnten?
Ich bin froh, dass Sie das ansprechen, denn diese Haltung wurde auch schon an mich herangetragen. Ich möchte darum festhalten, dass es während meiner Zeit im Rat keinerlei Anzeichen für Unregelmässigkeiten dieser Art gab. Zudem waren mit der Ombudsstelle und dem Ausschuss für Personal, Organisation und Finanzen die nötigen Anlaufstellen vorhanden. Dennoch finde ich es richtig, wenn sich die Untersuchung auch auf den damaligen Rat ausweitet. Ich habe diesbezüglich nichts zu verbergen. Wer mich kennt, weiss, dass für mich beim Thema Grenzverletzung Nulltoleranz herrscht.

Kommen wir zu Ihnen persönlich. Wie wurden Sie kirchlich sozialisiert?
Aufgewachsen bin ich klassisch reformiert-landeskirchlich, mit Sonntagsschule und Konfunterricht. Während meiner Jugend wurde mein Glaube dann durch den Berner Pietismus geprägt. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass Glaube etwas ist, was mit meinem Alltag zu tun hat. Diakonische Betätigung oder tägliche Bibellese – das war für mich normal und prägt mich bis heute. Das Studium wiederum hat mir dann die ganze theologische Breite eröffnet, von liberaler Theologie bis zu feministischer Theologie, die für mich ebenfalls extrem wichtig ist.

Zur Person

Rita Famos wurde 1966 im bernischen Zweisimmen geboren. Sie studierte Theologie in Bern, Halle und Richmond und arbeitete ab 1993 als Gemeindepfarrerin zunächst in Uster und anschliessend in Zürich Enge. Von 2000 bis 2005 war sie zudem Dekanin des Pfarrkapitels Uster. Seit 2013 leitet Famos die Abteilung Spezialseelsorge der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich.

Daneben war Famos von 2009 bis 2011 Sprecherin des «Wort zum Sonntag» im Schweizer Fernsehen SRF. Während sieben Jahren sass sie in der Zürcher Synode und von 2011 bis 2014 im Rat des Kirchenbundes (heute EKS). Während dieser Zeit war sie zudem Präsidiumsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (AGCK) der Schweiz, die sie während zweier Jahre auch präsidierte.

Rita Famos ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Ihre Kandidatur wurde von den Zürcher EKS-Delegierten einstimmig unterstützt. (vbu)

Gottfried Locher hat oft den Kontakt zu evangelikalen Strömungen und Freikirchen gesucht, was ihm Lob und Kritik gleichermassen eingebracht hat. Wo stehen Sie in dieser Frage?
Ich bin immer noch in Kontakt mit Familien und Freunden aus meiner Jugendzeit, die Mitglieder in Freikirchen sind. Wir haben einen sehr guten Austausch, auch wenn ich theologisch an einem anderen Ort stehe. Ich kenne ihre Sprache, ihre Frömmigkeit und habe dazu einen ungebrochenen, jedoch nicht unkritischen Zugang. Deshalb würde ich mir die Kompetenz attestieren, hier Brücken bauen zu können.

Im letzten Jahr hat sich die EKS, damals noch Kirchenbund, für die Ehe für alle ausgesprochen. Der Prozess war von heftigen Grabenkämpfen begleitet. Das zeigt doch, wie schwierig evangelikale und liberale Strömungen unter ein Dach zu bringen sind – auch innerhalb der Landeskirchen.
Es ist auf der einen Seite unsere grosse Stärke, dass wir eine vielstimmige Kirche sind, eine Kirche für das ganze Volk. Das bedeutet, dass unter unserem Dach eine theologische Spannbreite Platz hat und wir es aushalten müssen, dass es keine «unité de doctrine» gibt. Auf der anderen Seite ergibt sich natürlich genau daraus die Frage, wie wir mit Minderheitsmeinungen umgehen. Bei der Ehe für alle beispielsweise haben wir diese Frage noch nicht geklärt.

Wie meinen Sie das?
Nehmen wir ein Beispiel: Jemand gehört der reformierten Landeskirche an und findet, dass Homosexualität Sünde sei. Dann sage ich ihm oder ihr: «Komm, lass uns einmal zusammen etwas trinken und dann erkläre ich dir, warum ich persönlich aufgrund des Evangeliums zu einem anderen Schluss komme.» Trotz unserer Meinungsverschiedenheit sind wir Mitglieder derselben Kirche. Etwas anderes ist es aber, wenn sich beispielsweise ein Seelsorger oder eine Seelsorgerin auf diese Art äussert und sich diese Haltung auf die Arbeit auswirkt. Da werden unter Umständen Menschen sehr verletzt. Die Landeskirchen müssen sorgfältig prüfen, wie sie mit solchen Mitarbeitenden umgehen. Tatsächlich glaube ich, dass wir die Auseinandersetzung hier scheuen. Aber wenn man eine vielstimmige Kirche sein will, dann muss man so etwas ausdiskutieren – so wie man das während der Reformation in den Disputationen gemacht hat.

Sind Sie persönlich für die Ehe für alle?
Wenn zwei Menschen verbindlich das Leben miteinander teilen wollen und sich das vor Gott und vor ihren Angehörigen versprechen möchten, dann leite ich so eine Feier auf jeden Fall. Egal ob es sich wie jetzt um Segnungen handelt oder wir irgendwann auch Trauungen durchführen dürfen.

«Wenn wir strukturelle Probleme erkennen, ist es unsere Aufgabe, sie zu benennen. Das haben unsere Hilfswerke in der Frage der Konzernverantwortung getan, und darauf bin ich sehr stolz.»

Ein anderes Thema, das die Reformierten derzeit umtreibt, ist die Konzernverantwortungsinitiative. Der grosse Streitpunkt ist weniger deren Anliegen selbst als vielmehr die Frage, wie sehr sich die Kirche hier engagieren darf.
Unser Grundauftrag ist es, nahe bei den Menschen zu sein, mit Diakonie, Seelsorge und Verkündigung. Und wer nahe bei den Menschen ist, merkt sehr schnell, dass es nicht nur persönliche, sondern eben auch strukturelle Probleme gibt. Wenn wir diese erkennen, ist es unsere Aufgabe, sie zu benennen und mit unserem christlichen Hintergrund mögliche Lösungen einzubringen. Das haben unsere Hilfswerke in der Frage der Konzernverantwortung getan, und darauf bin ich sehr stolz. Wir sind als Kirchen aber weder politische Parteien noch Lobbyorganisationen. Wir müssen unsere Unabhängigkeit bewahren.

Kommen wir nochmals zu Ihrer Kandidatur zurück. Sie treten nach 2018 bereits zum zweiten Mal für das Präsidium an, damals wurden Sie von den vorbereitenden Regionalgruppen nicht angehört. Wie läuft der Wahlkampf dieses Mal?
Aus meiner Sicht sehr gut. Die zweite Kandidatin Isabelle Graesslé und ich sind immer zusammen zu den Hearings eingeladen – das ist natürlich spannend, weil wir so immer hören, was die jeweils andere zu den Fragen der Delegierten sagt. Ich finde, es ist ein sehr offenes und faires Verfahren, und das freut mich sehr.

Die Wahl um das Präsidium der EKS findet am 2. November während der Synode statt. Lesen Sie hier das Interview mit der zweiten Kandidatin Isabelle Graesslé.