«Wir haben eine Verantwortung – auch den Wildtieren gegenüber»

Am 27. September stimmt die Schweiz über ein neues Jagdgesetz ab, das den Abschuss von Wölfen erleichtern soll. Der Verein «oeku Kirche und Umwelt» stellt sich gegen die Revision. Sie sei in Sachen Tierschutz ein Rückschritt, sagt Fachstellenleiter Kurt Zaugg-Ott im Interview.

Ein Wolf des im Augstbordgebiet im Oberwallis ansässigen Rudels, aufgenommen im November 2016 durch eine Fotofalle. (Bild: Keystone/Gruppe Wolf Schweiz)

Herr Zaugg-Ott, jährlich werden 300 bis 500 Schafe und Ziegen vom Wolf gerissen. Wie erklären Sie Ihre Haltung einem betroffenen Bauern?
Ich verstehe völlig, dass jedes gerissene Tier für den Halter eine Katastrophe ist. Dennoch ist der Wolf Teil unserer Biodiversität. Vor hundert Jahren waren die Grossraubtiere bei uns fast ausgerottet. Wir sollten uns freuen, dass es sie heute wieder gibt. Übrigens vergessen wir gern, dass nur ein relativ kleiner Teil der Schafe vom Wolf gerissen wird. Weitaus häufiger sind Todesfälle durch Krankheiten, Blitzschläge oder Abstürze.

Die Wolfspopulation ist in den vergangenen Jahren stark angewachsen, mittlerweile gibt es rund 80 Wölfe in der Schweiz. Ist es da nicht angebracht, über eine Regulierung nachzudenken?
Ich glaube nicht, dass der jetzige Bestand ein Problem ist. Wie sich die Wolfspopulation künftig entwickelt, ist zudem ungewiss. An der Gesetzesvorlage stört mich vor allem, dass der Bund seine Verantwortung an die Kantone abgibt. Das wird ein sehr uneinheitliches Vorgehen bei den Abschüssen zur Folge haben. Einige Kantone werden weiterhin zurückhaltend sein, in anderen hat der Wolf traditionell weniger Kredit. Dort kann es zu voreiligen Abschüssen kommen. Der Schutz bedrohter Arten ist Auftrag des Bundes. Deshalb ist die Vorlage keine gute Lösung.

Der Abschuss von Wölfen wird aber auch in Zukunft an Auflagen gebunden sein, zum Beispiel müssen die Kantone ihr Vorgehen gegenüber dem Bund begründen.
Ja, aber die neue Regelung bietet meines Erachtens zu viel Interpretationsspielraum. Es ist sogar so, dass Wölfe abgeschossen werden dürfen, bevor sie überhaupt einen Schaden angerichtet haben. Damit fallen wir in Sachen Tierschutz hinter das alte Gesetz zurück. Zudem wird auch der Anreiz untergraben, mehr für den Herdenschutz zu tun. Genau das wäre aber die richtige Strategie, um Todesfälle generell zu minimieren. Denn sowohl Unfälle als auch Risse sind in nicht beaufsichtigten Herden am häufigsten. Dass jetzt nur die Wolfsrisse ein Thema sind, lenkt von der Verantwortung der Tierhalter ab, ihre Herden zu schützen.

Die Befürworter argumentieren, das neue Gesetz sei primär ein Nutztier-Schutz-Gesetz und kein Abschussgesetz.
Das ist eine sehr menschenzentrierte Sicht. Es stimmt natürlich, dass wir als Tierhalter eine Verantwortung gegenüber unseren Nutztieren haben. Schliesslich sind diese in unsere Obhut gegeben. Wir haben aber ebenso eine Verantwortung gegenüber bedrohten Wildtieren und der ganzen Vielfalt der Schöpfung. Und in diesem Punkt ist die Vorlage zu wenig ausbalanciert. Der Schutz der Wildtiere kommt meines Erachtens zu kurz. Dabei geht es nicht nur um den Wolf. Problematisch finde ich auch, dass der Bundesrat die Kompetenz erhalten soll, weitere geschützte Tierarten auf die Liste der jagdbaren Tiere zu setzen.

Trotzdem wird fast immer nur vom Wolf geredet. Warum löst dieses Tier solche Emotionen aus?
Wahrscheinlich hängt das mit der konfliktreichen Geschichte zusammen, die uns mit dem Wolf verbindet. Er war viele Jahrtausende unser Nahrungs- und Jagdkonkurrent. Diese alte Rivalität lebt sogar in unserer hoch technisierten Zivilisation weiter. Heute geht es darum, dass wir einen modus vivendi mit dem Wolf finden. Wir müssen lernen damit zu leben, dass es ihn gibt.

Ein neues Gesetz ist also nicht nötig?
Das bestehende Gesetz von 1986 ist in meinen Augen ein gutes Gesetz, das im Unterschied zur jetzigen Revision gesellschaftlich breit abgestützt war. Insofern kann man es vorläufig dabei belassen. Generell sollten wir aber unser Verhalten überdenken. Wir halten zu viele Nutztiere. Zudem wird der Nutzen einer hoch subventionierten Schafhaltung zu Recht in Frage gestellt, insbesondere wenn die Tiere nicht beaufsichtig werden. Indem wir weniger Fleisch essen, tragen wir zur Erhaltung des ökologischen Gleichgewichtes bei.

 

Der Theologe Kurt Zaugg-Ott (60) ist Fachstellenleiter beim ökumenischen Verein «oeku Kirche und Umwelt». Die Organisation setzt sich unter anderem für Biodiversität und die Bewahrung der Schöpfung ein. Sie wird von Kantonalkirchen, Kirchgemeinden und Pfarreien unterstützt.