«Bolsonaros Politik zielt auf die Auslöschung der Indigenen»

Im Amazonasgebiet wüten seit Monaten schwere Brände. Manuel Gysler ist Programmverantwortlicher für die Länder Brasilien und Haiti beim Hilfswerk Heks. Im Interview erzählt er von der Bedrohung durch die Holzmafia und Präsident Jair Bolsonaros rassistische Rhetorik.

Waldbrände und Brandrodungen bedrohen die Lebensgrundlage vieler indigener Völker. Im Bild: Spielende Kinder in einem indigenen Reservat im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso. (Bild: Keystone/AP/Andre Penner)

Herr Gysler, die Bilder von den brennenden Wäldern im Amazonas gingen um die Welt. Inzwischen ist es ruhiger geworden um das Thema. Ist die Situation unter Kontrolle?
Sie ist nicht mehr so dramatisch wie im August. Es gibt deutlich weniger Brände. Auf internationalen Druck hin änderte der brasilianische Präsident Bolsonaro seinen Kurs und schickte die Armee für Löschaktionen. Auch gab es ein zweimonatiges Feuerverbot. Das eigentliche Problem ist aber die Entwaldung. Solange Bolsonaro die massiven Rodungen für die Agrarindustrie nicht stoppt, bleiben seine Massnahmen Symptombekämpfung.

Warum?
Inzwischen wissen wir, dass ein grosser Teil der Brände nicht auf die Dürre, sondern auf eine grossflächige Abholzung zurückgeht. Durch Brandrodungen werden riesige Flächen für Monokulturen und die Viehzucht nutzbar gemacht. Es entstehen Soja- und Eukalyptusplantagen für die Papierproduktion. Diese Rodungen sind grösstenteils illegal, da es gemäss brasilianischer Verfassung verboten ist, in den Reservaten der indigenen Bevölkerung ohne deren Zustimmung abzuholzen. Bolsonaro hat diese Entwicklung mit seiner Politik legitimiert. Sie entspricht seinem Verständnis von Fortschritt.

Schon vor Bolsonaro war die Abholzung des tropischen Regenwaldes ein Problem. Was hat sich unter ihm verändert?
Es stimmt, dass auch früher teilweise massiv abgeholzt wurde. Unter Bolsonaro hat sich die Situation aber noch einmal verschlimmert. Aus Satellitenbildern geht hervor, dass in diesem Jahr fast viermal mehr Waldfläche gerodet worden ist als in den Jahren zuvor. Auffallend ist auch, dass die Anzahl Bussen für Umweltverbrechen gegenüber früher stark abgenommen hat. Noch nie gab es in diesem Bereich so wenig Regulierung wie heute.

Noch vor kurzem behauptete Bolsonaro, die Kleinbauern und indigenen Völker seien schuld an der Entwaldung.
Das ist natürlich absurd. Tatsächlich betreiben diese Völker teilweise auch Brandrodung. Aber das macht einen verschwindend kleinen Anteil aus. In der Regel haben sie ein vitales Interesse daran, ihren Lebensraum zu erhalten. Dem Präsidenten sind sie allerdings ein Dorn im Auge. Er betrachtet sie als Entwicklungsbremse für seine Pläne.

Die da wären?
Sein Ziel ist es, die Schutzgebiete der Indigenen für Bergbau und die Landwirtschaft zu öffnen. Ausserdem will er erreichen, dass internationale Unternehmen vermeht nach Rohstoffen suchen und diese ausbeuten können.

Manuel Gysler ist beim Heks verantwortlich für Hilfsprojekte in Brasilien und Haiti. Das Hilfswerk unterstützt die Opfer der Waldbrände im Amazonasgebiet. (Bild:ZVg)

Bis Ende August wurden rund 75’000 Brände im Amazonas und dem angrenzenden Steppengebiet registriert. Wie schlimm ist die Situation für die Betroffenen?
Am schwierigsten ist die Situation für die Kleinbauernfamilien und indigenen Gemeinschaften. Der Wald ist ihre Lebensgrundlage. Sie verdanken ihm Nahrung, Medizin, Kleidung und ihre Identität. Oft zerstören die Feuer aber nicht nur den Wald, sondern greifen auf Nutztiere, Häuser und das Saatgut über. Im Unterschied zu unseren Gesellschaften haben diese Gemeinschaften kaum Ressourcen, um solche Schocks abzufedern.

Wie hilft das Heks?
Wir haben ein vierköpfiges Team vor Ort, das die Zusammenarbeit mit unserem brasilianischen Partner Cese koordiniert. Wir unterstützen mehrere Kleinprojekte in den Bundesstaaten Mato Grosso, Mato Grosso do Sul und Tocantins. In dieser Übergangsregion von den Regenwäldern zum Savannengebiet haben die Feuer besonders stark gewütet. Heks versorgt die betroffenen Menschen mit Lebensmitteln, Saatgut und medizinischer Hilfe. Zudem helfen wir den indigenen Organisationen dabei, ihren politischen Forderungen Gehör zu verschaffen.

Laut Human Rights Watch sind im Amazonasgebiet schon rund 300 Umweltaktivisten ermordet worden. Verantwortlich dafür sollen die kriminellen Netzwerke sein, die den illegalen Holzschlag betreiben. Wie gefährlich ist die Arbeit vor Ort?
Sie ist nicht ungefährlich. Einschüchterungen und Bedrohungen gegenüber Menschenrechtsaktivisten und Organisationen, die sich für Minderheiten und die Umwelt einsetzen, sind an der Tagesordnung. Die Arbeit der Hilfsorganisationen wird aber nicht nur durch die Holzmafia erschwert. Schikanen gibt es auch von Seiten der Behörden. Zum Beispiel durch bürokratische Hindernisse oder indem die Banken den Zugang zu Geld blockieren.

Eine Gruppe von Experten für indigene Völker sprach in einem Aufruf von einem «Genozid» an diesen Gemeinschaften. Ist das nicht übertrieben?
Das ist natürlich ein starker Ausdruck. Er ist aber nicht völlig abwegig. Die Indigenen wurden über Jahrhunderte ihrer Territorien beraubt. Bereits vor seiner Präsidenschaft kündigte Bolsonaro an, dass er den Indigenen keinen Zentimeter Land zuweisen werde. Auch hat er sich wiederholt offen rassistisch über die als «Quilombolas» bekannten Nachfahren afrikanischer Sklaven und andere Minderheiten geäussert. Das ist eine Rhetorik der Auslöschung, denn sie fördert Rassismus und Gewalt.

Weitere Informationen zur Nothilfe des Heks in den brasilianischen Bundesstaaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul sind auf der Website des Hilfswerks zu finden.