Herr Gysler, die Bilder von den brennenden Wäldern im Amazonas gingen um die Welt. Inzwischen ist es ruhiger geworden um das Thema. Ist die Situation unter Kontrolle?
Sie ist nicht mehr so dramatisch wie im August. Es gibt deutlich weniger Brände. Auf internationalen Druck hin änderte der brasilianische Präsident Bolsonaro seinen Kurs und schickte die Armee für Löschaktionen. Auch gab es ein zweimonatiges Feuerverbot. Das eigentliche Problem ist aber die Entwaldung. Solange Bolsonaro die massiven Rodungen für die Agrarindustrie nicht stoppt, bleiben seine Massnahmen Symptombekämpfung.
Warum?
Inzwischen wissen wir, dass ein grosser Teil der Brände nicht auf die Dürre, sondern auf eine grossflächige Abholzung zurückgeht. Durch Brandrodungen werden riesige Flächen für Monokulturen und die Viehzucht nutzbar gemacht. Es entstehen Soja- und Eukalyptusplantagen für die Papierproduktion. Diese Rodungen sind grösstenteils illegal, da es gemäss brasilianischer Verfassung verboten ist, in den Reservaten der indigenen Bevölkerung ohne deren Zustimmung abzuholzen. Bolsonaro hat diese Entwicklung mit seiner Politik legitimiert. Sie entspricht seinem Verständnis von Fortschritt.
Schon vor Bolsonaro war die Abholzung des tropischen Regenwaldes ein Problem. Was hat sich unter ihm verändert?
Es stimmt, dass auch früher teilweise massiv abgeholzt wurde. Unter Bolsonaro hat sich die Situation aber noch einmal verschlimmert. Aus Satellitenbildern geht hervor, dass in diesem Jahr fast viermal mehr Waldfläche gerodet worden ist als in den Jahren zuvor. Auffallend ist auch, dass die Anzahl Bussen für Umweltverbrechen gegenüber früher stark abgenommen hat. Noch nie gab es in diesem Bereich so wenig Regulierung wie heute.
Noch vor kurzem behauptete Bolsonaro, die Kleinbauern und indigenen Völker seien schuld an der Entwaldung.
Das ist natürlich absurd. Tatsächlich betreiben diese Völker teilweise auch Brandrodung. Aber das macht einen verschwindend kleinen Anteil aus. In der Regel haben sie ein vitales Interesse daran, ihren Lebensraum zu erhalten. Dem Präsidenten sind sie allerdings ein Dorn im Auge. Er betrachtet sie als Entwicklungsbremse für seine Pläne.
Die da wären?
Sein Ziel ist es, die Schutzgebiete der Indigenen für Bergbau und die Landwirtschaft zu öffnen. Ausserdem will er erreichen, dass internationale Unternehmen vermeht nach Rohstoffen suchen und diese ausbeuten können.

Manuel Gysler ist beim Heks verantwortlich für Hilfsprojekte in Brasilien und Haiti. Das Hilfswerk unterstützt die Opfer der Waldbrände im Amazonasgebiet. (Bild:ZVg)