Kirche und Pandemie

«Wir brauchen ein internes Debriefing»

Hat die Pandemie der Kirche einen Digitalisierungsschub verpasst? Dieser Frage ging eine gross angelegte Untersuchung nach. Über Technologie-Skepsis der Reformierten und wie es nun weitergehen könnte, spricht Thomas Schlag, Initiator der Studie und Leiter des Zentrums für Kirchenentwicklung.

«Für uns war es eine einmalige Chance zu schauen, wie sich der Shutdown mit dem viel weiter reichenden Digitalisierungsprozess der Kirchen verknüpfte», sagt Thomas Schlag, Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich (Bild: zVg)

Herr Schlag, Sie haben rund 800 reformierte und katholische Pfarrpersonen in der Schweiz gefragt, wie sich der Shutdown auf ihren Arbeitsalltag ausgewirkt hat. Welche Antworten haben Sie am meisten überrascht?
Wie kreativ und aktiv die Pfarrerinnen und Pfarrer digital geworden sind – und dass Glaube und Spiritualität für viele eine sehr wichtige Rolle gespielt haben. Nur ein kleiner Anteil der Befragten sagte, dass sie digital gar nichts gemacht und sich zurückgezogen haben. Die Kirche war vielfältig präsent. Digital, seelsorgerisch, diakonisch. Deshalb halte ich die Behauptung einer fehlenden Systemrelevanz der Kirche, die manchmal in der Öffentlichkeit geäussert wurde, für eine ganz unbegründete Unterstellung.

Was war das Ziel der Befragung?
Für uns war es eine einmalige Chance zu schauen, wie sich der Shutdown mit dem viel weiter reichenden Digitalisierungsprozess der Kirchen verknüpfte. Wir wollten wissen, wie das Angebot während dieser Zeit aussah und was das mit den Pfarrpersonen und ihrem Rollenverständnis machte. Wir haben deshalb als Zürcher Lehrstuhl und Zentrum für Kirchenentwicklung Forschungskolleginnen aus vielen Ländern zusammengetrommelt, um so eine internationale und ökumenische Studie auf die Beine zu stellen. An dieser haben dann am Ende erfreulicherweise rund 6500 Pfarrpersonen und Seelsorgende teilgenommen.

Wie haben sich die Pfarrpersonen im Shutdown verhalten?
In Bezug auf Digitalisierung war es ein intensives Learning by Doing. Die meisten haben schnell reagiert, die Qualität der digitalen Beiträge war allerdings sehr unterschiedlich. Aber immerhin – es waren wirklich eindrückliche Reaktionen gerade im Blick auf die Oster- und Pfingstgottesdienste.

Auffallend ist, dass nur die Hälfte der Befragten angab, auf sozialen Medien aktiv zu sein. Hat Sie das überrascht?
Ja und Nein. Ist nun das Glas halb voll oder halb leer, muss man sich fragen. Aber ich hoffe, dass das nun ein Jahr später etwas anders aussieht. Bis anhin galt ja jemand, der die sozialen Medien nutzt, in der Kirche schon fast als Nerd. Die digitale Welt hat aber enormes Potenzial. Auf ihr kann auch Kirche «rund um die Uhr», sozusagen 24/7 präsent sein.

«Digitale Räume bestimmen unsere Kultur entscheidend mit. Man sollte sich schon überlegen, ob man als Pfarrperson eine Gegenkultur aufbauen will.»

Woher kommt diese Ablehnung gegenüber dem Digitalen?
Gerade im Protestantismus hat eine bestimmte Technikskepsis eine lange Tradition. Dies zeigte sich zum Beispiel in den naturwissenschaftlichen Revolutionen des 19. Jahrhunderts, denen man eine Gefährdung des Menschseins vorwarf. Und dann hat man sich in den Fünfzigerjahren mit dem Fernsehen und erst recht mit den Fernsehgottesdiensten auch erst mühsam angefreundet. Spätestens jetzt sollte ein Umdenken im Blick auf neue Medien einsetzen. Ob man es mag oder nicht: Digitale Räume bestimmen unsere Kultur entscheidend mit. Man sollte sich schon überlegen, ob man als einzelne Pfarrperson hier eine Art Gegenkultur aufbauen will.

Die Contoc-Studie

Unter dem Namen «Churches Online in Times of Corona», kurz Contoc, wurde 2020 eine internationale ökumenische Erhebung durchgeführt. Die Studie fokussierte insbesondere auf digitale kirchliche Angebote unter den Bedingungen der Kontakt- und Versammlungsbeschränkungen während der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr und Frühsommer.

Initiiert wurde Contoc von Thomas Schlag, Leiter des Zentrums für Kirchenentwicklung (ZKE) und Direktor des Universitären Forschungsschwerpunktes «Digital Religion(s)». An der Durchführung beteiligten sich das ZKE selbst, die Lehrstühle für Praktische Theologie an den Universitäten Zürich, Würzburg und St. Georgen, das Schweizerische pastoralsoziologisches Institut St. Gallen (SPI) sowie das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD (SI) gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus insgesamt 22 Ländern.

An der überwiegend quantitativ ausgerichteten Umfrage nahmen im Befragungszeitraum von Ende Mai bis Mitte Juli 2020 insgesamt knapp 6500 Pfarrerinnen und Pfarrer teil, davon rund 5000 aus dem Bereich der evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. (bat)

Sie haben die Pfarrpersonen gefragt, ob sie die Online-Kommunikation eher als Chance oder Risiko sehen. Was haben sie geantwortet?
Die meisten sehen sie eher als Chance. Aber manche fragen zurecht, ob die Digitalisierung zulasten des Gemeinschaftsgefühls geht und noch stärker als bisher zu nur noch individuellen Formen religiöser Praxis führt.

Und?
Das halte ich für etwas zu schnell geurteilt. Die Körperlichkeit fehlt zwar in gewisser Hinsicht in der digitalen Welt. Dafür finden hier ganz neue Formen religiöser Erfahrung und ganz realer Vernetzung statt. Zudem frage ich mich, ob man in der Pandemie nicht einen Mythos heraufbeschwor – davon, wie wichtig die physische Präsenz der Gemeinde doch sei. Natürlich fehlen auch mir die Atmosphäre und Begegnungskultur des gewohnten Gottesdienstes. Aber die Gemeinschaft in der Kirche bestand schon vorher oftmals nur aus einem kleinen Teil der Gemeinde. Nun ermöglicht das Digitale eine ganz andere räumliche Erfahrung und zeitliche Reichweite.

«Im Fall des kirchlichen Krisenmanagements habe ich den Eindruck, dass man vieles ganz allein aus eigenen Kräften machen wollte.»

Wie sieht es mit der Vernetzung der Kirchen untereinander im Shutdown aus?
Die fand insbesondere auf der Ebene der Kirchgemeinden statt. Dort hat man geschaut, wie man Kräfte bündeln kann, vor allem durch gemeinsame Teamarbeit, aber auch durch den Austausch mit den Berufskolleginnen und -kollegen. Ich hätte mir aber mehr Vernetzung gewünscht. Insbesondere auch auf ökumenischer, interreligiöser und politischer Ebene.

Wie hätte diese Vernetzung aussehen können?
Nun, in Krisen bündeln sich sinnvollerweise Kräfte und Expertenwissen, man denke etwa an bestimmte Naturkatastrophen, wo alle Fachleute zusammenspannen und gemeinsam ausrücken. Im Fall des kirchlichen Krisenmanagements habe ich den Eindruck, dass man vieles ganz allein aus eigenen Kräften machen wollte und die gemeinsamen Ressourcen vor Ort nicht so stark genutzt hat, wie es möglich gewesen wäre.

Sie haben auch untersucht, welche Auswirkungen die Pandemie auf die kirchlichen Bildungsangebote hatte. Was kam dabei heraus?
Das ist ein recht trauriges Kapitel. Die meisten Pfarrpersonen haben den Kontakt zu ihren Jugendlichen vor allem in der Konfirmationsarbeit während der Pandemie mehr oder weniger abgebrochen. Weniger als die Hälfte blieb während der Krise mit ihnen im Gespräch – und dies bei all diesen bedrängenden Krisenerfahrungen. Gerade mal ein Drittel hat den Unterricht online fortgesetzt. Da muss ich sagen: Geht’s noch? Und wissen Sie, was der Gipfel ist?

Sagen Sie’s mir.
Dass sich gerade mal 10 Prozent der Befragten am geplanten Konfirmationstag etwas Spezielles haben einfallen lassen. Bei allen anderen fand an diesem wichtigen und lange geplanten Datum einfach gar nichts statt. Man scheint einfach auf eine spätere Feier vertröstet zu haben. Das finde ich, gelinde gesagt, erstaunlich und auch wenig seelsorgerlich.

«Für mich braucht es nach diesen Erfahrungen der Krise vor allem eine Zeit der echten Besinnung.»

Am Schluss der Befragung konnten die Pfarrpersonen selbst noch schreiben, was sie in der Pandemie bewegt. Welche Feedbacks bekamen Sie?
Es gab unglaublich viele schriftliche Äusserungen, die häufig sehr persönlich formuliert waren – viele haben uns geradezu ihr Herz ausgeschüttet. Sie erlebten eine persönliche, berufliche und eben auch kirchliche Krisensituation. Aber in anderen Rückmeldungen wurde auch auf die vielen Chancen hingewiesen, die sich jetzt auftun – sowohl für das eigene Amt wie für die Gemeinde und auch für die Kirche selbst. Hier zeigt sich jedenfalls ein faszinierendes Panorama davon, wieviel produktives Potenzial diese Krisenerfahrungen haben. Ich habe deshalb den Eindruck, dass die Erfahrungen der Pandemie zu einer Art Katalysator für ein neues Nachdenken geworden sind: Wie können wir auf jeden Fall präsent sein und wie stark können wir über das bisher Gewohnte hinausgehen?

Nachdem Sie die Contoc-Befragung ausgewertet haben: Was raten Sie den Kirchen?
Für mich braucht es nach diesen Erfahrungen der Krise vor allem eine Zeit der echten Besinnung. Man kann nicht einfach wieder so zum Alltag oder womöglich zum «Vorher» zurückkehren. Es sollte nach der Pandemie erst einmal ein kircheninternes Debriefing stattfinden. Mit Fragen wie: Was an den digitalen Kommunikationsangeboten hat sich wirklich bewährt und was sollten wir deshalb unbedingt weiterführen? Wie haben wir uns selbst als Verantwortliche und Betroffene gleichermassen erlebt? Die Kirchgemeinden und ihr Personal sollten hier genau analysieren, was sie leisten konnten und was nicht. Und dann strategisch überlegen, wie sie sich mit ihrem Angebot auch digital so aufstellen, dass sie in vielfältiger Beziehung mit den Menschen bleiben.