Dokumentarfilm
Simon Lister sucht Hoffnung und findet sie in der abgelegenen Schule eines Glarners
Mit Orlando Bloom stand er in Bangladesch vor der Kamera, um für die Netflix-Serie «Tales by Light» Kinderarbeit zu dokumentieren. Liam Neeson, Shakira und Königin Rania von Jordanien vertonten seine Markenkampagne für Unicef. Zum 75-Jahr-Jubiläum der Vereinten Nationen drehte er einen Film, der vor Staats- und Regierungschefs in der UN-Vollversammlung Premiere feierte.
Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass der Neuseeländer Simon Lister über sein Hobby – die Fotografie – zu all diesen Aufträgen kam. Sein «day job», wie er es während des Videotelefonats mit ref.ch nennt, ist das Sounddesign. Seit er 19 ist, gestaltet der heute 58-Jährige in Sydney die Tonspur für TV-Spots von globalen Marken wie Nike und Toyota.
Um abzuschalten, fährt Lister mit dem Motorrad in entlegene Gegenden. In die Sahara, den Himalaya oder die Mongolei. Dort fotografierte er oft Kinder «weil sie neugierig und offen sind». Wo eine gemeinsame Sprache fehlt, übersetzt die Kamera. «Sie ist universell.»
Vom Hobby zur eigenen Filmserie
Während der Arbeit zeigte er seine Fotos den Kreativen aus der Werbeindustrie. Eines Tages fragte ihn ein Kunde, ob er als Fotograf dazu beitragen wolle, Unicef weltweit ein neues Image zu verleihen.
Nach der eingangs erwähnten Arbeit für Unicef, die Vereinten Nationen und Netflix will Lister mehr davon. Er fragt sich: «Wieso starte ich nicht mit einem eigenen Projekt?»
Ohne grosse Geldgeber im Rücken beginnt er mit der Produktion seiner eigenen Filmserie «What We Learn». Dank der heutigen Technik könne man bereits mit wenig Ausrüstung Filme in hoher Qualität produzieren, sagt Lister. «Ich habe einfach losgelegt.»
Seine Vision: Nicht in erster Linie Elend dokumentieren, sondern «stories of hope and joy», hoffnungsvolle Geschichten. «Ich will Freude statt Konflikte vermitteln.» Denn von der aktuellen Weltlage sei er wie viele andere erschöpft.
Die Frage, wie man mit kreativen Mitteln die Welt verbessern könne, treibe ihn stark um, sagt Lister während des Gesprächs. Für ihn ist klar: «Nichts berührt die Menschen mehr als ein starkes Bild.»
Eine Schule eines Glarners im Südpazifik
Für seine Serie orientiert sich Lister an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. «Bildung ist für benachteiligte Kinder entscheidend, um den Kreislauf der Armut zu durchbrechen. Es verändert sie und somit die Gesellschaft», sagt Lister und zählt Gesundheit, Umweltschutz und Klimawandel als Beispiele auf. «Je abgelegener ein Ort ist, desto weniger Bildung ist verfügbar», sagt Lister. Das habe sich auf all seinen Reisen gezeigt.
Der 58-jährige Simon Lister ist in Neuseeland geboren und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Sydney, Australien. (gab)
Jede Episode von «What We Learn» soll auf eine komplett andere Gegend fokussieren. Den Start macht die Schule eines Schweizers: Jonas Müller aus Glarus, der mit Maya Puspa Dewi aus Indonesien verheiratet ist. Müller lebt seit 2015 im indonesischen Westpapua auf der Insel Gam, das zum Naturschutzgebiet Raja Ampat gehört.
Dort, im Dörfchen Sawinggrai, wo sich die Häuser in einer schmalen Linie der Küste entlang aufreihen, hat Müller eine Schule gegründet. Zuerst war es eine einfache Pfahlbauhütte im Meer, mittlerweile zählt die Schule mehrere Gebäude, darunter ein Betonbau, der 2025 fertiggestellt wurde. Finanziert von Spenden, die mehrheitlich aus dem Glarnerland stammen.
Die Schule befindet sich in einem Epizentrum der marinen Biodiversität. An kaum einem Ort auf der Welt finden sich so viele verschiedene Korallenarten und andere Lebewesen. Darunter etwa der «walking shark», ein Haifisch, der in seichtem Wasser am Boden laufen kann. Durch den zunehmenden Tourismus steht die Natur aber immer stärker unter Druck.
Staatliche Schulen als Fassade
In den Dörfern auf den verschiedenen Inseln bilden Kinder oft die Mehrheit der Bevölkerung, Bildung gibt es aber kaum. Oft fehlt es an Grundlegendem wie Trinkwasser oder Strom. Wer ein Haus bauen will, muss das Holz in mühsamer und gefährlicher Arbeit im Dschungel fällen. Der Fisch wird geangelt, Reis in der nächstgrösseren Stadt eingekauft.
Zwar gibt es in den Dörfern staatliche Schulen, in denen die Kinder in Uniform erscheinen müssen. Sie sind aber mehr Fassade als Bildungsstätte, wie ein Besuch des ref.ch-Redaktors im Jahr 2017 zeigte. Die Kinder und Jugendlichen müssen das Gebäude wischen, die indonesische Fahne wird gehisst und alle salutieren. Nach einer wichtigen Prüfung berichten die Schülerinnen und Schüler, wie sämtliche Lösungen an der Wandtafel zum Abschreiben bereit standen.
So hält sich das System am Leben, alle erzielen einen Abschluss. Die Regierung Indonesiens hat offensichtlich kein Interesse, die Menschen in der rohstoffreichen Region zu ermächtigen. Westpapua strebt seit der Eingliederung in Indonesien während der 60er-Jahre eine Unabhängigkeit an.
Das Meer als Klassenzimmer
In Listers Dokumentation ist der enorme Wissensdurst der Kinder und Jugendlichen zu sehen. «Fünfzig Schülerinnen und Schüler sind ab sieben Uhr morgens bis abends um elf dort und wollen lernen», sagt Lister im Gespräch mit ref.ch. Die Schule unterrichtet zweisprachig und fokussiert sich auf Ökotourismus, Umweltschutz, Unternehmertum und Gesundheitsbildung. Aber auch kulturelle Bräuche werden im Unterricht behandelt.
Gelerntes wird in der Praxis angewandt, beispielsweise mit Tauchgängen. Lister zeigt, wie die Schülerinnen und Schüler mit Mantarochen und Schildkröten tauchen oder Plastikabfälle aus dem Meer fischen, die das Naturparadies bedrohen. Auch die Folgen des Klimawandels sind Thema: Der Meeresspiegel steigt und Überschwemmungen nehmen zu, was auch die Trinkwasserlöcher an Land versalzen lässt.
Dass Lister ein Perfektionist ist, zeigt sich an den insgesamt vier Besuchen in Westpapua. «Das war so nicht geplant.» Aber beim Schneiden der Aufnahmen zurück in Australien merkt er nach dem ersten Besuch, dass er mehr und bessere Aufnahmen braucht. Vor allem, um die Unterwasserwelt einzufangen. «Ich wollte die Qualität auf ein National-Geographic-Level heben», sagt Lister.
Die Anreise ist beschwerlich. Ein Flug von Sydney nach Sorong, dem Tor nach Raja Ampat, dauert um die 20 Stunden. Nach einer Fährenfahrt wird man mit einem Langboot ins Dörfchen Sawinggrai gebracht.
Bei den buddhistischen Nonnen im Himalaya
«What We Learn» ist für Lister ein Langzeitprojekt. «Ich möchte das für den Rest meines Lebens machen.» Er denkt an zwei bis drei Folgen pro Jahr. Die zweite Episode führte ihn in den Himalaya, zu buddhistischen Nonnen im Spiti-Tal.
Im letzten November war er für erste Aufnahmen dort, im März dann ein weiteres Mal. «Ich war fasziniert, weil das Kloster den einzigen Zugang zu Bildung in der Region bietet.»
Langfristig skizziert Lister weitere Schauplätze: indigene Gemeinschaften in Australien, urbane Armut in Kolkata, später möglicherweise Afrika – beispielsweise Äthiopien – oder entlang des Amazonas' in Südamerika.
Filmfestivals, dann vielleicht auf Youtube
Bisher hat er die Produktion zum grossen Teil selbst finanziert. Eine Stiftung aus den Vereinigten Staaten übernahm einzelne Kosten wie Flüge oder Honorare für Dienstleistungen in der Produktion. Auf seiner Reise in den Himalaya stellte ihm ein Hersteller dessen Spitzenmikrofone zur Verfügung.
Die erste Episode von «What We Learn» feierte in Westpapua Weltpremiere, kürzlich zeigte Lister sie auch an einem Filmfestival in Australien. Weitere Vorführungen, auch in Europa, sollen folgen. Lister führt Gespräche mit Vertriebspartnern, erwägt aber auch eine Veröffentlichung auf Youtube. «Am Ende will ich, dass möglichst viele Menschen die Filme sehen können.»