Kino
«Die ‹Odyssee› ist ein universeller Stoff»
Herr Hafner, Sie haben vergangene Woche Christopher Nolans «Odyssee» im Kino gesehen. Wie hat Ihnen der Film gefallen?
Filmisch hat er mich sehr überzeugt. Er zeigt, dass das Interesse an Mythen und grossen Erzählungen weiterhin vorhanden ist. Das sieht man aktuell auch in Computerspielen, Romanen und Jugendbüchern. Homers Epos besteht
Mit welchem Blick schaut ein Altphilologe einen solchen Film?
Als Altphilologe schaue ich zum einen darauf, wie originalgetreu die Vorlage umgesetzt ist. Was lässt der Film weg, was wird verändert? Ich denke da zum Beispiel an die Rüstung Agamemnons, die eher aus einem Fantasy-Film zu stammen scheint. Zum andern interessiere ich mich für die kreative Antiken-Rezeption. Denn jede Übersetzung und jede Adaption spiegelt auch die Kultur ihrer Entstehungszeit.
Wie hat Christopher Nolan den Stoff umgesetzt?
Bei Nolan erscheint der Held Odysseus als traumatisierter Kriegsveteran. Am Ende des Films ziehen vor seinem inneren Auge all die schrecklichen Bilder aus dem Krieg vorüber: Das massenhafte Töten, die Tempelschändungen, das Aufopfern der eigenen Männer. Dieser kriegskritische und psychologische Blick ist eine moderne Interpretation. Im homerischen Epos werden solche Kriegsverbrechen nicht problematisiert: Der Sturz Trojas wird vor allem als Ruhmestat gefeiert.
Im Film wird auch das eigentliche Kriegsmotiv umgedeutet.
Ja, Nolan lässt die Griechen vor allem aus wirtschaftlichen Interessen gegen Troja ziehen. Im homerischen Epos geht es hingegen darum, die entführte Helena zurückzuholen. Troja ist ein Prestigeobjekt, die materielle Beute kommt erst an zweiter Stelle. Man könnte diese Interpretation Nolans als Anspielung auf aktuelle Konflikte um Ressourcen und Öl ansehen – wie etwa den Irankrieg oder den Konflikt um Venezuela.
Den Zauber des homerischen Epos machen auch die zahlreichen märchenhaften Episoden aus. Wie fanden Sie diese umgesetzt?
Teilweise haben sie mir sehr gut gefallen. Die Episode mit dem Zyklopen Polyphem enthält Elemente aus dem Horrorfilm, das ist stark umgesetzt. Genau so habe ich mir diese dunkle Höhle, in der die Helden eingeschlossen sind, vorgestellt. Gleichzeitig lässt Nolan viele Details weg: Die berühmte List mit dem Namen «Niemand» kommt zum Beispiel gar nicht vor. Interessant fand ich auch: Bei Homer machen diese Abenteuer nur die Gesänge 9 bis 12 aus. Bei Nolan spielen sie wie in vielen anderen Nacherzählungen eine überproportional grosse Rol
Markus Hafner ist Professor für Griechische Philologie an der Universität Zürich. Der Klassische Philologe forscht zur antiken griechischen Literatur mit Schwerpunkten auf Autorschaft, Anonymität, Satire und der Geschichte der Altertumswissenschaft.
Für seine wissenschaftliche Arbeit wurde Hafner unter anderem mit einem ERC Starting Grant und dem Bruno-Snell-Preis der Mommsen-Gesellschaft ausgezeichnet. (no)
Dagegen nimmt die Götterwelt bei Homer viel Raum ein. Wie sind die Götter bei Nolan dargestellt?
So gut wie gar nicht. Die zahlreichen Dialoge zwischen den Göttern, die bei Homer eine grosse Rolle spielen, sind weggelassen. Das ist typisch für moderne Adaptionen. Ich finde es aber dennoch etwas schade, weil etwas verlorengeht. Bei Homer gibt es beispielsweise diese Szene, als Odysseus dem Zyklopen Polyphem seinen Namen sagt. Dadurch kann Polyphem ihn bei seinem Vater, dem Meeresgott Poseidon, anschwärzen. Das ist ein wichtiges Element, denn durch den Zorn des Poseidon wird Odysseus auf Irrfahrt geschickt. Im Film wirkt das nun nicht so überzeugend motiviert.
Eine Ausnahme ist Athene.
Ja, Athene kommt als Gesprächspartnerin und Begleiterin des Odysseus vor. Allerdings erscheint sie im Film eher als eine Personifikation des schlechten Gewissens, das Odysseus aufgrund seiner Kriegstaten hat. Wir wissen am Ende nicht, ob sie nur eine Fantasie ist.
Allgemein stiessen die Frauenfiguren in Nolans Film auf Kritik. Sie seien stereotyp. Wie sehen Sie das?
Frauenfiguren aus der Odyssee haben in den letzten Jahren vermehrt eine feministische Rezeption erfahren. Ich denke an Romane wie «Die Penelopiade» von Margaret Atwood. Man könnte auch sagen, dass die Figur der Zauberin Kirke feministische Züge hat: Sie verwandelt die Männer in das, was sie aus ihrer Sicht bereits sind: nämlich Schweine. Bei Nolan kommt diese Szene vor, insgesamt bleibt er aber hinter dieser feministischen Perspektive zurück. Penelope hat bei ihm eher eine passive Rolle – passiver auch als im Original.
Eine dieser Frauenrollen sorgte bereits im Vorfeld für Debatten. Konservative Stimmen stiessen sich daran, dass Helena von der schwarzen Schauspielerin Lupita Nyong'o verkörpert wird. Was ist Ihre Haltung zu dieser Diskussion?
In den USA ist das Thema der Hautfarbe politisch stark aufgeladen. Ich finde die Debatte verfehlt, weil es sich um eine mythische Figur handelt. Helena dient schon in der Antike als reine Projektionsfläche: die schönste Frau, die schuld am Krieg ist, zugleich Spielball der Götter. Bücher wie die Illias oder die Odyssee sind universelle Stoffe, die auf verschiedene Weise adaptiert werden können. Interessanterweise spielen Debatten um die Hautfarbe in der Antike keinerlei Rolle, das ist ein modernes Phänomen.
Auch sonst ist der Film gerade in aller Munde. Wie erklären Sie sich die Faszination für die Antike?
Die Literaturkritik hat bereits vor rund 50 Jahren behauptet, dass die Zeit der grossen Erzählungen vorbei sei. Tatsächlich scheint das Bedürfnis nach solchen Geschichten aber weiterzuleben. Vielleicht nehmen Fantasy-Welten wie etwa «Game of Thrones» oder «Herr der Ringe» oder eben antike Mythen heute die Funktion ein, die früher biblische Erzählungen hatten: Sie bieten Orientierung, Unterhaltung und Stoff zum Nachdenken.
Zumindest für Ihr Studienfach ist das eine gute Nachricht.
Auf jeden Fall. Nach dem Film «Troja» von 2004 verzeichnete man mancherorts ebenfalls einen Anstieg der Studierendenzahlen. Ich kann dann nur sagen: Dieses Interesse ist toll, und übrigens gibt es ja auch noch das Buch zum Film.