«‹Jetzt kannst du dich zurückziehen, du hast ja noch Familie›»

Die reformierten Landeskirchen Zürich, Aargau und Baselland bieten neu ein Mentoringprogramm «Frauen in die Kirchenleitungen» an. Die Genderbeauftragte Sabine Scheuter erklärt, auf welche Schwierigkeiten Frauen auf dem Weg nach oben treffen und welche Unterstützung das Programm ihnen bieten kann.

Sabine Scheuter ist bei der reformierten Zürcher Landeskirche Ansprechpartnerin für Gender- und Diversity-Fragen. (Bild: zVg)

Frau Scheuter, warum brauchen Frauen in der Kirche ein solches Mentoringprogramm? Sie können doch inzwischen überall Leitungsfunktionen übernehmen.
Sie tun es aber nicht. Wir beobachten sogar einen Rückgang: 2006 gab es in der Schweiz acht Kirchenratspräsidentinnen, 2019 sind es noch drei. Bei den Kirchenratsmitgliedern ist es ähnlich: In Zürich hatten wir mal vier, danach war es plötzlich noch eine, jetzt sind es immerhin wieder zwei. Aber das ist noch lange keine ideale Repräsentation. Und es gibt in der Zürcher Landeskirche immer noch dreimal so viele Dekane wie Dekaninnen.

Warum gibt es denn so wenige Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen?
Das ist ja nicht nur in der Kirche so, das erleben wir in andere Bereichen auch. Die Gründe sind vielfältig. Da ist einmal der Zeitaufwand. Viele Frauen haben einen Job und leisten daneben einen Grossteil der Fürsorge- und Haushaltsarbeit. Ein zusätzliches Amt wäre da eine zu grosse Belastung. Ausserdem meinen manche Entscheidungsträger, sie hätten ihre Pflicht getan, wenn es schon eine Frau in einer Leitungsfunktion gibt, und bemühen sich nicht darum, weitere ins Boot zu holen. Ich kenne auch einen Fall, wo sich eine Frau für ein Kirchenratspräsidium beworben hat. Als dann noch ein Mann kandidierte, sagte man ihr: «Jetzt kannst du dich zurückziehen, du hast ja noch Familie.» Das hat sie aber nicht gemacht, und dann wurde sie auch tatsächlich gewählt.

Das braucht Stehvermögen.
Ja, und davor haben manche Frauen Angst. Sich durchsetzen müssen, Konkurrenzsituationen aushalten, in der Öffentlichkeit für etwas einstehen, Medienanfragen beantworten – das trauen sich viele Frauen nicht zu oder sie wollen sich das nicht antun.

Das klingt, als wollten die Frauen es allen recht machen. Ist denn da ein Mentoring der richtige Weg?
Frauen, die nur lieb sein wollen und mit ihrer Situation zufrieden sind, kommen gar nicht zu uns – und die brauchen wir hier auch nicht. Uns geht es um Frauen, die eigentlich Lust auf eine Leitungsfunktion, aber vielleicht eine gewisse Schwellenangst haben. Die Mentorin kann ihnen da den Rücken stärken. An den drei Tagen im Plenum erhalten sie nützliche Informationen, haben einen geschützten Raum zum Ausprobieren. Und sie sind mit vielen anderen Frauen zusammen, die ähnliche Wünsche haben. Da traut man sich mehr.

Gibt es viele solche Frauen? Wie gross ist die Nachfrage?
Wir hatten zwölf Plätze vorgesehen, über zwanzig Frauen waren interessiert. Die meisten aus den drei Landeskirchen, die bei dem Projekt zusammenarbeiten, aber auch aus anderen Kantonen. Natürlich gab es ein Auswahlverfahren, da wir gewisse Bedingungen stellen. Wir wollen Frauen, die Ambitionen haben eine Führungsfunktion zu übernehmen, egal ob sie Theologinnen, Sozialdiakoninnen oder Behördenfrauen sind. Nach Abschluss des Verfahrens mit Motivationsschreiben und Telefoninterviews waren immer noch mehr Kandidatinnen als Plätze da. Einen zusätzlichen Platz konnten wir dann noch schaffen, so dass wir nun mit 13 Tandems gestartet sind.

Was ist bisher gelaufen?
Am 21. Mai war die Kickoff-Veranstaltung. Da haben sich zuerst die Mentorinnen und die Mentees getrennt überlegt, wo sie jetzt stehen, was sie erreichen wollen und was sie von diesem Jahr erwarten. Dann haben wir die Tandems gebildet. Jetzt sind Mentorin und Mentee gemeinsam unterwegs, tauschen sich über ihre Erfahrungen aus, die Mentorinnen geben Tipps und Feedback.

Wer sind die Mentorinnen?
Aktuelle und ehemalige Kirchenrätinnen, Abteilungsleiterinnen aus anderen Gremien, vom SEK-Rat ist auch eine Frau dabei. Auch die Mentorinnen schätzen sehr, dass sie sich so mit anderen Frauen in Leitungsfunktionen austauschen und vernetzen können.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Tandems gebildet?
Wir haben zuerst darauf geschaut, dass die in den Bewerbungen geäusserten Erwartungen möglichst gut abgedeckt werden können. Auch inhaltlich sollten die beiden Frauen zusammenpassen. Zum Beispiel hat eine Theologin wenn möglich auch eine Theologin als Mentorin erhalten. Ausserdem haben wir die Paare über die Kantonsgrenzen hinweg gebildet. Manche bedauern, dass es dadurch längere Reisewege gibt. Aber es wäre schon problematisch, wenn eine Zürcher Kirchenrätin im Tandem mit einer Zürcher Pfarrerin unterwegs wäre.

Und wie geht es jetzt weiter?
Im November gibt es einen Impulstag, im März 2020 schliessen wir das Programm ab. Danach wird es eine Auswertung geben.