Bücherwurm
Auch ein Reformierter schaffte es auf Dan Pelzers Leseliste
Dan Pelzer war Sozialarbeiter in Columbus (Ohio) und eine wahre Leseratte. Rund 5000 Bücher soll der am 1. Juli im Alter von 92 Jahren Verstorbene in seinem Leben gelesen haben, wie verschiedene US-amerikanische Medien berichteten.
Das Besondere daran: Pelzer protokollierte seit 1962 jedes einzelne Buch, das er zu Ende gelesen hatte. Nach seinem Tod hinterliess er seinen Angehörigen eine lange handgeschriebene Liste mit über 3500 verzeichneten Titeln.
Ursprünglich habe sie die Liste den Gästen auf der Beerdigung ihres Vaters als Hand-out mitgeben wollen, erzählt Tochter Marci Pelzer in der «New York Times». Gedruckt sei sie jedoch viel zu lang geworden, deshalb habe sie die Liste digitalisiert.
Täglich 100 Seiten
Schwung nahm Pelzers Geschichte schliesslich auf, als seine Stammbibliothek, die Columbus Metropolitan Library, in einem Beitrag in den sozialen Netzwerken an den leidenschaftlichen Leser erinnerte. Binnen Kurzem erhielt der Eintrag Zehntausende Likes und Kommentare und erregte das Interesse der Medien.
Pelzer begann in den frühen 60er Jahren als Angehöriger des Friedenskorps in Nepal damit, die gelesenen Bücher zu dokumentieren – jeweils mit Titel, Name des Autors und Datum der Lektüre.
Der Koreakrieg-Veteran, der zwischenzeitlich im Sicherheitsdienst eines Nachtclubs arbeitete, setzte sich zum Ziel, täglich 100 Seiten zu lesen. «Ich habe noch nie einen so neugierigen Menschen wie ihn getroffen », erinnert sich Tochter Marci auf der in Gedenken an ihren Vater eingerichteten Webseite what-dan-read.com.
Pelzer hatte die Angewohnheit, alle Bücher zu Ende zu lesen – auch dann, wenn er sie wie James Joyces «Ulysses» als «reinste Qual» empfand. Er sei ein wahrer Renaissance-Mensch gewesen, sagt Maria Armitage von der Columbus Metropolitan Library in einem Artikel auf CBC.
«Er las alles Mögliche, von Theologie bis hin zu viel Geschichte, aber auch populäre Belletristik und hatte einen ziemlich vielfältigen Geschmack». Zu Pelzers Lieblingsbüchern gehörten etwa Thriller von John Grisham.
Die Bibel zwölf Mal gelesen
Sein Interesse an religiösen und theologischen Fragen kam nicht von ungefähr. Pelzer war gläubiger Katholik und half noch als Pensionierter in der Gemeinde bei der Essensverteilung für Bedürftige mit. Neben religionsgeschichtlichen Büchern tauchen in der Liste auch Werke von Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King und Hans Küng auf.
Und auch ein Reformierter schaffte es in die Chronik: Am 19. Januar 2001 beendete Pelzer die Lektüre des Kommentars zum Matthäus-Evangelium des inzwischen verstorbenen Zürcher Neutestamentlers Ulrich Luz.
Dabei ist Pelzers Liste noch nicht einmal vollständig. Nicht enthalten sind die Bücher, die Pelzer vor 1962 las. Auch die Bibel steht nicht darauf – laut Angaben seines Sohns soll Pelzer sie insgesamt rund zwölf Mal gelesen haben.
Im Nachruf bat die Familie darum, anstelle von Blumen Spenden an eine gemeinnützige Organisation zu leisten, und fügte hinzu: «Sie können Dan auch ehren, indem Sie einen echten ‹Page-Turner› lesen».