Schriftsteller-Jubiläum

Mein Leben mit Thomas Mann

Wie ist es, den gleichen Namen wie eine Berühmtheit zu haben? Den deutschen Pfarrer Thomas Mann stört es nicht, dass er oft auf seinen grossen Namensvetter angesprochen wird. Mit dessen Büchern kann er hingegen wenig anfangen.
Wie fühlt es sich an, wenn einem eine Berühmtheit über die Schultern schaut? Thomas Mann, aufgenommen 1953 in Erlenbach ZH. (Bild: Keystone)

«Ich hatte nie ein Problem damit, den gleichen Namen wie der grosse Schriftsteller zu haben. Ich heisse gern Thomas Mann. Es ist ein schöner Name. Natürlich reagieren die Leute darauf. Manche fragen mich, ob ich mit Thomas Mann verwandt sei oder meine Eltern Fans von ihm gewesen seien. Aber dem ist nicht so. Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater war Arbeiter, zuletzt war er als Pförtner angestellt. Mit Thomas Mann hatte er nichts am Hut. Irgendwo hatte er den Namen wohl aufgeschnappt und fand ihn toll. Die Manns waren damals in Deutschland sehr populär. Also wurde ich auf den Namen Thomas getauft.

Meinem jüngeren Bruder wäre es beinahe gleich ergangen. Mein Vater hatte die Idee, ihn Golo zu nennen. Golo war der mittlere Sohn von Thomas Mann. Diesmal gab es aber Widerstand in der Familie. Nach einigen Verhandlungen einigte man sich darauf, dass mein Bruder Ralf heissen und Golo sein zweiter Vorname sein sollte. Auf dem Amt war mein Vater jedoch nicht in der Lage, den Namen richtig zu buchstabieren. Er dachte, man schreibe Golo mit zwei «l». Jetzt heisst mein Bruder Ralf Gollo Mann. 

«Mein Name hat mir geschmeichet. Ich fand es toll, dass Strassen nach mir benannt waren.»
Pfarrer Thomas Mann

Als Kind hatte ich natürlich keine Ahnung, wer Thomas Mann war. Ich spürte aber, dass mein Name mit einer wichtigen Person verbunden war. Aufgrund einer angeborenen Sehbehinderung musste ich als Kind oft in die Augenklinik. Dort stellte ich mich jeweils mit dem Namen «Professor Doktor Thomas Mann» vor. Alle haben sich halb totgelacht.

Erst als Schüler wurde mir bewusst, mit wem ich meinen Namen teile. Das hat mir geschmeichelt. Ich fand es toll, dass Strassen nach mir benannt waren. Damals begann ich auch, eigene Kurzgeschichten zu schreiben. Naiv wie ich war, reichte ich bei einem Literaturwettbewerb einmal Texte unter meinem Namen ein. Eine Reaktion habe ich natürlich nie erhalten, man hielt es wohl für einen Jux. Heute bin ich in solchen Situationen vorsichtiger und füge meinen zweiten Vornamen Hans hinzu.

«Das war ein besonderes Erlebnis, hoch oben auf einem Alpenpass über Thomas Mann zu plaudern.»
Pfarrer Thomas Mann
Zur Person

Pfarrer Thomas Mann (61) ist Referent des evangelischen Stadtdekans von Stuttgart und Inklusionsbeauftragter für den Pfarrdienst in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Aufgrund einer angeborenen Sehbehinderung besuchte er das Carl-Strehl-Gymnasium für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler in Marburg. Anschliessend studierte er Theologie und trat in den Pfarrdienst ein. Mann ist verheiratet und lebt in Stuttgart. (no)

Beruflich ging es für mich in eine andere Richtung. Ich studierte Theologie in Marburg, Tübingen und Cambridge. In dieser Zeit habe ich schon gerne mit meinem Namen kokettiert. Einmal wollte ich in einer Buchhandlung meine Bestellung abholen: «Auf welchen Namen?» – «Thomas Mann» – «Das ist mir schon klar, aber wie heissen Sie?». Anschliessend absolvierte ich ein Praktikum als diakonischer Helfer in der Sozialpsychiatrie in Reutlingen in Baden-Württemberg. An der Uni hatte ich mich zuletzt mit den Kirchenvätern befasst. Die Erfahrung in der Psychiatrie hat mich geerdet, dafür bin ich dankbar.

Danach war ich viele Jahre Gemeindepfarrer. Heute arbeite ich unter anderem als Inklusionsbeaufragter für den Pfarrdienst unserer Landeskirche. Als solcher bin ich Ansprechperson für Pfarrpersonen mit einer schweren Behinderung. Da ich selber mit einer Beeinträchtigung lebe, kann ich mich in diese Menschen gut einfühlen. Ich berate sie, wenn es zum Beispiel um eine Stellenbesetzung oder den Eintritt in den Ruhestand geht. Auch bei Themen wie Barrierefreiheit in den Kirchgemeinden bringe ich meine Expertise ein. Zudem schule ich Vorgesetzte im Schwerbehindertenrecht.

Seit rund 30 Jahren bin ich mit meiner Frau Claudia verheiratet, Kinder haben wir nicht. In meiner freien Zeit steige ich gern aufs Tandem und überquere Alpenpässe. Einmal bat ich auf dem Simplon einen Schweizer darum, ein Foto von mir zu machen. Schnell ist das Gespräch auf meinen Namen gekommen. Das war ein besonderes Erlebnis, hoch oben auf einem Alpenpass über Thomas Mann zu plaudern.

«Manchmal frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich Hermann Hesse geheissen.»
Pfarrer Thomas Mann

Fans von ihm muss ich aber meistens enttäuschen. Denn offen gestanden bin ich mit den Büchern von Thomas Mann nie richtig warm geworden. Sicher war er einer der besten Stilisten seiner Zeit. Aber wer schreibt und redet heute noch so? Ich selber ziehe etwa die Bücher der Österreicher Robert Seethaler und Arno Geiger sowie des Schweizers Martin Suter vor. So wie sie würde ich auch gerne schreiben können.

In letzter Zeit werde ich nicht mehr so oft auf meinen Namen angesprochen. Viele jüngere Leute wissen nicht mehr, wer Thomas Mann war. Wenn ich mich ihnen vorstelle mit den Worten «Thomas Mann – wie der Schriftsteller», lautet die Antwort oft: «Welcher Schriftsteller?».

Ich glaube, unser aller Leben ist von unserem Namen mitgeprägt. Er ist Teil unserer Identität. Auch ich wäre ohne meinen Namen heute vielleicht ein ganz anderer. Manchmal frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich Hermann Hesse geheissen.»

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