Untersuchung von Gottfried Lochers Rücktritt läuft weiter

Nun ist es definitiv: Die Aufarbeitung der Rücktritte innerhalb der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) wird nicht aufgeschoben. Geht es nach dem Rat, sollen erste Ergebnisse sogar schon im September vorliegen.


Mehrere Wochen lang war unklar, wie es mit der Aufarbeitung der Rücktritte von Gottfried Locher und Sabine Brändlin aus dem Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) weitergehen soll. Zwar hatte die Synode am 15. Juni beschlossen, eine nichtständige Kommission mit der Untersuchung zu betrauen. Eine Anwaltskanzlei, die der Rat zuvor mit dem selben Ziel engagiert hatte, wurde dieser Kommission unterstellt und soll ihr berichterstatten.

Im Nachhinein stellte sich jedoch heraus, dass es dabei zu einer Panne gekommen war: Die Kommission darf nicht wie angenommen unmittelbar vom Synodebüro, sondern erst Mitte September von der Gesamtsynode eingesetzt werden (ref.ch berichtete). Ob die externe Kanzlei ihre Arbeit deswegen aussetzen und sich die Untersuchung insgesamt verzögern würde, war Gegenstand zahlreicher Abklärungen seit Mitte Juni.

Kanzlei arbeitet weiter

Nun sind sich die Verantwortlichen offenbar einig geworden. Wie aus einem Brief der EKS an die Synodalen sowie die Mitgliedkirchen hervorgeht, bestätigt der Rat den Auftrag an die Anwaltskanzlei Rudin-Cantieni und weist sie an, «die Arbeit umgehend fortzusetzen». Gleichzeitig wird in dem Schreiben vom 15. Juli festgehalten, dass die Kanzlei ihren Bericht sowie allfällige Empfehlungen der noch zu wählenden Kommission übergeben soll.

Laut Esther Gaillard, Vizepräsidentin des Rates, habe man sich für diesen Weg entschieden, um eine möglichst rasche Aufarbeitung zu garantieren und gleichzeitig den Entscheid der Synode zu respektieren. Das Vorgehen sei auch bei Andreas Zeller, Synodalratspräsident der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, auf Zustimmung gestossen. Zeller hatte den Antrag eingereicht, die Anwaltskanzlei der Kommission zu unterstellen.

«Es braucht eine Gesamtschau»

Inhaltlich habe sich am Auftrag an Rudin-Cantieni nichts geändert, hält Gaillard weiter fest. So müsse unter anderem die Beschwerde der ehemaligen Angestellten, die dem zurückgetretenen Präsidenten Gottfried Locher Grenzverletzungen vorwirft, geprüft werden. Auch ob der Rat korrekt auf die Beschwerde reagiert hat und ob es allenfalls zu weiteren Grenzverletzungen gekommen ist, soll untersucht werden. «Meiner Meinung nach braucht es nun unbedingt eine Gesamtschau», sagt Gaillard. «Schliesslich geht es um die Glaubwürdigkeit unserer Kirche.»

Gottfried Locher war am 27. Mai als Präsident der EKS zurückgetreten. Rund einen Monat zuvor hatte bereits Ratsmitglied Sabine Brändlin ihre Demission bekanntgegeben. Sie hatte zusammen mit Esther Gaillard die Beschwerde der ehemaligen Mitarbeiterin bearbeitet, bevor diese dem Rat vorgelegt wurde. Im Zuge der öffentlichen Debatte war bekannt geworden, dass Brändlin und Locher in der Vergangenheit eine Beziehung gehabt hatten (zur Chronologie der Ereignisse).

Erster Rapport schon im September?

Bis Anfang August können die Kantonalkirchen nun ihre Wahlvorschläge für die Untersuchungskommission einreichen. Die Synode vom 13. und 14. September wählt schliesslich die definitiven Mitglieder. Wenn es nach dem Rat geht, soll Rudin-Cantieni schon dann einen ersten mündlichen Zwischenbericht liefern.

Rudin-Cantieni Rechtsanwälte ist eine Kanzlei mit Sitz in Zürich. Sie ist unter anderem auf Öffentliches Personalrecht, Kindes- und Erwachsenenschutzrecht sowie Strafrecht spezialisiert. Ausserdem verfügt sie über Erfahrung in der Unterstützung von parlamentarischen Untersuchungskommissionen (PUK). Zuständig für den Auftrag der EKS ist Rechtsanwältin Christine Baumgartner. (vbu)