Sabine Brändlin begründet erstmals ihren Rücktritt

Ihre Demission stand am Anfang der Krise, in der sich die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz zur Zeit befindet. Nun wird erstmals Sabine Brändlins Version der Ereignisse öffentlich.


Bisher hat Sabine Brändlin keine Stellung genommen zu ihrem Rücktritt vom 24. April aus dem Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Dennoch sind nun Details an die Öffentlichkeit gelangt, wie sich die Dinge aus ihrer Sicht zugetragen haben. Demnach ist Brändlin hauptsächlich wegen Differenzen in Bezug auf ein bestimmtes Ratsgeschäft zurückgetreten. Dies schreibt der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg in einem Brief, den er am Freitag an die Synodalen der EKS versandte.

Er habe in den vergangenen Tagen Gespräche mit Sabine Brändlin geführt, so Weber-Berg. Nach ihren Aussagen fehlten im Bericht der Geschäftsprüfungskommission (GPK) zu ihrer Demission wichtige Informationen. Zudem deckten sich ihre Schilderungen nicht vollständig mit denjenigen des Rates, die im Rahmen der Synode vom vergangenen Montag öffentlich geworden waren. «Es ist mir ein Anliegen, Euch Sabine Brändlins Schilderungen zugänglich zu machen, damit Ihr Euch ein breiter abgestütztes Bild der Ereignisse machen könnt», schreibt Weber-Berg in dem Dokument, das ref.ch vorliegt.

Keine Suspendierung, keine Kommunikation

Beim besagten Ratsgeschäft handelt es sich um eine Beschwerde, die eine ehemalige Mitarbeiterin der EKS, damals noch Kirchenbund, eingereicht hat. Darin wirft sie dem ebenfalls kürzlich zurückgetretenen Präsidenten Gottfried Locher Grenzverletzungen vor. Sabine Brändlin hat zusammen mit Vizepräsidentin Esther Gaillard sowie vier weiteren Personen die Beschwerde seit Januar bearbeitet, bevor sie dem Gesamtrat Mitte April vorgelegt wurde.

Für Brändlin sei zwingend gewesen, dass der Rat der EKS eine Untersuchung der mutmasslichen Grenzverletzungen anberaume, den Präsidenten suspendiere und dies kommuniziere, heisst es in dem Schreiben. Wie seit der Synode klar ist, hat der Rat sich aber nur für eine Untersuchung entschieden, Gottfried Locher jedoch nicht freigestellt und auch nicht die Öffentlichkeit informiert.

«Ein Verbleib im Rat war Sabine Brändlin in dieser Situation nicht mehr möglich», heisst es weiter. Darüber hinaus habe sie den vorab mit der Beschwerde befassten Personen schon im Februar mitgeteilt, dass sie für den Fall, dass nicht alle drei Massnahmen ergriffen würden, ihre Demission einreichen würde.

Bitte um Entschuldigung

An der Synode vom 15. Juni war ein anderes Bild der Ereignisse gezeichnet worden. So hatte EKS-Ratsmitglied Ulrich Knoepfel gesagt, Sabine Brändlin sei auf seine Aufforderung hin zurückgetreten. Er habe diese Aufforderung sowohl an sie wie auch an Gottfried Locher gerichtet, nachdem der Rat erfahren habe, dass die beiden in der Vergangenheit eine Beziehung gehabt hatten. Dieses Verhältnis war erst durch Aussagen Knoepfels öffentlich geworden und wurde vom GPK-Bericht bestätigt.

Im Brief von Christoph Weber-Berg heisst es, Sabine Brändlin sei sich bewusst, dass die Beziehung «der Ratsarbeit nicht zuträglich war. Sie erkennt und bedauert die negativen Implikationen dieser Konstellation auf die Wiederwahl im Jahr 2018 und bittet Euch als Synodale dafür um Entschuldigung.» Demnach hätte Brändlin diese Bitte gerne an der Synode mündlich ausgesprochen. Dies war jedoch nicht möglich: Ihre sowie Gottfried Lochers offizielle Verabschiedung wurde auf die Herbstversammlung verschoben. (vbu)