Kommentar: Gottfried Locher ist nicht das Problem

Seit Jahren wird in unserer Gesellschaft die Übergriffigkeit mächtiger Männer debattiert. Frustrierenderweise müssen Frauen jedoch bei jedem neuen Vorwurf von vorne mit der Verteidigung und der Erklärarbeit beginnen. Das zeigt sich auch bei den Ereignissen um den Rücktritt von Gottfried Locher.

Eine Teilnehmerin des Frauenstreiks im Juni 2019 demonstriert gegen Sexismus. Ihre Message dürfte vielen Frauen aus der Seele sprechen. (Bild: Keystone / Peter Klaunzer)

Der Rücktritt von Gottfried Locher erregt die Gemüter. Im Raum stehen Vorwürfe der Grenzverletzung, doch was genau geschehen ist und welche Rolle der Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) oder seine Ratskollegen dabei gespielt haben, ist nach wie vor unklar. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Dessen ungeachtet ist um die Vorfälle eine öffentliche Debatte entbrannt. Und bereits jetzt lässt sich sagen: Sie verläuft aus Frauensicht äusserst frustrierend. So schrieb etwa der Theologe Josef Hochstrasser in einem Gastkommentar in den Zeitungen der Tamedia von einem «Racheakt» gegen Locher. Reformationspuristen, Moralisten und Feministinnen hätten sich zusammengetan, um eine «starke Führungspersönlichkeit» abzuschiessen – auch deshalb, weil diese Persönlichkeit ein Mann ist. Zahlreiche Kommentatoren auf den News-Portalen und in den sozialen Medien scheinen diese Ansicht zu teilen.

Es ist ein Narrativ, das Frauen nur zu gut kennen: Immer dann, wenn Vorwürfe von sexuellem Fehlverhalten mächtiger Männer auftauchen, werden den mutmasslichen Opfern wahlweise Rachegelüste oder Profilierungssucht vorgeworfen. Als ob es Spass machen würde, etwas vom Intimsten und mitunter Verstörendsten preiszugeben, das man mit einem anderen Menschen erleben kann. Und als ob es für Frauen dadurch tatsächlich etwas zu gewinnen gäbe. Das Gegenteil ist der Fall: Frauen, die Männer anklagen, müssen damit rechnen, beschimpft zu werden, private Fotos und Details über sich in der Presse zu entdecken oder gar Morddrohung zu erhalten.

Seit Jahren und verstärkt seit der Debatte um #metoo 2017 berichten Frauen ausserdem über ihre Erfahrungen mit Belästigung, angefangen beim anzüglichen Spruch am Arbeitsplatz bis hin zu ungefragt zugeschickten Bildern irgendwelcher Geschlechtsteile. Trotzdem scheinen viele Menschen in unserer Gesellschaft eine feministische Verschwörung noch immer für realistischer zu halten als dass Männer ihre Machtposition ausnutzen und dabei Grenzen überschreiten. Als ob die hunderten von Erlebnisberichten nichts zählen würden. Für Frauen, die diesen Diskurs in den letzten Jahren aktiv verfolgt haben, ist das einfach nur noch ermüdend.

Die Frage der Strafbarkeit ist die falsche

Gleichsam enervierend ist die ewige Diskussion darüber, ob das Geschehene denn «justiziabel» sei oder nicht. Auch im Fall von Gottfried Locher haben zahlreiche Kommentatoren sofort diese Frage aufgeworfen – um sogleich hinterherzuschieben, dass man Locher doch bitteschön in Ruhe lassen solle, solange er sich nicht strafbar gemacht habe. Das ist falsch. Bei Menschen in Machtpositionen können strengere Massstäbe angelegt werden, als Strafrecht und Zivilgesetzbuch es tun. Von ihnen kann erwartet werden, dass sie andere, die von ihnen abhängig sind, mit Respekt und Fairness behandeln.

Grenzverletzungen beginnen also nicht erst dort, wo etwas «justiziabel» ist. Sie beginnen dort, wo die Würde und Integrität abhängiger Menschen verletzt wird. Und die Akzeptanz solch herabsetzenden Verhaltens beginnt dort, wo man mutmassliche Opfer mit dem Verweis auf Gesetzestexte abspeist. Dass das immer wieder aufs Neue erklärt werden muss, sagt viel über den Stand der Debatte in diesem Land.

Selbstreflexion ist gefragt

Die Kirche tut gut daran, die Ereignisse, die zu Gottfried Lochers Rücktritt geführt haben, sauber aufzuarbeiten. Dazu gehört auch eine Untersuchung der zeitlichen Dimension, namentlich der Frage, warum Vorfälle, die sich angeblich vor zehn Jahren abgespielt haben sollen, erst jetzt von Belang scheinen.

Doch damit ist es nicht getan. Vielmehr muss die Kirche – wie auch unsere gesamte Gesellschaft – ihren Umgang mit Grenzverletzungen und deren Opfern grundsätzlich überdenken. Sie muss sich fragen, wo und warum sie möglichen Tätern Schutz geboten hat. Und die Männer in der Kirche müssen ihr eigenes Verhalten reflektieren und sich fragen, wann sie möglicherweise selbst übergriffig gehandelt haben. Nur so wird sich langfristig etwas verändern.

Das Problem heisst Sexismus

Das Problem, das allem zugrunde liegt, heisst nämlich nicht Gottfried Locher. Es heisst Sexismus. Es heisst Frauenfeindlichkeit. Und es heisst mangelnde Diversität. Denn eine Frau, die eine Grenzverletzung in der Kirche ansprechen will, wird mit aller Wahrscheinlichkeit nicht auf ein Gegenüber treffen, das ähnliche Erfahrungen mit toxischen Beziehungen oder gar Übergriffen gemacht hat wie sie. Sondern auf ein Gremium, das zu einem Grossteil aus weissen, privilegierten Männern über 50 besteht, deren erster Impuls es ist zu fragen, warum die Frau denn nicht einfach Nein gesagt hat, oder sie damit abzuwimmeln, dass die Vorfälle halt nicht «justiziabel» seien. Welche Frau soll da denn noch den Mund aufmachen? Eben.