Religiosität
Teil sein von etwas, das sich auflöst
Inzwischen genüge ein Satz, schreibt der deutsche Journalist Tobias Haberl in seinem neuen Buch, um bei einem Abendessen unter Medienmenschen den kompletten Tisch gegen sich zu haben: «Ich bin katholisch». Haberls Buch heisst: «Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe».
Nach Haberls Beobachtung wird das Thema Religion bei solchen Abendessen nicht bewusst ausgeklammert: «Es interessiert einfach niemanden.» Auf 275 Seiten erzählt er, weshalb es ihn persönlich sehr wohl interessiert. Er wuchs als Dorfkind im katholischen Glauben auf. In der dörflichen Gemeinschaft fühlte er sich aufgehoben und er macht keinen Hehl daraus, dass er den alten Zeiten nachtrauert – Haberl hat Jahrgang 1975.
In der Regel findet er Ruhe im Gottesdienst, aber zur Not tut es für ihn auch ein Besuch im Antiquitätengeschäft. Dann schaut er sich Biedermeiermöbel und Silbertaler an. Er schreibt: «Ach, ich leide schrecklich darunter, dass so vieles, was man früher anschauen und anfassen konnte, nur noch als verborgener Datensatz existiert, der sich in immer kleiner werdenden Geräten versteckt.»
Er liebt die Alte Messe
Haberl besucht gerne Gottesdienste aller Art. Zum Beispiel solche eines populären Münchner Priesters, der es den Menschen einfach macht und auf Augenhöhe kommuniziere. Er zitiert ihn: «Im Glauben muss man gar nichts, Glauben ist nur Freiheit», und kommentiert: «Das dürfte der Papst anders sehen, doch das ist ihm egal.»
Die heimliche Leidenschaft Haberls ist die auf Latein gehaltene Alte Messe, die von den einen als «einzig wahre Messfeier» und von den anderen als «Rückfall ins Mittelalter» angesehen werde. Der Autor bezeichnet sie als den «Ring des Nibelungen unter den Messen». Wie der Opernmarathon Wagners dauert sie lange, ist symbolisch aufgeladen und das Publikum versteht nicht, was vorne gesagt wird. Der Autor sieht darin einen Zauber: Alles sei von einer rätselhaften Helligkeit durchdrungen und er habe das Gefühl, die Zeit höre auf zu vergehen. Er schreibt: «Für mich ist sie nichts Geringeres als ein Menschheitsschatz.»
Geniesser, Herumtreiber, Konservativer
Beim Lesen seines Buches spürt man förmlich, wie er darum ringt, Leben und Glauben zusammenzubringen. Er schreibt für die Süddeutsche Zeitung, lebt in einem Münchner Trendquartier und beschreibt sich als «Geniesser, Herumtreiber, manche sagen: ein flatterhafter Mensch». Wer ihn nicht kenne, käme nie auf die Idee, dass er ein religiöser Mensch sei.
Andererseits ist er religiös-konservativ, begeistert sich an einem Aufenthalt in einem französischen Benediktinerkloster, wo er an jedem Stundengebet teilnimmt und dafür kurz nach drei Uhr morgens aufsteht und schreibt Sätze wie diesen: «Der Mensch, der von Gott nichts mehr wissen will, findet nicht, was er sucht; die grosse Freiheit stellt sich nicht ein.»
Kirchenangestellte tarnen sich
Wie soll er sich zu seinem Glauben verhalten? Wie lösen andere dieses Rätsel? «Es ist ein belastendes Gefühl, Teil von etwas zu sein, das sich in Auflösung befindet», schreibt er. Manche hätten das Gefühl, sie müssten sich deswegen schämen oder tarnen. Manche Kirchenmitarbeitenden antworteten auf die Frage nach ihrem Beruf, so Haberl, für eine «wohlfahrtsstaatliche Einrichtung» tätig zu sein.
Schliesslich findet er einen Weg. «Ich möchte mit meinem Glauben weder positiv noch negativ, sondern am liebsten überhaupt nicht auffallen», schreibt er. Niemand solle das Gefühl haben, sich zu Haberls Religiosität «verhalten zu müssen».
Haberl, Tobias: «Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe», btb Verlag, 2024.