Krieg in der Ukraine
«Ein Verbot führt zu weiteren Spaltungen»
Herr Kube, die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche (UOK) steht weiterhin im Verdacht, Verbindungen zu Russland zu haben. Vergangenen Herbst hat das ukrainische Parlament deshalb ein neues Religionsgesetz verabschiedet, das auf ein Verbot der UOK zielt. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Momentan läuft die neunmonatige Frist, die man der UOK eingeräumt hat, um auf das neue Gesetz zu reagieren. Im Mai läuft sie ab, dann kann die zuständige staatliche Behörde aktiv werden. Besteht der Verdacht, dass die UOK weiterhin Kontakte nach Moskau unterhält, kann sie den Fall dem zuständigen Gericht in Kiew vorlegen. Dieses entscheidet über ein Verbot. Ganz so einfach wird es allerdings nicht gehen.
Warum?
In der Ukraine sind religiöse Organisationen als einzelne lokale Einheiten organisiert und registriert. Das heisst, jede der rund 10'000 Kirchgemeinden der UOK stellt eine juristische Person dar. Theoretisch müsste die staatliche Behörde somit gegen jede einzelne Kirchgemeinde vorgehen und ihr nachweisen, dass sie Verbindungen zu Russland hat. Das würde sich über Jahre hinziehen.
Gibt es eine Alternative?
Es ist denkbar, dass die Behörde zunächst gegen die Metropolie Kyjiw vorgeht, wo das Oberhaupt der UOK residiert. Könnte man vor Gericht ein Verbot durchsetzen, wäre dies so etwas wie ein Präzedenzfall, der sich anschliessend auf die Untereinheiten der Kirche anwenden liesse.
Offiziell hat sich die UOK bereits im Mai 2022 von Moskau losgesagt. Warum will man dennoch ein Verbot erwirken?
Die UOK hat sich zwar für «unabhängig und selbstständig» erklärt, das orthodoxe Kirchenrecht kennt diese Begrifflichkeiten aber gar nicht. Der richtige Begriff wäre «autokephal» gewesen, den hat man aber nicht benutzt. Kritiker werfen der UOK deshalb vor, sich nie vollständig vom Moskauer Patriarchat losgesagt zu haben. Im Dezember 2022 hat Präsident Selenskyj dann in einer programmatischen Rede gefordert, die Ukraine müsse auch die «spirituelle Unabhängigkeit» von Moskau erlangen. Daraufhin wurde eine Gutachterkommission eingesetzt, die analysieren sollte, wie es um die Unabhängigkeit der UOK steht. Diese kam zum Schluss, dass die UOK weiterhin Bestandteil des Moskauer Patriarchats sei.
Stefan Kube (46) hat Theologie und Geschichte in Münster und Sarajevo studiert. Seit 2012 leitet er das Zürcher Forum Religion & Gesellschaft in Ost und West.
Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Orthodoxie sowie Kirchen und Religionsgemeinschaften in Südosteuropa. (no)
Nun droht ein Verbot der UOK. Der Parlamentsentscheid ist international auf viel Kritik gestossen, man sieht die Religionsfreiheit in der Ukraine in Gefahr. Was ist Ihre Meinung dazu?
Ich halte den Entscheid ebenfalls für problematisch. Zum einen muss man festhalten, dass die erwähnte Gutachterkommission sehr einseitig besetzt war, nämlich mehrheitlich mit Anhängern der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU). Zum anderen ist es religionsrechtlich problematisch, eine ganze religiöse Organisation aufgrund ihres angeblichen kirchlichen Status zu verbieten. Natürlich gab es einzelne Geistliche, die sich der Kollaboration mit Russland schuldig gemacht haben. Aber solche Fälle müssen individuell geahndet werden, dafür gibt es die entsprechenden Paragrafen im Strafrecht. Eine Sanktionierung der ganzen Kirche birgt dagegen die Gefahr von weiteren innerukrainischen Spaltungen.
Inwiefern?
Bei Übertritten von einzelnen Kirchgemeinden von der
Wie reagieren die Gläubigen der UOK darauf, dass ihre Kirche zunehmend unter Druck gerät?
Sie sehen, dass ihre Kirche ein schlechtes Image hat. Teilweise führen sie das auf die mediale Berichterstattung zurück, in der immer noch von der «Moskauer» Kirche die Rede ist. Es gibt aber durchaus kritische Stimmen, die der eigenen Kirchenleitung vorwerfen, sich nicht schärfer von den Kollaborateuren in den eigenen Reihen zu distanzieren. Ein Übertritt in die OKU kommt für viele trotzdem nicht in Frage. Für sie ist ihre Kirche eine spirituelle Heimat, da gibt es nach wie vor eine grosse Verbundenheit.
Die Menschen in der Ukraine sind seit drei Jahren mit dem Krieg konfrontiert. Hat sich der Stellenwert von Religion gegenüber der Vorkriegszeit verändert?
Einer aktuellen Umfrage des Kiewer Razumkov-Zentrums nach haben 67 Prozent der Befragten angegeben, dass Religion für sie nicht wichtiger ist als vor dem Krieg. Lediglich 11 Prozent gehen häufiger in die Kirche als früher. Der Stellenwert von Religion scheint sich also durch den Krieg nicht wesentlich verändert zu haben. Was sich verändert hat, sind die Erwartungen an die Religionsgemeinschaften.
Inwiefern?
Viele Befragten drückten den Wunsch aus, dass soziale Dienste in den Kirchen eine grössere Rolle spielen sollten. Insbesondere scheint es ein Bedürfnis nach psychologischem Beistand zu geben. Über 50 Prozent der Befragten wünschen sich, dass die Kirchen das vermehrt anbieten.
Rund zwei Drittel der Ukrainerinnen und Ukrainer bekennen sich zum orthodoxen Christentum. Sie gehören einer der beiden konkurrierenden orthodoxen Kirchen an.
Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche (UOK) war vor dem Angriffskrieg Teil der Russisch-Orthodoxen Kirche. Im Mai 2022 hat sie sich vom Moskauer Patriarchat losgesagt und für selbständig erklärt. Kritiker werfen ihr allerdings vor, weiterhin Verbindungen zu Moskau zu haben. Ihr Opberhaupt ist Metropolit Onufrji.
Die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) entstand 2018 durch Zusammenschluss der Ukrainisch-orthodoxen Kirche (Kiewer Patriarchat) und der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche. Sie unterstand zunächst dem Patriarchen von Konstantinopel, der ihr 2019 die Eigenständigkeit (Autokephalie) gewährte. Die OKU unterstützt das Religionsgesetz, das auf ein Verbot der UOK zielt. Oberhaupt der OKU ist Metropolit Epiphanius. (no)
Die Orthodoxen stellen in der Ukraine die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung. Wie ist es den kleineren Religionsgemeinschaften im Krieg ergangen?
Auch sie sind vom Krieg dramatisch betroffen. Die kleine jüdische Gemeinde etwa hat laut der NGO «Religion on Fire» die Beschädigung oder Zerstörung zahlreicher Synagogen und Gedenkstätten zu beklagen. So wurde zu Beginn des Angriffkrieges die Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar bei einem russischen Raketenangriff beschädigt. Den grössten Teil der Protestanten machen Baptisten, Pfingsten und charismatische Bewegungen aus. Sie haben mit ähnlichen Schwierigkeiten wie die orthodoxen Kirchen zu kämpfen: Die ukrainischen Baptisten etwa werfen ihren Glaubensgeschwistern in Russland vor, den Krieg nicht deutlicher zu verurteilen. Auch gibt es Dokumentationen, die belegen, dass protestantische Geistliche in den von Russland besetzten Gebieten entführt und gefoltert wurden.