Krieg in der Ukraine

Patriarch Kyrill ruft zum «heiligen Krieg» auf

Die russisch-orthodoxe Kirche verschärft ihren ideologischen Kurs zum Krieg in der Ukraine. Das zeigt ein neues Dokument.

Der Feldzug gegen die Ukraine sei ein aus «spiritueller und moralischer Sicht heiliger Krieg». Das steht in einem als «Gebot» bezeichneten neuen Dokument, das der Moskauer Patriarch Kyrill kürzlich vorgestellt hat.

In überraschender Deutlichkeit ist darin ausserdem zu lesen, dass es keine unabhängige Ukraine mehr geben dürfe. Zudem wird eine «Wiederherstellung der Einheit des russischen Volkes» angestrebt, womit hauptsächlich territoriale Ansprüche auf zahlreiche Staaten mit russischsprachigen Minderheiten gemeint sein dürfte. Mittels «energischer Familienförderung» soll ausserdem ein massives Bevölkerungswachstum erreicht werden: von derzeit 144 Millionen auf 600 Millionen Menschen bis in hundert Jahren.

Verschärfung der Ideologie

Das neue «Gebot» zeigt, dass die russisch-orthodoxe Kirche ihre ideologischen Ziele verschärft hat. Noch 2020 hatte sie in einem Grundlagendokument festgehalten: «Krieg ist das Böse. Seine Ursache ist der sündhafte Missbrauch der gottgegebenen Freiheit.» Krieg könne nur als notwendiges Übel gelten, wenn es um den Schutz der Nächsten und die Wiederherstellung von Gerechtigkeit gehe.

Das neue Dokument scheint ein Versuch zu sein, den illegalen Angriffskrieg Putins theologisch zu rechtfertigen. Die Argumentation ist jedoch sehr abenteuerlich, beispielsweise kennt die orthodoxe Kirche im Unterschied zum Islam und zur Kreuzzugsideologie des mittelalterlichen Papsttums gar kein Konzept des «heiligen Krieges», wie die NZZ festgestellt hat, die über das neue Papier berichtete.

Theologisches Mäntelchen

Für ein theologisches Mäntelchen sorgt im Papier ausserdem die biblische Figur des «Katechon» – jene Kraft in der Lehre vom Jüngsten Gericht, die dem Antichrist entgegenwirkt. Russlands Mission sei es, als weltweiter «Aufhalter» zu dienen – gegen das Böse generell und den Westen im Besonderen, schreibt das Patriarchat. (eba)