Krieg in der Ukraine

Integration von Flüchtlingen kommt voran

Zwei Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine prägen viele Ungewissheiten die Situation Geflüchteter in der Schweiz. Dennoch sind sich die Behörden und die Schweizerische Flüchtlingshilfe einig: Die Integrationsmassnahmen wirken.

Eine ukrainische Familie bei ihrer Ankunft in der Schweiz. (Bild: Michael Buholzer/ Keystone)

Nach Beginn der russischen Invasion im Jahr 2022 sei zwischenzeitlich ein Drittel der ukrainischen Bevölkerung auf der Flucht gewesen, schrieb das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR im Januar: «Damit wurde die Ukraine zum Schauplatz der grössten Vertreibungskrise der Welt».

Zum jetzigen Zeitpunkt seien schätzungsweise 3,7 Millionen Menschen innerhalb der Ukraine auf der Flucht, so das UNHCR. Rund 6,3 Millionen Menschen hätten im Ausland Zuflucht gefunden, davon 5,9 Millionen in europäischen Staaten.

Bund erwartet viele weitere Gesuche

Die Auswirkungen sind auch in der Schweiz spürbar: Rund 86'000 Personen haben bis anhin ein Gesuch um Erteilung des sogenannten Schutzstatus S gestellt. Bei gut 65'000 Personen sei der Status derzeit aktiv, bei etwas mehr als 21'000 inzwischen beendet worden, meldete das Staatssekretariat für Migration (SEM) im Februar.

In den letzten Monaten sei die Zahl jener Personen, welche die Schweiz verlassen hätten, ungefähr gleich hoch wie die Zahl derjenigen, die neu in die Schweiz gekommen seien, schrieb Magdalena Rast, Mediensprecherin des SEM, dazu auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Der Bund geht nach eigenen Angaben von etwa 25'000 Anträgen um Erteilung des Schutzstatus S im laufenden Jahr aus – sofern sich die militärische Lage in der Ukraine nicht wesentlich verändert. Die Schwankungsbreite dürfte demnach bei 20'000 bis 30'000 Gesuchen liegen.

Schutzstatus S als Novum

Der Bundesrat hatte den Schutzstatus S im März 2022 aktiviert – zum ersten Mal überhaupt, obwohl die rechtliche Möglichkeit dazu schon 1998 im Zusammenhang mit den Kriegen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien geschaffen worden war.

Der Status gewährt den vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine Geflüchteten ohne Durchführung eines Asylverfahrens ein Aufenthaltsrecht. Erwachsene dürfen sofort eine Erwerbsarbeit aufnehmen.

«Die Erwerbsquote steigt mit zunehmender Aufenthaltsdauer.»
Eliane Engeler, Sprecherin der SFH

Der bisherige Verlauf der Arbeitsmarktintegration von Ukrainerinnen und Ukrainern in der Schweiz sei positiv zu werten, schreibt das SEM auf Anfrage. Es sei eine kontinuierliche Zunahme zu verzeichnen.

Mittlerweile liegt die Erwerbsquote bei knapp 22 Prozent. «Dabei zeigt sich auch, dass die Quote mit zunehmender Aufenthaltsdauer steigt», hebt Eliane Engeler von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) auf Anfrage hervor. Von jenen, die im März 2022 – kurz nach Kriegsbeginn – eingereist sind, waren im Februar des laufenden Jahres 27 Prozent erwerbstätig, bei den erst im Januar 2023 Eingereisten waren es erst 12 Prozent.

Mütter haben es schwerer

Nach wie vor arbeiteten jedoch viele Geflüchtete in Tieflohnsektoren und hätten noch keine Stelle, die ihrer Qualifikation entspricht, schränkt Engeler ein. SEM-Sprecherin Rast verweist darauf, dass rund zwei Drittel der Geflüchteten Frauen sind, viele von ihnen mit Kindern. Sie hätten zusätzliche Hindernisse zu bewältigen, etwa, weil sie die Betreuung ihrer Kinder organisieren müssten.

Sowohl das Staatssekretariat für Migration als auch die Flüchtlingshilfe betonen die Wichtigkeit von Sprachkenntnissen bei der Stellensuche. Der Bund setzte im vergangenen Jahr 70 Prozent der Mittel zur Integrationsförderung für Sprachkurse ein.

«Niemand weiss, wie der Krieg ausgeht und in welchem Zustand Land und Menschen dann sein werden.»
Magdalena Rast, Mediensprecherin des SEM

Die Teilnahme an solchen Kursen verdoppelte sich gemäss SEM zwischen Ende 2022 und Frühjahr 2023. Mittlerweile seien viele zusätzliche Angebote entstanden, lobt auch SFH-Sprecherin Engeler. Eine Herausforderung sei aber weiterhin, genügend Angebote mit Kinderbetreuung zur Verfügung zu stellen.

Unsicherheit belastet

Eine grosse Belastung für die Geflüchteten aus der Ukraine stellt die weiterhin unsichere Lage in der Heimat dar. In einer Online-Umfrage im Auftrag des UNHCR vom Frühjahr 2023 gaben zwar 30 Prozent der gut 1000 Befragten an, sie hofften, eines Tages in die Ukraine zurückkehren zu können. Doch nur zwei Prozent sagten, sie planten eine Rückkehr in den kommenden drei Monaten. 40 Prozent waren nach eigenen Angaben unentschieden – und 27 Prozent gaben an, sie hätten gar keine Hoffnung auf eine Rückkehr.

Es gelte deshalb, den Menschen eine Perspektive zu bieten, fordert das SFH. Integrationsmassnahmen hätten auch im Falle einer späteren Rückkehr eine positive Wirkung.

«Niemand weiss, wie lange der Krieg in der Ukraine dauert, wie er ausgeht und in welchem Zustand Land und Menschen dann sein werden», schreibt auch das SEM. Der Bund orientiere sich in dieser Frage unter anderem am Konzept der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Dieses sehe vor, die Rückkehrfähigkeit der Geflüchteten zu erhalten, ihnen aber auch Möglichkeiten in der Schweiz zu schaffen. (sda/ pef)