Front statt Flitterwochen
Eigentlich hatten sich Jurij Gerun und Marina Pitilyak eine riesige Hochzeit ausgemalt. Ein grosses Fest mit Hunderten Gästen. Jetzt stehen sie hier, im grössten Standesamt von Lwiw. Nicht einmal ihre Eltern wissen Bescheid. Nur Marinas Schwester. Die filmt mit ihrem Handy. Ein Streichquartett spielt den letzten Akkord von Mendelssohns Hochzeitsmarsch. Dann Stille.
Marina trägt ukrainische Tracht: In ihrem Wickelrock, einer Plahta, steckt eine handbestickte Bluse. Juri trägt Camouflage, Kampfstiefel und ein breites Grinsen. Das Paar hat die Arme ineinander verschlungen und steht auf einem länglichen Tuch, genannt Rusznyk. Es soll ihre Liebe auf ewig besiegeln.
Dann geht alles ganz schnell: Kerzen, Tränen, Sekt. 20 Minuten bekommt jedes Paar im grossen Saal, um den Bund der Ehe einzugehen. Viel Zeit haben Jurij und Marina ohnehin nicht. Er ist Soldat auf Heimaturlaub. In ein paar Tagen muss er wieder zurück – an die Front von Charkiw.
Bräutigam fehlt
Gestern noch an der Front, heute schon im Standesamt. Auf den drohenden Tod antworten viele Soldaten mit dem Versprechen ewiger Treue. In der Ukraine finden Fliessband-Hochzeiten statt. Paare nutzen die kurzen Urlaubstage von der Armee, um sich trauen zu lassen. Über 50 Hochzeiten fanden allein an diesem Wochenende im Standesamt statt, in dem auch Jurij und Marina sich das Jawort gaben.
Nachdem Russland am 24. Februar in die Ukraine einfiel, wurde einen halben Monat später ein Gesetz verabschiedet, das das Heiraten an einem Tag möglich macht. Es gilt für Paare, bei denen mindestens einer vom Tod bedroht wird – so wie es bei Soldaten der Fall ist.
Sie kommen mit ihren Partnerinnen ohne Voranmeldung ins Standesamt. Reinspazieren, heiraten, wieder gehen. Eine Walk-in-Hochzeit. Es ist sogar möglich, von der Front aus zu heiraten, ohne selbst vor Ort zu sein. Dann steht die Braut allein vor dem Standesbeamten. Der Bräutigam schaltet sich per Videoanruf dazu.
Auf dem Standesamt sind alle gleich
Jurij und Marina lernten sich bei der Arbeit kennen, sie ist 29, er 34 Jahre alt. Sie gingen Pilze sammeln und angeln, wandern und auf Reisen. Bis der Krieg ausbrach und Jurij sich nach zwei Tagen zum Militärdienst meldete. Marina erinnert sich an den Moment, als er mit gepacktem Rucksack in der Wohnung stand. Sie weinte nicht, bat ihn nicht zu bleiben.
«Jeden Tag heiraten hier Leute in Uniform. Wir stellen keine Fragen», sagt Zenovij Zenovijovych, 59, Leiter des Standesamtes in Lwiw. Er sitzt im ersten Stock, die Marmortreppe rechts hinauf, vorbei an Menschen in feinen Anzügen und festlichen Kleidern.
Dort oben, hinter seinem Schreibtisch, sitzt er aufrecht. In seinem Büro verbringt er nicht viel Zeit mit Papierkram. Viel lieber laufe er durchs Haus und betrachte die glücklichen Gesichter derer, die aus den Sälen kommen. Mit 19 kam er ins Standesamt, um sein Jurastudium zu finanzieren. Das ist jetzt 40 Jahre her, und er ist immer noch hier.
Das Standesamt ist eine Villa am Rande eines Parks. Hier heiraten Arme und Reiche, Berühmte und Unbekannte. «Bei uns sind sie alle gleich», sagt Zenovijovych. Einmal kam ein Paar in Dinosaurierkostümen. Zenovijovych amüsierte sich, machte ein Bild von ihnen, natürlich wurden auch sie getraut.
Luftalarm während Trauung
Heute steht Jurij neben Marina draussen vor dem Standesamt. Aus der Tasche seiner Flecktarnhose holt er eine Pfeife und steckt sie sich an. Er heirate in Uniform, sagt er, weil er möchte, dass seine Kinder einmal die Bilder ansehen und wissen: Papa war Teil der Geschichte dieses Landes.
Die Angst vor dem Tod lasse viele früher heiraten, sagt der Standesbeamte Zenovijovych. Paare, die sich unsicher waren oder sich Zeit lassen wollten. Doch ist der Mann an der Front, kann es jeden Moment zu spät sein. Wenn ein Soldat stirbt, hat seine Ehefrau das Recht auf finanzielle Beihilfe vom Staat, umgerechnet knapp 17‘000 Franken.
Manchmal sieht er Soldaten auf Krücken in sein Standesamt humpeln. Auch da stellt er keine Fragen. Neulich sei Luftalarm gewesen, während einer Trauung. Zenovijovych setzt sich in die Hocke, zeigt ein Video. Gäste, Brautpaar und Streicher stehen auf einer Terrasse. Sirenen heulen. Die Zeremonie geht weiter. Zenovijovych schaut vom Display auf und sagt: «Das Paar wollte keine Zeit verlieren.»
Seit dem Krieg haben sich die Hochzeiten im Haus verändert. Früher gab es oft ein Feuerwerk. Das geht heute natürlich nicht mehr. Eine Standesbeamtin sagt, sie spüre eine andere Stimmung im Saal. Eine gewisse Schwere. «Es fliessen mehr Tränen. Nicht unbedingt nur aus Liebe», sagt sie. Sondern auch weil Eltern, Geschwister oder Freunde nicht anwesend sein können.
Warten auf den Sieg
Die Tage nach der Hochzeit sind die Tage vor dem Abschied. Jurij und Marina gehen in eine Ausstellung, spazieren vorbei an ihren Lieblingsorten, die voll sind von Erinnerungen an bessere Zeiten. Sie versuchen, nicht an das zu denken, was kommt.
Am Tag der Abreise fährt Marina Jurij zur Kaserne. Regen rinnt an der Autoscheibe herunter. Der Abschied ist kurz und schmerzvoll. Ein Kuss, eine Umarmung, die Marina noch fester vorkommt als sonst.
Sie wissen nicht, wann sie sich wiedersehen werden. «Vielleicht in einem halben Jahr, wenn Jurij Fronturlaub hat», sagt Marina, «oder eben, wenn der Sieg da ist.»
Bald wollen sie kirchlich heiraten, alle Kameraden einladen, ein grosses Fest feiern. Und sie wollen ein altes Haus renovieren. Es steht in der Nähe eines Wasserfalls in den Karpaten, Marinas Heimat.
Vielleicht werden sie dort in Frieden leben, bald, wenn alles vorbei ist.