Heks-Landesdirektor von Uganda
«Die Kürzungen zwingen uns zu Effizienz»
Davide Naggi, Uganda steht gleich vor mehreren Herausforderungen: ein Langzeit-Präsident, der zunehmend autoritär regiert, fast zwei Millionen Geflüchtete im Land und massive Kürzungen der internationalen Entwicklungshilfe. Was beeinflusst Ihre Arbeit am stärksten?
Alle diese Faktoren haben Auswirkungen auf unsere Arbeit. In Uganda herrscht eine gewisse politische Unsicherheit. Es gab einen Internet-Blackout kurz vor und während der Wahlen im Januar, zivilgesellschaftliche Organisationen und nationale Medien wurden geschlossen. Wir beobachten, dass das Land restriktiver wird. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was nach den mittlerweile 40 Jahren von Präsident Yoweri Museveni kommt. Uganda hat seit der Unabhängigkeit 1962 noch nie einen friedlichen Machtwechsel erlebt. Einen neuen Bürgerkrieg erwarte ich jedoch nicht. Die Gesellschaft hat sich verändert, die Mittelschicht ist grösser geworden, von einem Umbruch würde die Mehrheit nicht profitieren.
Hinzu kommen die Kriege in den Nachbarländern Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Wie stark bekommt Uganda diese zu spüren?
Sehr stark. Weiterhin fliehen Menschen aus dem Osten der DRK nach Uganda. Gleichzeitig gibt es dort einen Ebola-Ausbruch, den man sehr ernst nehmen muss (ref.ch berichtete). Dadurch ist der Westen Ugandas sehr instabil. Auch die sehr heikle Lage im Südsudan beobachten wir genau. Der Friedensprozess funktioniert nicht wie vorgesehen, die Spannungen zwischen den politischen Lagern nehmen täglich zu. Die Mehrheit der Geflüchteten in Uganda stammt aus dem Südsudan. Wenn sich die Lage dort verschlechtert, hat das unmittelbare Folgen für Uganda.
Wie dramatisch war die Kürzung der Gelder für die internationale Entwicklungszusammenarbeit?
Fuhr ich früher durch ein grosses Flüchtlingsgebiet, begegneten mir ständig Fahrzeuge von UN-Organisationen und NGOs. Anfang dieses Jahres war ich mit dem Motorrad unterwegs und sah teilweise tagelang kein einziges Auto, nicht einmal von der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR.
Das war ein sichtbares Zeichen dafür, wie viele Programme eingestellt und Büros geschlossen worden waren. Tausende Menschen verloren ihre Arbeit, vor allem aber brach die Unterstützung für Geflüchtete und Aufnahmegemeinden massiv ein.
Heks hatte Glück: Viele private Spenderinnen unterstützen uns, wir konnten bleiben. Mittlerweile hat sich die Lage etwas verbessert. Aber wir sind noch lange nicht auf dem Niveau vor dem Ende von USAID.
Wie hat das ihre Arbeit verändert?
Die Kürzungen zwingen uns zu Effizienz. Seit zwanzig Jahren reden wir davon, Menschen in ihrer Selbstständigkeit zu stärken. Das wollen wir umsetzen, indem wir kurzfristige Hilfe mit langfristigen Perspektiven verbinden. Geflüchtete müssen Möglichkeiten erhalten, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten.
Wie kann das gelingen?
Das ist lokal unterschiedlich. Im Flüchtlingsgebiet Bidibidi im Norden Ugandas beispielsweise gibt es relativ viel Land. Dort bringen wir Geflüchtete und die lokale Bevölkerung zusammen und helfen ihnen, Zugang zu Land zu erhalten und gemeinsam Landwirtschaft zu betreiben. In einem Dokumentarfilm bieten wir Einblick in dieses Projekt (siehe Box rechts).
In Bidibidi im Norden Ugandas leben rund 200’000 Geflüchtete aus dem Südsudan mit der lokalen Bevölkerung zusammen. Der vom Heks produzierte Film «Bidibidi – Geschichten von Flucht und Zusammenhalt in Uganda» zeigt, wie trotz knapper Ressourcen Gemeinschaft entsteht: durch geteiltes Land, Theaterprojekte und gemeinsame Arbeit. Heks zeigt den rund 50-minütigen Film bis Ende September in mehreren Schweizer Städten. Der Eintritt ist kostenlos, eine Anmeldung erforderlich. Mehr Informationen finden Sie hier. (gab)
In anderen Siedlungen geht es eher um Kleingewerbe oder Tierhaltung. Man muss sich den jeweiligen Bedingungen anpassen. Die Menschen suchen selbst nach Lösungen, es geht schliesslich um ihr Überleben.
Kann diese Selbsthilfe klassische Nothilfe ersetzen?
Nein. Es gibt Situationen, in denen humanitäre Hilfe zwingend notwendig ist. In Karamoja im Nordosten Ugandas gibt es derzeit wegen schwerer Dürren eine Ernährungskrise. Dort mussten wir Lebensmittel verteilen, weil die Menschen ausserhalb der Anbausaison schlicht keine andere Möglichkeit hatten.
Viele Hilfsorganisationen verteilen heute Geld statt Lebensmittel. Warum?
Weil eine Familie nicht nur essen muss. Vielleicht ist ein Kind krank oder es müssen Schulgebühren bezahlt werden. Wenn man Lebensmittel verteilt, kann es deshalb passieren, dass diese am nächsten Tag auf dem Markt verkauft werden.
Mit Bargeld können die Familien selbst entscheiden, was sie am dringendsten brauchen. Gleichzeitig fliesst das Geld in die lokale Wirtschaft. Eine weitere Möglichkeit ist «Cash for Work»: Menschen arbeiten beispielsweise an einer Strasse, einem Brunnen oder einer Latrine und erhalten dafür Geld.
Uganda ist für seine «Open Doors Policy» bekannt, Geflüchtete sind im Land willkommen. Ist diese Haltung angesichts der knapperen Mittel gefährdet?
Ich halte diese Politik für sehr fortschrittlich und wichtig. Sie sollte verteidigt werden. Solange es keinen grundlegenden politischen Kurswechsel gibt, glaube ich nicht, dass Uganda seine Haltung aufgibt. Das Land wird international für diesen Ansatz anerkannt, profitiert politisch und durch Investitionen.
Es gab dieses Jahr einen Versuch einiger Minister, die Registrierung von Geflüchteten bürokratischer zu gestalten. Der Widerstand dagegen war aber sehr gross und der Präsident griff ein, um den Status Quo zu erhalten. Gleichzeitig versucht Uganda bei Geflüchteten aus Ländern wie Burundi, in denen sich die Situation stabilisiert hat, eine freiwillige Rückkehr zu fördern.
Ugandas Bevölkerung ist sehr jung, das Medianalter liegt bei rund 18 Jahren (Schweiz 44). Wie erleben Sie die Stimmung?
Das bereitet mir grosse Sorgen. Es fehlt an Perspektiven. Viele junge Menschen verlassen die ländlichen Regionen, obwohl gerade die Landwirtschaft eine Zukunft bieten könnte. Es gibt nur begrenzt Industrie und damit viel zu wenige Arbeitsplätze für diese riesige junge Generation.
Der 55-jährige Davide Naggi ist seit 2022 Heks-Landesdirektor für Uganda und den Südsudan. Der gelernte Physiotherapeut blickt auf eine über 24-jährige Karriere in der internationalen humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zurück. Vor seinem Wechsel zu Heks leitete er eine Rehabilitationsklinik für Menschen mit Behinderungen in Uganda. Zuvor war Naggi in verschiedenen Führungs- und Beraterrollen für den Norwegischen Flüchtlingsrat (NRC) sowie die Christoffel-Blindenmission (CBM) in Ostafrika und im Nahen Osten im Einsatz.
Deshalb investieren viele Hilfsorganisationen stärker in Berufsbildung und Ausbildung. Ich spreche in der Hauptstadt Kampala manchmal mit jungen Motorrad-Taxifahrern. Man merkt, wie machtlos sich manche fühlen. Sie sehen seit Jahrzehnten dieselben mächtigen politischen Figuren. Sie gehen wählen, aber aus ihrer Sicht verändert sich nichts. Gerade bei jungen Menschen ist dieses Gefühl der Ohnmacht gefährlich.
Welche Rolle können Kirchen in dieser Situation spielen?
Religiöse Institutionen haben eine grosse Chance, wenn sie Menschen nicht gegeneinander aufbringen und tatsächlich für das Gemeinwohl arbeiten. Ich habe in sehr schwierigen Situationen erlebt, welchen enormen positiven Einfluss Kirchen haben können. Sie erreichen Menschen, an die wir als Hilfsorganisation teilweise gar nicht rankommen.
Man muss aber differenzieren. Religion ist in manchen Teilen Afrikas auch ein Geschäft. Es gibt religiöse Organisationen, die selbst bei Menschen, die fast nichts besitzen, ständig Geld sammeln und Gemeinschaften ausnutzen. Nur weil eine Institution religiös ist, bedeutet das nicht automatisch, dass ihre Arbeit gut ist.
Was wird aus Ihrer Sicht in Europa häufig falsch verstanden, wenn wir über Uganda und Geflüchtete sprechen?
Wir neigen dazu, Menschen entweder als Teil einer exotischen touristischen Kulisse zu betrachten oder, sobald wir über soziale Probleme sprechen, als passive Hilfsempfänger. Beides ist falsch.
Wir arbeiten nicht für die Menschen, sondern mit ihnen. In Uganda gibt es sehr viele Ressourcen, Kompetenzen und engagierte Menschen. Ohne sie könnten wir überhaupt nichts erreichen. Der Unterschied besteht häufig nicht darin, dass Menschen hier härter arbeiten würden. Der Unterschied ist der Zugang zu Möglichkeiten und Ressourcen.
Geflüchtete sind keine Zahlen. Es sind Menschen, die genauso wie wir versuchen, ihr Leben zu gestalten. Und niemand hat ein grösseres Interesse daran, dass ihr Leben funktioniert, als sie selbst.