Sudan und Südsudan
Gewalt, Hunger und politische Instabilität eskalieren
Es sind Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen: Unbewaffnete Zivilisten, auf dem Boden sitzend, vor ihnen Kommandant Abu Lulu von den Rapid Support Forces (RSF). Er lädt sein Sturmgewehr durch und erschiesst die Männer aus nächster Nähe – ohne jede Vorwarnung.
Solche Videos kursierten nach der Einnahme der sudanesischen Stadt Al-Faschir in den sozialen Netzwerken. Eineinhalb Jahre lang war die Stadt belagert worden – nun offenbart sich die volle Brutalität der Miliz. Die Aufnahmen sollen abschrecken: Auch die sudanesischen Streitkräfte (SAF) hatten sich bei Gräueltaten gefilmt und die Videos verbreitet.
«Ethnische Säuberungskampagne»
Teilweise stünden die RSF-Kämpfer unter dem Einfluss synthetischer Aufputschdrogen, sagt Roman Deckert auf Anfrage von ref.ch. Er ist Sudan- und Südsudan-Analyst in Genf und arbeitet mit lokalen Journalistinnen und Journalisten zusammen. Nach der langen Belagerung mit grossen Verlusten – Deckert spricht von einem «Fleischwolf» – seien viele Kämpfer von Hass erfüllt. Dazu komme ein historischer Groll, da ihre Ethnie im Sudan traditionell unterrepräsentiert sei.
Für Deckert sind die Taten «glasklar» Kriegsverbrechen: «Sie scheinen von ganz oben eine Carte Blanche zum Plündern und Wüten zu haben», sagt er. Bereits 2024 stellte ein UN-Expertengremium fest, dass die RSF in El-Geneina bis zu 15'000 Menschen systematisch ermordet hat; Human Rights Watch spricht von einer «ethnischen Säuberungskampagne gegen nicht-arabische Bevölkerungsgruppen» in der Hauptstadt des Teilstaates West-Darfur.
Die Rapid Support Forces (RSF) hatten im April 2023 mit Angriffen gegen Militär und Zivilisten begonnen, weil sie sich dagegen sperrte, in die Armee eingegliedert zu werden. Daraus folgte ein brutaler Machtkampf zwischen De-facto-Machthaber Abdel-Fattah al-Burhan und seinem einstigen Stellvertreter Mohamed Hamdan Daglo, der die RSF kommandiert. Mittlerweile hat die Miliz die westliche Region Darfur fast vollständig erobert und kontrolliert auch Teile der Nachbarregion Kordofan. Anfang dieses Jahres gründeten die RSF formell eine Parallelregierung für die von ihnen kontrollierten Gebiete.
Konfliktforscher machen unter anderen die Vereinigten Arabischen Emirate für Waffenlieferungen an die RSF verantwortlich. Ägypten und Saudiarabien unterstützen dagegen die sudanesischen Streitkräfte. Diese unterstützte wiederum die Opposition im Südsudan. (sda/ gab)
Hinter all diesen Gräueltaten stehe eine «tief verwurzelte Kultur der Straflosigkeit», sagt Deckert. Für den Völkermord in Darfur während der 2000er-Jahre sei bisher nur ein Haupttäter zur Verantwortung gezogen worden. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat just vor einem Monat Ali Kuschaib wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Er war Kommandant der Dschanschawid-Milizen, aus denen die RSF hervorgingen.
Zwar bemühten sich die RSF nach den jüngsten Gräueltaten um Imagepflege: Aufnahmen zeigen die angebliche Verhaftung des eingangs erwähnten Kommandant Abu Lulu. «Tatsächlich kursierten schon kurz darauf neue Videos, die ihn wieder in Freiheit zeigen», sagt Roman Deckert. Auf Videos verteilen Kämpfer Süssigkeiten an Kinder in Al-Faschir, während ein globales Analyse-Instrument zur Ernährungssicherheit – die Initiative IPC (Integrated Food Security Phase Classification) – von einer Hungersnot spricht. Experten zufolge sind über eine Viertelmillion Menschen in der Stadt eingeschlossen.
«Demilitarisierung entscheidend»
Bisher konnten rund 80‘000 Menschen ins 60 Kilometer entfernte Flüchtlingslager Tawila der Vereinten Nationen (UN) fliehen. Lebensrettende Hilfsgüter stehen dort bereit, aber die RSF verweigern der UN den Zugang. Eine Mutter, die es mit ihrem Kind auf dem Rücken nach Tawila schaffte, sagte der UN: «Auf den Strassen sind viele Leichen, Tote überall, und viele Kinder, die ihre Familien verloren haben.»
Aktuell versuchen Vermittler aus den USA, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Saudi-Arabien und Ägypten eine dreimonatige Waffenruhe zwischen den RSF und der Armee auszuhandeln.
«Diese Gespräche sind momentan die einzige Hoffnung auf ein Ende des Krieges», sagt Journalist Deckert. In einem Best-Case-Szenario schaffe es die internationale Gemeinschaft den Waffennachschub für den Krieg einzustellen. Entscheidend sei eine Demilitarisierung. Die Wurzel allen Übels sei die historisch gewachsene «Militarisierung des politischen Marktplatzes». Demnach erhalte nur derjenige Zugang zu Macht und Ressourcen, der bewaffnete Kämpfer hinter sich scharen könne. «Dieser Teufelskreislauf muss durchbrochen werden.» Das Worst-Case-Szenario ist das eines noch viele Jahre oder gar Jahrzehnte andauernden Abnutzungskrieges, wie es ihn im Südsudan gab.
Erdöllieferungen wegen Krieg gestoppt
Der christlich dominierte Südsudan ist seit 2011 unabhängig, aber mit dem Sudan weiterhin sozial und wirtschaftlich eng verbunden. «Ein grosser Teil der Einnahmen des jungen Staates stammen aus dem Erdöl-Verkauf. Für den Export ist man auf Pipelines durch den Sudan angewiesen», sagt Martina Santschi auf Anfrage von ref.ch. Sie ist Expertin für den Südsudan bei der Stiftung swisspeace. Wegen des Kriegs im Sudan müssten die Lieferungen aber immer wieder teilweise oder ganz eingestellt werden. «Fehlen die Erdöleinnahmen, dann ist es für die Eliten schwierig, gekaufte politische Allianzen zusammenzuhalten und Löhne an Staatsangestellte zu bezahlen.»
Nur ein kleiner Teil dieser Einnahmen kommt der Bevölkerung zugute. Bedingt durch die Wirtschaftskrise, starke Überschwemmungen und Kämpfe in verschiedenen Landesteilen ist die Ernährungsunsicherheit im Südsudan bereits seit mehreren Jahren gross. Durch die Einstellung der USAID-Gelder und die Reduktion der Hilfsgelder anderer Geldgeber stehen der UN und Nichtregierungsorganisationen immer weniger Mittel für humanitäre Hilfe zu Verfügung. Die zu erwartende Fluchtbewegung aus dem Norden wird die Ernährungsunsicherheit weiter verschlechtern.
«Miserable Lebensbedingungen»
Menschen, die aus dem Sudan in den Südsudan flüchten, verschlimmern die Lage in Gebieten, die bereits unterversorgt sind. Federico Riccio, Teamleiter Programme Ostafrika beim Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks), sagt: «Die Lebensbedingungen in den Flüchtlingscamps an der Grenze zum Sudan sind miserabel.» Es mangle generell an Nahrungsmitteln und sauberem Wasser und die hygienischen Bedingungen seien dramatisch.
Durch die Trockenheit der Region, in der sich einige Lager befänden, sei der Zugang zu Wasser erschwert, sagt Riccio. Lasse das Heks einen Brunnen graben, müsse die Bohrung sehr tief gehen, um auf Wasser zu stossen. Aufgrund der schlechten Infrastruktur dauere es je nach Wetter schnell einmal eine Woche, um eine solche Maschine von der Hauptstadt Juba zu den Flüchtlingscamps im Norden zu transportieren.
Laut der IPC-Skala sind aktuell rund sechs Millionen Menschen im Südsudan von einer akuten Lebensmittelkrise betroffen. Davon gelten 1,3 Millionen als humanitärer Notfall. Eine Prognose sieht diese Kategorie bis im Frühling 2026 auf 2,3 Millionen Menschen ansteigen.
«Die Situation ist sehr, sehr schwierig für die Bevölkerung», sagt Santschi. Riccio sagt: «Der Südsudan scheint sich erneut in Richtung eines Bürgerkriegs zu bewegen.» Er spricht von einer Zeit der relativen Ruhe, seitdem 2018 ein Friedensvertrag den letzten Krieg beendet hatte. «Doch die vergangenen Jahre haben nicht genügt, um das Land zu stabilisieren», sagt er.
Auch im Südsudan wird gekämpft
Die Übergangsregierung hätte freie Wahlen vorbereiten sollen. Dazu kam es bisher aber nicht. Im März dieses Jahres ging die Regierung nach Kämpfen gegen die Hauptopposition vor. Sie warf ihnen vor, die Armee angegriffen zu haben. Gegen die wichtigsten Führer der grössten Oppositionspartei läuft aktuell ein Gerichtsverfahren. Seither gab es weiterhin Kämpfe zwischen bewaffneter Opposition und der Armee, die in verschiedenen Landesteilen Siedlungen bombardiert hat.
Santschi fragt: «Hat nicht schon längst wieder ein Bürgerkrieg begonnen?» Die grösste Furcht Vieler sei, dass es innerhalb der Regierung wieder zu einer Abspaltung kommen könnte.
Die fragile Lage in Südsudan verschlechtert sich laut Riccio auch durch eine rasche Bevölkerungszunahme. Einige Südsudanesen kämen wegen des Krieges im Sudan zurück, andere wegen der Situation in den Flüchtlingslagern in Uganda. Dort hat die Regierung die Unterstützung deutlich reduziert. Unter den Rückkehrern herrsche ein zunehmender Wettbewerb um natürliche Ressourcen wie fruchtbarer Boden und Wasser.
In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern unterstütze das Heks landwirtschaftliche und konfliktlösende Projekte in Südsudan und Uganda. Das Hilfswerk setzt darauf, lokale Kooperativen zu fördern und gewaltfreie Lösungsmechanismen anzuwenden.
Aufmerksamkeit nimmt ab
Wichtig sei, so Santschi, an der Friedensförderung festzuhalten. Dies versuche man beispielsweise über den Einsatz lokaler Gerichte, sogenannten Chief-Courts. «So können Konflikte früh eingedämmt und gelöst werden.» Oder in der Zusammenarbeit mit Kirchen und kirchlichen Organisationen, die eine zentrale Rolle in der Friedensförderung spielen.
Viele überleben durch Unterstützung von Familien und innerhalb eines Dorfes, sagt Martina Santschi. «Man ist verpflichtet, sich gegenseitig zu helfen.» Die Zivilgesellschaft sei sehr stark. Das bestätigt auch Federico Riccio vom Heks: Die Menschen im Südsudan zeigten eine Widerstandskraft, die ihn bei seinem letzten Besuch im Land beeindruckt habe. Gleichzeitig nehme die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit ab. Es falle immer schwerer, Spendengelder zu mobilisieren. Viele Hilfsorganisationen hätten kaum mehr die finanziellen Mittel, um auf Notlagen wie jene im Sudan und Südsudan zu reagieren.
(mit Material der sda)