«Die Perspektive der Trauernden fliesst zu wenig ein»
Andrea Jäggi, Sie setzen sich in Ihrer aktuellen Forschungsarbeit intensiv mit dem Tod auseinander. Bekannt geworden sind Sie allerdings als die erste Insektenköchin der Schweiz. Was hat Sie an Insekten interessiert?
Mich fasziniert das Spiel zwischen Ästhetik und Ekel. Insekten sind schöne Lebewesen, symmetrisch und farbig, aber in einem anderen Kontext durchaus eklig. Du willst sie nicht in deinem Schrank oder Bett haben – und sie schon gar nicht essen. Als ich mich aber intensiv mit dem Thema beschäftigte, habe ich gemerkt, dass Insekten zu essen gar nicht schlimm ist – im Gegenteil.
Wie kamen Sie von den Insekten zum Thema Tod?
Wirkmechanismen hinter grossen Themen wie Liebe, Ernährung oder Tod fand ich schon immer interessant. Was Insektenfood und der Tod gemeinsam haben, ist die Tabuisierung. Hinzu kam ein privates Ereignis.
Welches?
Mein Grossvater starb. Bevor er kremiert wurde, habe ich mit der Familie die offene Aufbahrung besucht. Die Situation, die ich dort antraf, hat mich erschreckt.
Andrea Jäggi schloss 2015 an der Zürcher Hochschule der Künste ihren Master of Arts in Design ab und gründete darauf das Future Food Lab. 2016 produzierte sie eine gleichnamige SRF-Webserie, in der sie mit Insekten kochte. Seit 2020 arbeitet sie am Designforschungsprojekt Future Death Lab. Dabei untersucht sie das Zusammenspiel von Raum und totem Körper und wie Trauernde bei der Trauerbewältigung unterstützt werden können. Jäggi (33) ist Mutter einer Tochter und wohnt in der Nähe von Bern. (hz)
Inwiefern?
Eine Glasscheibe trennte uns von meinem Grossvater. Mir schien es wie ein Diorama in einem Museum. Neben dem Sarg standen zwei Tischchen, drapiert mit verstaubten Samtdecken. Auf einem stand eine Grabkerze, auf dem andern ein Blumenbouquet. Irgendwo hing ein Bild.
Sie konnten nicht an den Sarg treten?
Erst als wir danach fragten. Der Weg führte durch gekachelte, spitalähnliche Korridore – die Hinter- und Personalräume der Institution. Der Geruch, das Licht … das war kein Ort der Abschiednahme. Als Designerin habe ich mich gefragt, ob man Aufbahrungssituationen nicht verbessern könnte. Daraus ist dann mein Forschungsprojekt entstanden.
Sie haben dazu bei einem Bestattungsunternehmen gearbeitet. Was fiel Ihnen auf?
Dass vieles institutionalisiert und konformiert ist. Auch seitens Bestattungsunternehmen wird dieser Zustand bedauert. Die wichtigste Erkenntnis ist aber sicher, dass die Perspektive von Trauernden nicht in den Gestaltungsprozess der Abschiedsräume einfliesst. Das birgt Zielkonflikte, insbesondere für Menschen aus nicht-christlichen Religionen. So sind gewisse Rituale schlicht nicht durchführbar in diesen Räumen. Was schade ist, denn eine breite Studienlage zeigt, dass eine direkte Verabschiedung von der verstorbenen Person dem Trauerprozess zutragend sein kann.
Welche Fragen stellen sich konkret?
Wie betrete ich den Raum? Wie verlasse ich ihn? Wie ist die Lichtsituation, gibt es Pflanzen, ein Farbkonzept, adäquates Mobiliar? Wie warm ist der Raum, möchte man sich hier aufhalten – vielleicht sogar einen Kaffee trinken? Ich habe festgestellt, dass solche Fragen bisher kaum gestellt wurden.
Ist es nicht so, dass Vorschriften, zum Beispiel die Hygiene betreffend, nicht mehr zulassen als spitalähnliche, kühle Räume?
Das stimmt nur zum Teil. Schon heute arbeitet man vielerorts mit gekühlten Katafalken, wo nur der Leichnam gekühlt wird und der Raum wohl temperiert bleibt. Aber die Möglichkeiten – gerade in grösseren Institutionen – sind längst nicht ausgeschöpft. Die kantonalen Bestattungsgesetze lassen mehr zu.
Sie stellen dem einheimischen Bestattungswesen kein gutes Zeugnis aus.
Das will ich damit nicht sagen. Ob eine Aufbahrung positiv oder negativ wahrgenommen wird, hängt oft auch von einzelnen Personen ab, von einer Pflegekraft in einem Heim, einem Bestatter oder einer Freundin der Familie, die sich Gedanken zur Aufbahrung gemacht hat. Im Palliative-Care-Kontext wird tolle Arbeit geleistet, und es entstehen immer mehr individuelle Räume. Man darf nicht generalisieren; für manche Trauerfälle können uniformierte Abläufe tröstend sein, für andere wiederum einengend. Es geht in meinem Projekt darum, die Ist-Situation und neue Möglichkeiten aufzuzeigen. Nur schon auf der technischen Ebene gibt es interessante Entwicklungen.
Welche?
Die Kremation ist die unökologischste Art, mit der Biomasse Mensch umzugehen. Nebst dem hohen Energieverbrauch werden Schadstoffe freigesetzt, vor allem bei medikamentenbelasteten Körpern. Kompostbestattungen wären ökologisch sinnvoller.
Kompostbestattungen?
Dabei wird der Leichnam in eine Art Kokon gelegt, erwärmt und in einem Substrat aus Mikroorganismen zersetzt. Es dauert etwa 40 Tage, bis der Körper zu Erde wird. Die Angehörigen bekommen die Erde überreicht und können damit beispielsweise einen Baum pflanzen oder den Humus in ihren Garten ausbringen. Leider sind in der Schweiz bisher nur Feuer- und Erdbestattungen erlaubt. Ich hoffe, das ändert sich bald. Als Designforscherin interessiere ich mich auch stark für neue Rituale, die durch solche Neuerungen entstehen.
Zum Beispiel?
Spannend finde ich die Aufbahrungsform des «extreme embalming», die man vor allem aus dem Süden der USA kennt. Embalming bedeutet die Einbalsamierung des Leichnams. Dabei steht die Inszenierung der Verstorbenen in seiner früheren Lebenswelt im Vordergrund.
Wie eine Wachsfigur?
Er wird einbalsamiert, eingekleidet und geschminkt. Einen ehemaligen Boxer können die Angehörigen beispielsweise noch einmal als Kämpfer in einem Boxring sehen und sich dort von ihm verabschieden. Oder einen verstorbenen Motorradfahrer auf einem Töff. Nach ein paar Wochen muss man den Leichnam auf herkömmliche Weise kremieren oder erdbestatten. In der Schweiz wird Embalming für die Überführung von Verstorbenen ins Ausland eingesetzt.
In ihrem Projekt untersuchen Sie auch die Liegeposition der Verstorbenen im Sarg. Wieso?
Beim Design eines Aufbahrungsraums gehört die «Inszenierung» des Leichnams durch Fachpersonal dazu. Dabei stellte sich die Frage, wieso Leichname immer rücklings im Sarg liegen, meist mit geschlossenen Augen und geschlossenem Mund. Die Rückenlage ist bei Bestattungen keine anthropologische Konstante. Um die unterschiedlichen Wirkungen zu untersuchen, habe ich Schauspieler verschiedene Körperpositionen im Sarg einnehmen lassen und sie fotografiert; zum Beispiel seitlich liegend, mit angewinkelten Armen oder mit offenen Augen. Die 350 entstandenen Bildkarten habe ich Testpersonen gezeigt und sie nach bestimmten Parametern befragt, von «würdig» bis «unwürdig» oder «friedlich» bis «gequält».
Was fanden Sie heraus?
Wenn Angehörige einen Verstorbenen friedlich im Sarg liegen sehen, sagen sie oft, das sehe aus «wie schlafend» und meinen das durchaus positiv. Wenn man den Leichnam aber in eine – beispielsweise seitliche – Schlafposition legt, empfanden das die Befragten als unwürdig. Das zeigt: Angehörige benutzen Wörter, meinen aber manchmal etwas anderes. Es lohnt sich, genau nachzufragen und hinzuhören.
Sie arbeiteten auch mit Künstlicher Intelligenz.
Zusammen mit Angehörigen habe ich mittels KI-Software fiktive Aufbahrungsräume entworfen, zum Beispiel einen mit Sonnenuntergangsstimmung und Sand. Mittels Eye-Tracking-Software habe ich zudem Testpersonen Aufbahrungsräume begehen lassen und analysiert, wo ihre Blicke hinwandern. Meine Forschungsarbeit soll zeigen, wie Beleuchtung, Sound, Haptik, Geschmack, Temperatur, Farbe und Mobiliar eine Aufbahrungssituation verbessern können.
Fliessen diese Erkenntnisse bereits in die Praxis ein?
Ich arbeite mit der Stadt Zürich zusammen und wirke mit beim Umbau des Krematoriums Nordheim. In den nächsten Jahren wird viel passieren, was das Lebensende betrifft. Ältere Menschen beschäftigen sich heute viel stärker mit dem letzten Lebensabschnitt als frühere Generationen. Vieles war durch die Kirche ritualisiert. Da für viele Menschen die Religion keine tragende Rolle mehr spielt, ändert sich das nun. Das schafft Platz für Neues.
Wie stellen Sie sich Ihre eigene Bestattung vor?
Durch meine Forschungsarbeit ändert sich das immer mal wieder. Ich habe mich beim Verein «Werde Erde» eingeschrieben. Das ist ein Zürcher Start-up, welches Kompostbestattungen legalisieren und anbieten möchte. Falls diese Methode zum Zeitpunkt meines Todes noch nicht erlaubt sein sollte, möchte ich kremiert werden. Die Asche soll an einem Ort, der für meinen Mann und mich sehr wichtig ist, verstreut werden.