Medizinethik

Spitalseelsorgende kritisieren geplante Neuregelung der Organspenden

Künftig soll zum Organspender werden, wer sich nicht explizit dagegen entscheidet. Das bringe Probleme mit sich, finden Fachleute.

In der Schweiz warteten im letzten Jahr 1457 Menschen auf ein Organ. Sie sollen von einer neuen Regelung profitieren. (Bild: Keystone / Leandre Duggan)

In Zukunft soll jeder zum Organspender werden, wenn er sich nicht explizit dagegen ausspricht und die Angehörigen keine Einwände haben. Das wollen National- und Ständerat. In der Praxis könnte diese Lösung allerdings zu Problemen führen, befürchten reformierte Spitalseelsorgerinnen.

«Ich finde das unausgereift», sagt Susanna Meyer Kunz, evangelisch-reformierte Pfarrerin und Leiterin der reformierten Spitalseelsorge des Universitätsspitals Zürich, auf Anfrage. Gemäss ihrer Erfahrung haben viele Patienten vor dem Tod nicht geregelt, ob sie Organe spenden wollen oder nicht. Dass sie künftig automatisch zu Organspendern würden, könne insbesondere für Hinterbliebene eine Belastung sein. «Es ist für Angehörige eine schwierigere Situation, sich explizit gegen eine Organspende entscheiden zu müssen. Besser wäre eine explizite Zustimmung seitens der Spender vor dem Tod», sagt Meyer Kunz.

Meyer Kunz weiss, wovon sie redet. Von 2005 bis 2018 war sie Seelsorgerin und Leiterin des Care-Teams im Kantonsspital in Chur. «Ich habe erlebt, wie schwierig die Situation ist, wenn die Organspende-Frage nicht geklärt ist.» Deshalb ermutige sie jeden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und seinen Willen in einer entsprechenden Patientenverfügung oder einem Organspende-Ausweis festzuhalten. Meyer Kunz erachtet die erweiterte Widerspruchsregelung als kritisch. Sie selbst ist dennoch Organspenderin und hält Organspenden grundsätzlich für eine gute Sache. Als Spitalseelsorgerin sähe sie in der Herzchirurgie täglich Menschen, die sehnlichst auf ein Organ warteten.

Grosse Dankbarkeit

Lange Erfahrung in der Spitalseelsorge hat auch die reformierte Pfarrerin Barbara Oberholzer. Sie ist wie Meyer Kunz am Universitätsspital in Zürich tätig. «Ich wäre bei der erweiterten Zustimmungslösung geblieben, kann mit der erweiterten Widerspruchslösung aber leben», sagt sie. «Im Zweifelsfall lehnen die Angehörigen die Organentnahme ab, und das ist völlig verständlich», sagt sie. Hinterbliebene stünden in einer solchen Situation unter einer enormen Belastung. «Schock und Verzweiflung brechen über sie herein, auch familiäre Konflikte können plötzlich akut werden.» Alles, was noch dazu komme, sei zu viel.

Barbara Oberholzer findet Organspenden «als solidarischen Akt» richtig. Auch sie selbst habe sich für eine Organspende entschieden. «Praktisch bei allen Transplantierten nehme ich Spendern gegenüber eine grosse Dankbarkeit wahr», sagt Oberholzer. Doch es gäbe auch Organempfängerinnen, die Skrupel hätten, weil ihr Hoffen auf ein Organ das Hoffen auf den Tod eines anderen bedeute. «Es war hilfreich zu wissen, dass die Organspende bis jetzt freiwillig erfolgte und der ausdrückliche Wunsch der Spenderinnen war», sagt Oberholzer.

Nationale Ethik-Kommission für «Erklärungsregelung»

Die Nationale Ethik-Kommision (NEK) hat sich 2019 in einem Positionspapier zur Organspende-Frage geäussert. Darin ist die Mehrheit der NEK der Ansicht, dass die Widerspruchsregelung keine Lösung der Organspende-Problematik darstellt. Sie unterstütze nicht die Ermittlung des Willens der verstorbenen Person; im Gegenteil, sie bedeute im  Verhältnis zur Zustimmungsregelung einen geringeren Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte, insbesondere des körperbezogenen Selbstbestimmungsrechts. Das heisst des Rechts, über das Schicksal der eigenen Organe nach dem Tod entscheiden zu können.

Die NEK würde hingegen (mit einer Gegenstimme) eine Erklärungsregelung favorisieren. Die Menschen in der Schweiz sollten regelmässig aufgefordert werden, sich mit dem Thema der Organspende auseinanderzusetzen und sich dazu zu äussern (Verpflichtung zur Erklärung). Auch bei der Erklärungsregelung solle die Entscheidungsfreiheit gewahrt bleiben: Zu beachten sei das Recht der einzelnen Person, sich nicht in  Form einer Zustimmung oder Ablehnung der Organspende zu dieser Materie äussern zu müssen, weshalb eine dritte Antwortkategorie («keine Erklärung») vorzusehen sei. (bat)

Ethisch fragwürdig

Eine deutlich ablehnende Haltung gegenüber der erweiterten Widerspruchslösung hat der Theologe und Ethiker Michael Coors. Er ist überrascht, dass eine solch «antiliberale Lösung» im Parlament ohne grosse gesellschaftliche Diskussion so grossen Zuspruch gefunden hat. «Ich halte es für sehr problematisch, dass Menschen, sollten die Angehörigen nicht einschreiten, zu Organgebern deklariert werden.» Wer sich nicht zur Organspende äussere, müsse die Gewissheit haben, dass der Staat seine körperliche Integrität auch im Zustand des Hirntodes respektiere. Er kenne einige, die sich mit der Organspende-Frage nicht auseinandersetzen möchten, weil sie sich damit überfordert fühlten.

«Leben zu retten ist gut, keine Frage», sagt Coors, «und ich sehe auch die Not der Menschen, die auf ein Organ warten. Aber wenn man dafür jemanden faktisch seines Körpers enteignen muss, solange er oder sie nicht widerspricht, finde ich das problematisch.» Der Zweck heilige nicht die Mittel.

EKS lehnt Widerspruchslösung ab

Auch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) ist gegen die automatische Weitergabe von Organen. Diese Haltung hat sie in einer Stellungnahme vom 4. Dezember 2019 publiziert.

Darin hält die EKS fest, dass ein Organ nicht nur eine Funktion habe, sondern Teil einer untrennbaren geistig-seelisch-physischen Einheit sei. Der Mensch besitze seinen Körper nicht, sondern dieser sei ein Geschenk. Deshalb könne man ihn nicht einfach veräussern oder abgeben. In der jüdisch-christlichen Tradition gelte die «Ehrfurcht vor dem Leben».

Angehörigen entlasten

Von der erweiterten Widerspruchslösung überzeugt ist dagegen Franz Immer, Direktor Swisstransplant und Kardiologe. Er sieht in der neuen Regelung nicht eine Belastung der Angehörigen, sondern eine Entlastung. Der Systemwechsel hin zur Widerspruchslösung fordere insbesondere diejenigen rund 20 Prozent der Bevölkerung auf, welche keine Organspende möchten, sich zu äussern. «So wird Sicherheit und Klarheit geschaffen», sagt Immer. Ausser Deutschland, Dänemark und der Schweiz kennten alle westeuropäischen Staaten diese Lösung, teilweise seit Jahrzehnten.

Sollte die Angehörigen keine Kenntnisse über den Organspende-Willen des Verstorbenen haben, fänden in den Spitälern Gespräche statt – oft auch begleitet von Seelsorgern. Dabei gehe es darum, den Wunsch des Verstorbenen bestmöglich zu erfahren und letztlich eine Entscheidung zu fällen, welche den Angehörigen entspreche. «Sie sagen dann eben oft Nein, da so viele andere Dinge und der Schock über das Ableben die Reflexion verunmöglichen», sagt Immer. Aus einer Studie wisse man aber, dass mehr als die Hälfte der Angehörigen, welche in dieser Krisensituation stellvertretend «Nein» sagten, mit einer Distanz von sechs Monaten rückblickend «Ja» gesagt hätten.

Die Schweiz hat laut Immer eine der höchsten Ablehnungsraten in Europa mit rund 55 Prozent. In den Nachbarländern Italien, Österreich und Frankreich liege diese bei 20 Prozent. Mit der neuen Regelung könnte die Schweiz zu diesen Ländern aufschliessen.