«Nicht mehr christlich» oder doch «genuin reformiert»?
Das Café Yucca im Zürcher Niederdorf ist eine Institution: Hierher kommen Arbeitsmigranten und Obdachlose, Menschen in finanzieller Notlage oder mit psychischen Problemen. Es gibt warme Mahlzeiten, professionelle Beratung und wenn nötig Zugang zu medizinischer Hilfe. Getragen wird das Café vom Verein Solidara Zürich (vormals Zürcher Stadtmission), der auf eine mehr als 160-jährige Geschichte zurückblicken kann – und auf eine «genuin reformierte Tradition», so sagt es Solidara-Geschäftsführerin Beatrice Bänninger.
Doch genau daran zweifelt die Kommission für Diakonie, Bildung und Kommunikation (DBK) der reformierten Kirchgemeinde Zürich. Solidara habe «die christlichen Wurzeln verlassen» und sich zu einem «konfessionell ungebundenen Verein entwickelt». Aus diesem Grund will die DBK die bisherige Sockelfinanzierung nicht für die Jahre 2025 bis 2028 sprechen, sondern auf zwei Jahre begrenzen. Das geht aus einem Antrag der Kommission ans Kirchgemeindeparlament hervor (ref.ch berichtete).
DBK sieht Glaubwürdigkeitsproblem
Auf Nachfrage von ref.ch erklärt Priscilla Schwendimann, bei Solidara stehe nicht mehr das drauf, was drinstecke. «Der Verein hat sich in den letzten Jahren neu positioniert. Er will nun explizit interreligiös sein – das Geld kommt aber zu 40 Prozent von Kirchen.» Das gehe für die Kommission nicht zusammen. Hinzu komme, dass Solidara in Zukunft laut dem Entwurf der Leistungsvereinbarung nur noch dem solidarischen Handeln verpflichtet sei. Diakonische Tätigkeiten der Kirchen würden aber aus dem Evangelium heraus geschehen, so Schwendimann, die das Geschäft für die DBK vertritt.
Schwendimann betont, dass es den Kommissionsmitgliedern nicht um eine Aussage zur Arbeit von Solidara gehe. «Wir sind alle grosse Fans des Vereins. Seine Arbeit darf nicht an die Wand gefahren werden.» Daher habe die DBK auch einen Rückweisungs- und keinen Ablehnungsantrag gestellt, der die Gelder ab 2025 auf Eis gelegt hätte. Der Entscheid fiel einstimmig.
Keine andere Organisation erhalte einen Sockelbeitrag in dieser Höhe, sagt Schwendimann. «Wenn Solidara nun nicht mehr christlich sein will, bekommen wir als Kirche ein Argumentationsproblem – das schadet unserer Glaubwürdigkeit.» Sollte der Verein erneut um eine Sockelfinanzierung ersuchen, müsse er erst wieder christlich werden, heisst es im Antrag der Kommission.
«Urchristliche» Haltung
Konsterniert von dieser Argumentation zeigt sich Solidara-Geschäftsführerin Beatrice Bänninger. Das Konzept für die Sockelfinanzierung sei von der reformierten, der katholischen und der christkatholischen Kirche in Zürich gemeinsam erarbeitet worden und 2020 vom reformierten Parlament klar gutgeheissen worden. «Seither hat sich nichts verändert. Schon damals war vertraglich vereinbart, dass wir eine interreligiöse Öffnung zu gegebener Zeit ins Auge fassen.»
Die Klientel von Solidara habe sich in den vergangenen dreissig Jahren verändert, sei diverser und internationaler geworden, so Bänninger. Es sei nur folgerichtig, auch die Mitgliederstruktur entsprechend anzupassen und «in interreligiöser Partnerschaft gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen».
Für die Geschäftsführerin steckt im Verein sehr wohl das drin, was draufsteht: «Wir sind solidarisch mit jedem Menschen, der zu uns kommt – unabhängig von Konfession, Herkunft oder Geschlecht. Das ist unser Markenzeichen.» Für sie sei diese Haltung urchristlich.
Ein Fünftel des Budgets
Für Solidara geht es um viel: Die Beiträge der reformierten Kirchgemeinde belaufen sich auf rund 500'000 Franken pro Jahr. Das entspricht einem knappen Fünftel des Vereinsbudgets, der – sollte das Parlament seiner Kommission folgen – ab 2027 fehlen würde. «Ehrlich gesagt, ich fühle mich wie von einem Traktor überfahren», sagt Bänninger. Zumal für sie nichts auf diesen Kommissionsentscheid hingedeutet hatte. Erfahren habe sie vom Wortlaut erst am Montag, als der Antrag auf der Website der Kirchgemeinde aufgeschaltet worden war.
Neben dem Café Yucca betreibt Solidara mit Isla Victoria eine Beratungsstelle für Sexarbeitende in Zürich und Winterthur. Im Vorstand des Vereins sitzen unter anderem der ehemalige Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist und Martin Ruhwinkel, der Leiter der Abteilung Diakonie bei der Caritas Zürich. Das Geschäft wird voraussichtlich in der Oktobersitzung des Kirchgemeindeparlaments behandelt.