Das 50-Millionen-Franken-Haus
Der Weg ins reformierte Kirchgemeindehaus von Zürich-Wipkingen führt vorbei an einer stillgelegten Postfiliale, verrammelt, versprayt und seit einiger Zeit besetzt, über eine Treppe, die zu einem Parkhaus führen könnte, auf eine Terrasse, der das Provisorische in Zeiten des Übergangs anzusehen ist. Alles begleitet vom steten Brummen des Verkehrs an Zürichs meistbefahrener Achse, der Rosengartenstrasse. Doch mit dem ersten Schritt in das Entree ist es vorbei mit Lärm und Hektik. Die klaren Linien der Architektur aus den 1930er-Jahren und die hohen Decken geben dem Besucher Raum.
Zur Zeit ist das siebenstöckige Gebäude zwischengenutzt. Hier wohnen Menschen, Unternehmen haben Büros eingerichtet und Migrantenkirchen ein vorübergehendes Zuhause gefunden.
Dieses beinahe hundert Jahre alte Gebäude soll bis 2027 zu einem «Haus der Diakonie» werden. Die Kirchgemeinde Zürich macht sich nicht wie andere Kirchgemeinden Gedanken über einen Verkauf der Liegenschaft: Hier wird saniert, umgenutzt und eine Summe von über 50 Millionen Franken investiert, so zumindest ist es geplant. Ob es tatsächlich so kommt, darüber wird im Herbst die reformierte Stimmbevölkerung der Stadt befinden. Deshalb rührt die Kirchgemeinde Zürich die Werbetrommel. Gerade ist eine Ausstellung zum Vorhaben in den Räumen des Wipkinger Kirchgemeindehauses eröffnet worden.
Wohnen und Arbeiten zusammenbringen
Einerseits soll das «Haus der Diakonie» zu einem Treffpunkt im Quartier werden mit Freiräumen, Kinderbetreuung, Co-Working und gastronomischem Angebot. Andererseits will die Streetchurch der reformierten Kirche Zürich einziehen und mitbringen, was sie an ihrem alten Standort in der Innenstadt angeboten hat: Begleitetes Wohnen, Lerncoaching und Hilfe bei der Integration in den ersten Arbeitsmarkt.
Philipp Nussbaumer, Geschäftsleiter der Streetchurch, ist auch der Projektleiter bei der Umgestaltung des Gebäudes in ein Diakonie-Haus. Und für ihn schliesst sich hier ein Kreis: Vor gut zehn Jahren stand er mit seinem Auto auf der Hardbrücke im Stau. Die Ampel war rot, Nussbaumer sah sich um. Er entdeckte das markante Gebäude und dachte, das wäre der passende Ort für die Streetchurch, ein Haus an einer der lautesten Strassen der Schweiz.
Was heute das Kirchgemeindehaus Wipkingen ist, wurde 1931 als «reformiertes Volkshaus» gebaut. Es diente als Treffpunkt im Quartier. Im Gebäude befanden sich eine alkoholfreie Wirtschaft, eine Mütterberatung und ein Volksbad. Hier konnten die Menschen aus dem Quartier beispielsweise duschen. Private Badezimmer gab es damals in den meisten Mietwohnungen nicht. Seit 2008 steht das Gebäude unter Denkmalschutz.
Das reformierte Volkshaus war vor und während des Zweiten Weltkriegs ein Zentrum des Widerstands. Im Rahmen der «Wipkinger Tagungen» diskutierten dort Pfarrer und Pfarrerinnen über theologische und ethische Fragen. Von diesen Treffen ging schliesslich der Impuls aus, ein Hilfswerk für bedrohte und verfolgte Pfarrpersonen aus dem nationalsozialistischen Deutschland zu schaffen. Das Schweizerische Hilfswerk für die Bekennende Kirche in Deutschland half geflüchteten Pfarrpersonen und versuchte, sie privat unterzubringen. In der Regel wurden Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz in Lagern interniert. (dst)
Nun könnte es tatsächlich so kommen. Die Streetchurch suchte neue Räume, die Kirchgemeinde Zürich einen neuen Zweck für das Gebäude. 2019 nahm ein Team um Nussbaumer die Arbeit am Projekt auf. Im «Haus der Diakonie» will die Streetchurch ihre soziale Arbeit weiterführen – und ausbauen. Allen voran mit einem Gastronomiebetrieb, der Stellen im zweiten Arbeitsmarkt anbieten würde. «So ein Betrieb wäre für uns eine Premiere», sagt Nussbaumer.
Fusion erleichtert Grossprojekte
Johannes Stückelberger ist Experte darin, Varianten der Neunutzung kirchlicher Immobilien zu beurteilen. Er hält das Projekt in Zürich-Wipkingen für eine gute Idee. «Wie andere Institutionen sollen auch die Kirchen mit neuen Projekten in die Zukunft investieren», sagt er. Am Geld dürfe es nicht scheitern.
Denn laut dem emeritierten Dozenten für Religions- und Kirchenästhetik profitiert die Kirche davon: «Mit solchen Projekten werden die Kirchen sichtbar als Institutionen, die Leistungen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung erbringen.» Das «Haus der Diakonie» habe städtische Dimensionen, sagt Stückelberger, ein vergleichbares Projekt gebe es in der Schweiz nicht. Aber auch im kleineren Massstab könne man den diakonischen Auftrag erfüllen. Für Stückelberger ist das geplante «Haus der Diakonie» ein Modell für die Zukunft.
Projektleiter Philipp Nussbaumer sagt, das Vorhaben sei erst möglich geworden durch die Fusion der Stadtzürcher Kirchgemeinden zu einer einzigen Grossen. Das Portfolio der Immobilien könne nun aus einer anderen Perspektive und auch professioneller bewirtschaftet werden. Das sei bei einem Vorhaben in dieser Grössenordnung auch nötig.
Für Wipkingen ist die Neunutzung kirchlicher Gebäude jedenfalls nichts Neues: Nur ein paar hundert Meter weiter die Rosengartenstrasse hinauf steht die reformierte Kirche Wipkingen. Sie wird neu als Schulraum genutzt, weil die Primarschule nebenan zu wenig Platz für die Kinder hat.