Bis der Lohn kommt, gibt es Teigwaren
Etwas über 3000 Franken Lohn, verdient mit Reinigungsarbeiten. Zwei Kinder, die neue Winterjacken brauchen und dieselben Sneakers wollen wie ihre Schulgspänli. Ein ex-Mann, der kaum Alimente zahlt. Und offene Rechnungen vom Zahnarzt. Fälle wie diesen bearbeitet Andrea Steiger derzeit einige. Steiger ist Sozialarbeiterin bei der Street Church Zürich der Reformierten Kirche Zürich. Sie berät Menschen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten oder die mit der Administration überfordert sind. «Die Situation hat sich zugespitzt», sagt sie.
Ob bei der Miete, den Lebensmitteln oder der Energie, überall sind die Preise in den letzten Monaten gestiegen. Schliesslich kommt ab 2024 der Aufschlag bei den Prämien für die Krankenkasse hinzu: 8,7 Prozent teurer wird die Krankenversicherung im Schnitt. Bei einer Prämie von 400 Franken sind das monatlich 35 Franken mehr.
Dabei ist dieser Aufschlag für Menschen, die wirklich knapp dran sind, noch gar kein Thema. «Viele denken nicht an den Januar, sondern von Monat zu Monat», sagt Steiger. «Am 17. oder 18. des Monats, wenn das Konto leer ist, leben sie von den Teigwaren, die sie im Küchenschrank vorrätig haben.»
Steiger stellt gemeinsam mit ihren Klientinnen Budgets auf. Wer Schulden hat, diese aber realistischerweise abtragen kann, leitet sie in die Schuldenberatung weiter. Für grössere Auslagen, die nicht beglichen werden können, bittet sie um Unterstützung bei SOS Beobachter oder anderen Stiftungen. Diese übernehmen Auslagen wie Zahnarztrechnungen oder auch einmal Jahresbeiträge von Sportvereinen.
Preise steigen, Löhne nicht
Dabei trifft die aktuelle Teuerungswelle ausgerechnet jene am stärksten, die ohnehin schon ein tiefes Einkommen haben. Müssen Geringverdiener einen höheren Anteil des Budgets für teurere Lebensmittel ausgeben, spüren sie das stärker als der Durchschnittshaushalt. Dasselbe gilt für die steigenden Krankenkassenprämien, wie Caritas schreibt.
Es ist also die Gruppe der sogenannten Working Poor, welche unter der aktuellen Entwicklung besonders leidet – Menschen, die erwerbstätig sind, deren Einkommen aber knapp über der Grenze liegt, unter der sie Anspruch auf Sozialhilfe hätten. Wer Sozialhilfe bezieht, ist zumindest von den steigenden Krankenkassenprämien nicht direkt betroffen, da diese vom Amt bezahlt werden.
Kommt hinzu, dass manche Kantone die Höhe der Sozialhilfe der Teuerung angleichen. Working Poor hingegen geht es wie allen Erwerbstätigen: Das Leben wird teurer, die Löhne steigen aber höchstens um einen Bruchteil dessen. Im Jahr 2022 beispielsweise stiegen die Löhne um durchschnittlich 0,9 Prozent, die Preise jedoch im Schnitt um 2,8 Prozent.
Auch erwerbstätige Flüchtlinge sind betroffen
Auch Sandra Moor berät Familien, die sich mit 4000 Franken Einkommen zu viert oder zu fünft durschlagen müssen. «Ich frage mich manchmal, wie das geht», sagt die Sozialarbeiterin von der Reformierten Gesamtkirchgemeinde Thun. Höhere Ausstände wie die Stromrechnung, die Radio- und TV-Gebühren sowie eben die steigenden Krankenkassenprämien würden schnell in die Verschuldung führen.
Moor stellt fest, dass es neben Working Poor eine zweite grössere Gruppe gibt, welche die steigenden Lebenskosten besonders hart trifft: Flüchtlinge mit Aufenthaltsbewilligung B, die zwar Anspruch auf Sozialhilfe hätten, diesen aber nicht wahrnehmen. «Sie haben Angst, wegen des Bezuges der Sozialleistungen ihre Aufenthaltsbewilligung zu verlieren», sagt sie. Diese Sorge ist nicht unbegründet: 2019 trat ein Gesetz in Kraft, das in letzter Konsequenz zum Landesverweis führen kann. Immerhin hat das eidgenössische Parlament diese Regelung kürzlich mit der Motion «Armut ist kein Verbrechen» abgeschwächt. Zumindest Menschen, die seit zehn Jahren in der Schweiz leben, sind geschützt.
Kirchgemeinde verfügt über eigenen Sozialfonds
Mit Budgetberatungen versucht Moor zu verhindern, dass die Menschen sich überschulden. Auch sie schreibt für ihre Klienten Gesuche, zum Beispiel an die Winterhilfe oder Humanitas. Die reformierte Gesamtkirchgemeinde verfügt ausserdem über einen Sozialfonds, mit dem Auslagen bis 800 Franken pro Jahr und Familie mit zwei Kindern direkt gedeckt werden können. Moor befürchtet, dass die jetzige Situation dazu führt, dass mehr Menschen in eine Schuldenspirale geraten. «Wenn die Menschen keine Perspektive mehr haben, schuldenfrei zu bleiben, ist es ihnen irgendwann egal.»
Um die Situation von Working Poor zu verbessern, hilft neben Beratung vor allem eines: mehr Geld. Der Gewerkschaftsbund fordert, die Löhne aufgrund der gestiegenen Lebenskosten generell um fünf Prozent zu erhöhen. Caritas bemängelt, dass Bund und Kantone zu wenig tun, um die Prämienerhöhungen abzufedern – etwa durch eine Erhöhung der Prämienverbilligung. Auch der Umstand, dass Zahnbehandlungen nicht Teil der Grundversicherung ist, sorgt für Unverständnis.
Manche Lücken des Sozialstaats werden von Stiftungen oder eben auch von kirchlichen Beratungsstellen aufgefangen. «Zu uns kommen Menschen, die sonst nirgends hin können», sagt Sandra Moor. Das Angebot der Reformierten Gesamtkirchgemeinde ergänze jenes des Sozialdienstes gut. «Manchen hilft es, wenn sie ihre Sorgen erzählen können.» Anders als die Behörden habe sie die Zeit, um zuzuhören. Oder auch um die ungeöffnete Post zu sortieren, die Betroffene aus Angst vor weiteren Rechnungen nicht mehr aufmachen.