Multireligiöse Begleitung

Die Grenzen der Seelsorge

Ein Verein schult im Kanton Bern seit Kurzem Menschen verschiedener Glaubensgemeinschaften, damit sie Seelsorger unterstützen können. Damit will er der gesellschaftlichen Realität Rechnung tragen.

Menschen von nicht anerkannten Religionsgemeinschaften sind in der Seelsorge bisher kaum repräsentiert. (Bild: Peter Klaunzer/ Keystone)

Auf existentielle Fragen einzugehen, ist keine leichte Aufgabe. Für Seelsorgerinnen gehört sie zum Job. Bestehen sprachliche, kulturelle oder religiöse Barrieren, kommen aber auch sie an ihre Grenzen.

Der reformierte Bieler Pfarrer Philipp Koenig kennt solche Situationen. «Als Seelsorger ist man für alle da», sagt er. Während seiner Arbeit im Bundesasylzentrum in Bern hat er die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen muslimischen Glaubens sind. Bestand bei ihnen das Bedürfnis nach einem muslimischen Ritual, konnte er nur schlecht weiterhelfen. «Ich habe dann jeweils versucht, den Kontakt zu einem Imam zu vermitteln», sagt Koenig. Mit Zeadin Mustafi ist mittlerweile ein muslimischer Seelsorger im Bundesasylzentrum angestellt.

Doch dabei handelt es sich um Ausnahmen. In den meisten Fällen und vor allem auf kantonaler Ebene sind viele Gemeinschaften auf sich allein gestellt, wenn ihre Mitglieder in schwierige Lebenssituationen geraten. Wer Hilfe leistet, wird nicht entschädigt. Gleichzeitig gibt es keine einheitlichen Standards, die eine professionelle Unterstützung garantieren.

«Wir machen als Gemeinschaft ein Burnout.»
Özlem Duvarci, Vizepräsidentin des Vereins Multireligiöse Begleitung

Das soll sich ändern. Vergangenes Jahr ist im Kanton Bern der Verein Multireligiöse Begleitung gegründet worden. Dieser bildet Menschen verschiedener Konfessionen fort, damit sie in ihren Gemeinschaften eine Art «Seelsorge light» leisten können. Koenig spricht von «ehrenamtlicher religiöser Begleitung». Denn die Seelsorge umfasse mehr Aufgaben und setze unter anderem ein theologisches Studium voraus. «Wir arbeiten ergänzend zur Seelsorge.»

Andere Gesellschaft, andere Strukturen

Der Verein geht auf eine Initiative der Interkonfessionellen Konferenz (IKK) zurück. Personen aus sechs verschiedenen Religionsgemeinschaften erarbeiteten gemeinsam ethische Grundsätze für eine multireligiöse Begleitung. «Alle hatten ein Vetorecht, wir mussten uns auf jedes Komma einigen», sagt Koenig. Trotzdem sei der Prozess erstaunlich gut gegangen. Nun haben 14 Teilnehmerinnen die erste Fortbildung abgeschlossen.

Unter ihnen befindet sich Özlem Duvarci, die Vizepräsidentin des Vereins und Alevitin. Die studierte Philosophin und Ethikerin engagiert sich seit Jahren in der alevitischen Gemeinschaft, berät und besucht Familien oder hilft bei administrativen Fragen. «Die Aleviten aus den kurdischen Gebieten kommen häufig aus Dörfern, die gut organisiert sind», sagt sie. Gemeinschaft und Rituale hätten dort einen hohen Stellenwert.

«Es braucht ein interreligiöses Interesse und eine Form von Spiritualität für die Fortbildung.»
Philipp Koenig, Präsident des Vereins Multireligiöse Begleitung

In der Schweiz müssten die Leute hingegen viel Zeit für die Erwerbsarbeit aufwenden. Deshalb könnten Aleviten hierzulande soziale Erwartungen häufig nicht erfüllen. «Wir machen als Gemeinschaft ein Burnout», sagt Duvarci. Für sie ist klar: Es braucht professionelle Strukturen und mehr Leute, die solche Aufgaben übernehmen können.

Sie absolviert die Fortbildung gemeinsam mit sechs Frauen und sieben Männern, die aus der christlichen, der jüdischen, aus der hinduistischen oder aus der muslimischen Gemeinschaft kommen – oder die keinen konfessionellen Hintergrund haben. «Es braucht aber ein interreligiöses Interesse und eine Form von Spiritualität für die Fortbildung», sagt Philipp Koenig. Interessierte müssen sich bewerben und eine Empfehlung ihrer Gemeinschaft vorweisen können.

Auf dem Programm stehen Module zu den Themen Ethik, Kommunikation oder religiöse Perspektivenvielfalt. Dabei geht es beispielsweise um das Thema Tod, erklärt Özlem Duvarci. «Alle Teilnehmerinnen erklären, wie in ihren Gemeinschaften mit sterbenden Personen umgegangen wird und was nach ihrem Tod mit ihnen geschieht.» So könnten sie voneinander lernen, wie eine gute religiöse Begleitung aussieht.

«Ziel ist, dass Menschen in kantonalen Institutionen auf Wunsch eine adäquate religiös-kulturelle Begleitung erhalten.»
David Leutwyler, Beauftragter für kirchliche und religiöse Angelegenheiten beim Kanton Bern

In der Fortbildung behandeln die Teilnehmer anhand fiktiver Situationen zudem ethische Dilemmata, erzählt Duvarci. Auch Supervisionen – die Besprechung von Situationen mit externen Fachleuten – gehören dazu. Am Anfang und am Ende der Fortbildung begleiten die Teilnehmerinnen ausgebildete Seelsorgerinnen bei einem Besuch in einer Institution.

Geld für Extremismus-Prävention

Bisher wurde das Projekt von der IKK, Stiftungen und dem Bund finanziert, wie Koenig sagt. Unterstützung könnte es demnächst aber auch vom Kanton Bern geben. Der Berner BDP-Grossrat Ulrich Stähli forderte 2017 in einem Postulat, dass der Kanton ein seelsorgliches Angebot aufbaut, das sich auch an Mitglieder nicht anerkannter Religionen richtet. Auslöser waren Berichte über Dschihad-Reisende, die in der Schweiz radikalisiert wurden. Nicht zuletzt deshalb wurde die Fortbildung um das Modul «Radikalisierung und Extremismus» ergänzt, erklärt Koenig.

Der Berner Regierungsrat unterstützt das Anliegen. «Ziel ist, dass Menschen in schwierigen Lebenssituationen in kantonalen Institutionen auf Wunsch eine adäquate religiös-kulturelle Begleitung erhalten», sagt David Leutwyler, Beauftragter für kirchliche und religiöse Angelegenheiten beim Kanton Bern. Gemeint sind damit Spitäler, Asylunterkünfte oder Gefängnisse – Orte, an denen existentielle Fragen sich aufdrängen.

«Wir wollen Anerkennung.»
Özlem Duvarci, Vizepräsidentin des Vereins Multireligiöse Begleitung

Im Bericht des Regierungsrats steht, dass 12 Prozent der Berner Bevölkerung einer Religionsgemeinschaft angehören, die nicht anerkannt ist. Aber nur knapp über 1 Prozent der Seelsorger in den Institutionen repräsentieren diese Gruppen.

Budgetiert sind für die Pilotphase bis 2025 jährlich 160'000 Franken. Noch fehlt die Zustimmung des Grossen Rats im Rahmen der Budgetdebatte 2024. «Der Anteil, der dem Verein Multireligiöse Begleitung direkt zukommen wird, kann erst nach Auswertung der Erfahrungen im Jahr 2023 festgelegt werden», sagt Leutwyler. Wie der Verein die Entschädigung ausgestalte, liege in der Kompetenz des Vorstands.

Eine Notwendigkeit der Zukunft

«Im Moment zahlen wir 100 Franken pro Besuch, plus Reisespesen», sagt Koenig. Ums Geld geht es laut der Alevitin Özlem Duvarci sowieso nicht. «Wir wollen Anerkennung.» Die Entschädigung erleichtere es den religiösen Begleiterinnen, in eine Rolle zu schlüpfen.

Wie gross die Nachfrage nach multireligiöser Begleitung ist, steht zurzeit noch offen. Dass eine besteht, bezweifelt Philipp Koenig keine Sekunde. «Wenn Menschen in einer prekären Lage stecken, ist die Präsenz von religiös-spirituellen Begleiterinnen heilsam», sagt er. Wie Biel, wo Menschen aus 140 Nationen zusammenleben, ist auch Bümpliz multikulturell und -religiös. Und für Koenig damit ein Beispiel, wie die ganze Schweiz in einigen Jahren aussieht. «Das muss sich bei der Begleitung von Menschen widerspiegeln.»