Sozialarbeit
Gespräche im VW-Bus vor den Gefängnismauern
Das Gefängnis Zürich-West auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofs gilt als eines der modernsten der Schweiz – ein siebenstöckiger Bau aus grauem Sichtbeton mit schmalen Fenstern. 241 vorläufig festgenommene Personen oder solche in Untersuchungshaft können hier untergebracht werden.
An einem Mittwochnachmittag Anfang Oktober fällt etwas auf, das die Anonymität des Ortes durchbricht: Unweit der Eingangstür steht ein dunkelblauer VW-Bus am Rand des Gehwegs. Davor ist ein kleiner roter Tisch mit Süssigkeiten drauf und farbigen Stühlen drumherum. Daneben eine Tafel mit der Aufschrift «InfoBUS – für Angehörige von Inhaftierten».
Die Tür zum Bus steht offen, darin sitzt Andreas und macht Notizen. «Heute waren es vier», sagt er. «Die erste Person war eine verzweifelte Frau mit einer Tasche voller Zigarettenpackungen, die sie ihrem Vater vorbeibringen wollte. Weil sie statt der Identitätskarte nur einen Führerausweis dabei hatte, wurde sie abgewiesen», erzählt er. Dabei habe sie wie vorgeschrieben einen Besuchstermin vereinbart und sei eine Stunde angereist. «Das ist die harte Realität des Justizvollzugs», sagt Andreas. «Klare Regeln, keine Ausnahmen.»
Seit bald drei Stunden steht er zusammen mit Kollegin Rita vor dem InfoBUS. Beide sind pensioniert und arbeiten hier als Freiwillige. Ihre Aufgabe ist es, Menschen anzusprechen, die Angehörige von Inhaftierten sein könnten, und ihnen ihre Unterstützung anzubieten.
Angehörige im Mittelpunkt
Hinter dem Projekt stehen zwei Fachstellen: Der Verein team72 arbeitet im Auftrag von Justizvollzug und Wiedereingliederung im Kanton Zürich und hat 2022 eine Infostelle für Angehörige eingerichtet. Die Fachstelle ExtraMural («ausserhalb der Mauern») wurde 2023 von der reformierten und katholischen Kirche ins Leben gerufen (ref.ch berichtete).
Bei beiden Angeboten stehen jene im Mittelpunkt, die nach der Verhaftung einer Person zurückblieben; die Kinder, die Mütter und Väter, die Ehefrauen oder -männer. Aber auch die Freundinnen und Freunde. ExtraMural ist als Pilotprojekt gestartet, dieses Jahr hat der Kirchenrat die Weiterführung bewilligt. Die Fachstelle umfasst unter anderem Beratungen per Telefon oder online und betreut eine Selbsthilfegruppe, die sich einmal im Monat trifft.
Das Bus-Projekt wird von den Fachstellen gemeinsam betrieben. Im letzten Jahr waren sie während vier Monaten in einem Wohnwagen vor der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf präsent, damals noch unter dem Namen «Familien-Mobil». Seit Juni 2025 steht der InfoBUS im Wechsel zwei Nachmittage in der Woche vor dem Gefängnis Zürich-West und der JVA Pöschwies, der grössten Justizvollzugsanstalt der Schweiz. Seither seien rund 80 Gespräche gezählt worden.
Mittlerweile werden die Einsätze fast ausschliesslich von einem Team aus 17 Freiwilligen durchgeführt, darunter Andreas und Rita. Das Ziel: auch jene Menschen vor Ort zu erreichen, die nicht von sich aus eine Beratung aufsuchen würden.
Betroffene oft stigmatisiert
«Eine Inhaftierung ist ein riesiges Tabu in unserer Gesellschaft», sagt die Stellenleiterin von ExtraMural Ivana Mehr an diesem Nachmittag vor dem InfoBUS. Genaue Zahlen, wie viele Personen betroffen sind, gibt es keine. Schätzungen gehen schweizweit von rund 50 '000 Menschen aus, die einen Angehörigen in Haft haben, davon etwa 9000 Kinder.
«Für die meisten ist die Verhaftung ein grosser Schock», sagt Mehr. Viele fragten sich: «Wie erzählt man dem Kind, dass sein Vater im Gefängnis ist? Was sagt man den Lehrpersonen? Den Nachbarn?» Im Unterschied zu anderen Schicksalsschlägen könne man bei der Inhaftierung eines Angehörigen oft nicht mit der Unterstützung aus dem sozialen Umfeld rechnen. «Betroffene erfahren viel Stigmatisierung. Sie sind die Leidtragenden einer Straftat, mit der sie nichts zu tun haben.» Als Folge werde die Inhaftierung oft verheimlicht.
Wegen laufender Strafuntersuchungen und aufgrund des Amtsgeheimnisses würden Informationen seitens der Behörden nur spärlich herausgegeben. Das erschwere es Angehörigen zusätzlich, die Lage zu verstehen. Neben der emotionalen Belastung komme nicht selten eine finanzielle Not: Wie zahle ich meine Miete, wenn das Einkommen des Partners wegfällt?
Zuhören statt urteilen
Bevor das Team an diesem Tag zusammenpackt, hat die Freiwillige Rita eine Angehörige beraten, die wissen wollte, welche Gegenstände man den Inhaftierten überhaupt mitbringen dürfe.
«Es geht viel darum zu erklären, wie das Justizsystem in der Schweiz funktioniert», erzählt Sandra Baur von der Anlaufstelle team72 am Telefon. Zum Beispiel, dass die vorläufige Festnahme bis zu 96 Stunden dauern kann und wie sie vonstatten geht. Oder wie es in einem Gefängnis aussieht: Wie ist die Schlafsituation? Sind die WCs abgetrennt? Was gibt es zum Essen? Kann ich dem Inhaftierten frische Unterwäsche vorbeibringen?
Im InfoBUS findet sich für solche Fragen auch ausgedrucktes Bildmaterial einer Zelle. «Das beruhigt die Angehörigen oft», sagt Baur. «Dass man nicht auf einer Pritsche schläft und nur Wasser und Brot zu Essen bekommt.» Die meisten Menschen haben sich davor noch nie mit den Haftbedingungen in der Schweiz auseinandergesetzt. Warum auch?
Vor Ort geht es laut Baur und Mehr ausdrücklich nicht darum, professionelle Beratung zu leisten. Sondern zu informieren und vor allem: da zu sein. Ein offenes Ohr zu haben, ohne zu urteilen. «Wir fragen nie nach dem Delikt der Insassen», sagt Mehr.
Wenig Vergleichbares
Es ist Pionierinnenarbeit, die die zwei Frauen damit leisten. Bisher gab es in der Deutschschweiz wenig Vergleichbares. Die Heilsarmee bietet zwar seit vielen Jahren eine Anlaufstelle für Angehörige von Insassen, ist jedoch mit nur wenig Ressourcen ausgestattet. Ähnliche Pilotprojekte gibt es auch in den Kantonen Basel-Stadt, St. Gallen und Thurgau.
Anders sieht es in der Westschweiz aus. Dort bietet seit nun 30 Jahren die Stiftung REPR (Relais Enfants Parents Romands) fast flächendeckend Beratung für Angehörige an. Die Idee mit dem VW-Bus vor der Haftanstalt ist ebenfalls durch REPR inspiriert worden.
«Am schwierigsten ist es, die Angehörigen überhaupt zu erkennen», sagt der Freiwillige Andreas, der früher in der Entwicklungszusammenarbeit tätig war. Wie man Menschen unter Hochstress erkennen könne, sei auch Teil der Schulung gewesen. «Wir müssen auf die Körperhaltung achten», sagt Andreas. «Auf den Gesichtsausdruck und den Gang der Person.» Besser sei es, sie beim Hinauskommen anzusprechen, da hätten sie meist mehr Zeit. «Haben Sie gerade jemanden besucht? Kennen Sie den InfoBUS schon? Meistens sind es diese Fragen, mit denen wir auf die Menschen zugehen», sagt Andreas.
Inhaftiere leiden oft an psychischen Störungen
Kurz bevor der VW-Bus an diesem Nachmittag wegfährt, kommt eine Frau auf Ivana Mehr zu. Grosse Statur, schwarzes kurzes Haar. Sie hat keine spezifische Frage, aber das Bedürfnis nach Austausch. «Mein Sohn ist seit zwei Jahren in Haft», erzählt die Frau auf Französisch. Eigentlich sei er psychisch krank, bekomme aber keinen Platz in einer Klinik. Leider kein Einzelfall, wie der «Beobachter» kürzlich publik machte. Der Recherche zufolge leidet mehr als die Hälfte der Inhaftierten in Schweizer Gefängnissen an psychischen Störungen.
Ivana Mehr gibt der Frau ihre Nummer. Auch das sei eines der Ziele des InfoBUS: Menschen vor Ort auf die Beratungsangebote der zwei Fachstellen aufmerksam zu machen.
Die Frau geht weg. Es war das fünfte Gespräch mit einer Angehörigen an diesem Nachmittag. Für nächstes Jahr sei geplant, die Präsenz vor Ort zu erhöhen, um mehr Menschen erreichen zu können. Auch werde die Möglichkeit geprüft, weitere Gefängnisse in der Region anzusteuern. «Jede einzelne Beratung zählt», sind Ivana Mehr und Sandra Baur überzeugt: «Wenn wir auch nur fünf Menschen in ihrer Verzweiflung beistehen können, ist das schon viel wert.»