Schweizer Hilfswerke werden kräftig durchgeschüttelt

Die beiden Hilfswerke Heks und Brot für alle wollen sich künftig gemeinsam auf einem zunehmend anspruchsvollen Feld behaupten. Die Fusion kommt zu einem Zeitpunkt, wo die Entwicklungshilfe generell im Umbruch ist – kein Stein soll auf dem anderen bleiben.

Zunehmende Konkurrenz, gestiegene Anforderungen und politische Unsicherheiten: Die Schweizer Hilfswerke erleben unruhige Zeiten. (Bild: Keystone)

Aus zwei mach eins: Brot für alle (Bfa) und das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) wollen gemeinsam in die Zukunft gehen. Wie die beiden reformierten Hilfswerke am 12. April mitteilten, wird eine Fusion bis 2021 angestrebt. In deren Rahmen sollen auch einige wenige Stellen gestrichen werden (ref.ch berichtete).

Die Hilfswerke hoffen laut ihrem Communiqué, künftig Synergien nutzen zu können. Auf Nachfrage von ref.ch erklärt Bernard DuPasquier, Geschäftsleiter von Bfa: «Die beiden Organisationen funktionieren heute schon wie zwei Seiten einer Medaille: Das Heks macht Entwicklungszusammenarbeit und wir machen Entwicklungspolitik.»

Was das konkret bedeutet, erklärt er am Beispiel des Landgrabbings. Während das Heks vor Ort versuche den Menschen Zugang zu Land zu verschaffen, konzentriere sich Bfa darauf, die Politik in der Schweiz zu beeinflussen: «Wir zeigen auf, wie Landgrabbing von hier aus gesteuert wird, etwa durch Investitionen von Grossbanken.» Damit die Armut bekämpft werden könne, brauche es beide Ansätze. Aus diesem Grund sei die Fusion folgerichtig.

Konkurrenz hat zugenommen

DuPasquier geht davon aus, dass die neue Organisation in der Schweiz wie auch international besser wahrgenommen wird. Eine «kritische Grösse» zu haben, sei insbesondere für das Lobbying hilfreich – und umso wichtiger, als in den vergangenen Jahren immer mehr Hilfsorganisationen auf den Schweizer Markt gedrängt seien.

Das bestätigt auch Heks-Direktor Peter Merz: «Die Zahl der Organisationen, die um den gleichen Franken konkurrieren, hat zugenommen.» Die hiesige Bevölkerung spende im internationalen Durchschnitt sehr viel, was die Schweiz für ausländische NGO attraktiv mache. Umgekehrt sei es für kleine Schweizer Player wie etwa das Heks schwierig, in gleichem Masse im Ausland Fundraising zu betreiben. «Wir müssen jeweils sorgfältig abwägen, ob sich dieser Aufwand für uns lohnt», sagt Merz.

Das Heks mit schlechtem Jahresabschluss

Doch nicht nur die Konkurrenz hat zugenommen. Auch die Anforderungen an die internen Abläufe, die Professionalität oder die Kommunikation sind gestiegen. Als beispielsweise Anfang 2018 Vorwürfe laut wurden, Mitarbeiter des britischen Hilfswerks Oxfam hätten Frauen im Tschad und in Haiti sexuell missbraucht, wurden auch die Präventionsmassnahmen der Schweizer Hilfswerke kritisch hinterfragt. «Insgesamt kann ich festhalten, dass bei unserer Arbeit genauer hingeschaut wird. Das ist zwar positiv, bedeutet aber auch einen grösseren Aufwand für uns», sagt Merz.

Die veränderten Rahmenbedingungen sowie rückläufige Spendenerträge haben beim Heks 2018 zu einem unerfreulichen Jahresabschluss geführt: Während sich der Aufwand mit 75,0 Millionen Franken im budgetierten Rahmen bewegte, blieb der Betriebsertrag mit 66,2 Millionen Franken unter den Erwartungen.

«Die finanzielle Stabilisierung des Heks muss vor der Fusion erreicht werden.» (Peter Merz)

Der Verlust konnte zwar ausgeglichen werden, indem angesparte Gelder in die Projektarbeit investiert wurden. Trotzdem reagierte das Heks Ende März: Das Hilfswerk werde sich aus drei Ländern zurückziehen und mehrere Stellen streichen.

Wie hängt diese schwierige finanzielle Situation nun mit den Fusionsplänen zusammen? «Die Gespräche mit Bfa laufen schon seit mehr als einem Jahr», sagt Peter Merz. «Dennoch wurde der Entscheid zu fusionieren durch die beschriebene Situation begünstigt.» Die Fusion diene nun aber nicht zur finanziellen Stabilisierung des Heks; vielmehr müsse diese erreicht werden, bevor es zum Zusammenschluss komme. «Konkret also in den nächsten zwei Jahren», sagt Merz.

Im Fokus der Öffentlichkeit

Zunehmende Konkurrenz, gestiegene Anforderungen, weniger Geld – die Schweizer Entwicklungshilfe ist im Umbruch. Hugo Fasel, Direktor von Caritas Schweiz, meint sogar, dies könnte die bewegendste Zeit sein, seit es Entwicklungszusammenarbeit gebe. «Mit dem Klimawandel und der Migration sind zwei Themen aufgekommen, die unsere Arbeit massiv beeinflussen. Nun müssen wir uns umfassend neuorientieren – wie wir diese Probleme angehen, aber auch, wie wir unsere Arbeit der Öffentlichkeit erklären.»

Laut Fasel hätten es die Hilfswerke nämlich verpasst, der Bevölkerung ihr Engagement zu vermitteln; die Beschäftigung mit Entwicklungshilfe sei in den vergangenen Jahren zu einem Austausch unter Insidern verkommen. Das ändere sich nun, das zunehmende mediale Interesse sei ein Zeichen dafür: «Seit ich Entwicklungszusammenarbeit mache, ist es das erste Mal, dass eine Zeitung wie die NZZ am Sonntag auf ihrer Frontseite über das Thema berichtet.»

Entwicklungshilfe soll Migration bremsen

Fasel spricht damit einen Artikel vom 14. April an. Darin wird beschrieben, wie Bundesrat Ignazio Cassis die Entwicklungszusammenarbeit des Bundes umkrempeln will: Neu soll sie «in erster Linie dem Wirtschaftswachstum dienen, der Bekämpfung des Klimawandels und der Reduktion von irregulärer Migration», heisst es im Artikel. Gar nicht als explizites Ziel genannt werde die Reduktion von Armut.

«Die Entwicklungshilfe kann das Migrationsproblem nicht alleine lösen.» (Bernard DuPasquier)

Namhafte Aussenpolitiker wie etwa Elisabeth Schneider-Schneiter, CVP-Nationalrätin und Präsidentin der Aussenpolitischen Kommission, unterstützen diese Stossrichtung. Bei den Hilfswerken betrachtet man die Idee dagegen mit Skepsis. «Dass der Bundesrat beim Klima ansetzen will, begrüsse ich sehr. Aber dann muss er auch die nötigen Milliarden locker machen. Ansonsten bleibt das Symbolpolitik», sagt Hugo Fasel.

Bfa-Geschäftsleiter Bernard DuPasquier glaubt, die Entwicklungshilfe könne das Migrationsproblem nicht alleine lösen. Heks-Direktor Merz wird sogar noch deutlicher: «Wenn die Entwicklungshilfe dem Eigennutz dienen soll, verabschiedet sich die Schweiz von ihrer humanitären Tradition.»

Ungewissheit allenthalben

Ob die Pläne des Bundesrates direkte Auswirkungen auf die Hilfswerke haben, ist derzeit noch offen. Klar ist, dass sie über sogenannte Programmbeiträge von Geldern des Bundes profitieren. Sollten diese Beiträge schrumpfen oder an Bedingungen geknüpft werden, könnte die Luft für die Schweizer Hilfswerke noch dünner werden.