Grossbritannien
Wer ist Sarah Mullally, erste Chefin der anglikanischen Kirche?
Wenn Sarah Mullally, 63, zurückblickt, schaut sie eigentlich auf zwei Leben. Als junge Frau arbeitete sie als Krankenschwester und spezialisierte sich auf die Pflege Krebskranker. Sie sagte einmal, die Arbeit im Spital sei «eine Gelegenheit, die Liebe Gottes widerzuspiegeln». Mullally tat sich hervor, machte Karriere und wurde mit 37 Jahren zur jüngsten Verantwortlichen für Englands Krankenschwestern im Gesundheitsdepartement der Regierung. Das war 1999. Sechs Jahre später wurde sie von Königin Elisabeth für ihre Verdienste im Gesundheitswesen zur «Dame Commander of the British Empire» ernannt.
Während sie im Gesundheitsdepartement arbeitete, begann Mullally mit dem Theologiestudium. In Alter von 42 Jahren wurde sie ordiniert – keine Selbstverständlichkeit für jemanden mit Dyslexie. Mullally spricht offen über ihre Schreib- und Leseschwäche.
Schliesslich verliess sie ihre Führungsposition im Gesundheitswesen. Später sagte sie, dies sei die grösste Entscheidung gewesen, die sie je treffen musste. Als hätte die anglikanische Kirche nur auf sie gewartet, machte Mullally auch im neuen Umfeld Karriere. 2018 wurde sie zur ersten Bischöfin Londons ernannt – ihre 132 Vorgänger waren alles Männer. Im gleichen Jahr wurde sie in das House of Lords berufen. Es stellt einen Teil des britischen Parlaments dar.
Frauenfeindliche Umgebung
Die Londoner Diözese hat einen schlechten Ruf. Sie gilt als frauenfeindlich und konservativ. In der anglikanischen Kirche ist die Auffassung noch immer verbreitet, dass Frauen den Männern untergeordnet seien. Mullally führte unter anderem ein, dass in der St. Pauls Cathedral gleichgeschlechtliche Paare gesegnet werden. Das brachte ihr wiederum Kritik aus konservativen Kreisen ein.
Auch an einer starken und ausserordentlichen Frau wie Mullally angesichts ihrer Berufswege sein muss, geht solche Frauenfeindlichkeit nicht spurlos vorbei. Im Februar dieses Jahres, während der Gesamtsynode, brach sie unter Tränen zusammen, als sie vor dem Plenum über Mikro-Aggressionen gegen Frauen sprach. Das schreibt Pfarrerin Martine Oborne in einem Beitrag im «Guardian». Oborne ist Mitglied eines Frauenverbands innerhalb der anglikanischen Kirche.
Mullally wird ab kommendem März das Oberhaupt der anglikanischen Kirche sein. Ihr gehören über 85 Millionen Menschen in mehr als 165 Ländern an. Sie hat sechs Jahre Zeit, Veränderungen zu bewirken, bevor sie 70 wird – ein Alter, in dem anglikanische Geistliche in Pension gehen.
Vertrauen zurückgewinnen
Von ihr erhoffen sich viele Angehörige der Kirche, dass sie die Stellung der Frau stärkt und die Offenheit gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren verstärkt. Mullally soll auch dafür sorgen, dass die anglikanische Kirche an Vertrauen zurückgewinnt, nachdem ihr Vorgänger Justin Welby wegen seiner Rolle in einem Missbrauchsskandal zurücktreten musste. Zwei weitere Rücktritte von anglikanischen Bischöfen aus ähnlichen Gründen machten 2024 zu einem schwarzen Jahr für die Kirche.
Nicht zu vergessen erwartet die Öffentlichkeit von ihr, dass sie die anglikanische Kirche zu einer moralischen Instanz macht, auf die gehört wird in einer Zeit, da die rechten und autoritären Strömungen in England politischen Aufwind bekommen. Mullally hat sich schon früher dazu geäussert, dass Kirchgemeinden auf dem Land geschwächt werden durch fehlende Pfarrpersonen und kleine Budgets. Als vergangene Woche ein Mann einen Anschlag auf eine Synagoge in Manchester verübte, wandte sich Mullally an die Öffentlichkeit und sagte: «Der Hass steigt auf durch die Brüche in unseren Gemeinschaften.» Auch diese soll sie kitten.
Pfarrerin Oborne kennt Mullally als «weise, mutige, mitfühlende Frau mit breiten Schultern», die sie in ihrem neuen Amt brauchen werde. Vielleicht wird es der ersten Erzbischöfin von Canterbury und Oberhaupt eine globalen Kirche auch guttun, am Feierabend abschalten zu können: Ihr Mann ist IT-Fachmann, Hobby-Imker und regelmässig als freiwilliger Touristenführer in London unterwegs.