Weitere Rücktritte nach Missbrauchs-Skandal gefordert
Die Entscheidung von Justin Welby, sein Amt als Erzbischof von Canterbury niederzulegen, wird mehrheitlich positiv aufgenommen. So sagte etwa der Bischof von York, Stephen Cottrell, der Rücktritt sei «richtig und ehrenhaft». Obwohl Welby selbst kein Missbrauch vorgeworfen werde, habe er beschlossen, seinen Teil der Verantwortung zu übernehmen. Cottrell ist hinter Welby die Nummer zwei in der Rangordnung der Church of England und wird als dessen interimistischer Nachfolger gehandelt.
Auch der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat Welbys Rücktritt im Zusammenhang mit einem Missbrauchs-Skandal als richtige Entscheidung gewürdigt. Es sei zu loben, dass Welby die Verantwortung für das Schweigen und die Unfähigkeit, die Misshandlungen von Kindern anzugehen, übernehme, sagte ÖRK-Generalsekretär Jerry Pillay laut der Nachrichtenagentur epd.
Welby hatte sich zuerst mehrere Tage gegen einen Rücktritt gewehrt, nachdem ein unabhängiger Bericht einen Fall von sexuellem Missbrauch im Umfeld der Church of England öffentlich gemacht hatte (ref.ch berichtete). Demnach soll ein der Kirche nahestehender Anwalt über Jahrzehnte Jungen und Männer verprügelt und missbraucht haben. Welby wird vorgeworfen, von dem Fall gewusst und zu wenig für dessen Aufklärung getan zu haben.
Kulturwandel gefordert
Mehrere Stimmen sowohl ausserhalb wie auch innerhalb der Kirche weisen jedoch darauf hin, dass die Sache mit dem Rücktritt Welbys noch nicht erledigt sei. Julie Conalty, Bischöfin von Birkenhead, sagte etwa gegenüber BBC Radio 4, dass sehr wahrscheinlich weitere Personen zurücktreten müssten. «Der Rücktritt des Erzbischofs von Canterbury allein wird das Problem nicht lösen. Hier geht es um institutionelle Veränderungen, um unsere Kultur und um ein Systemversagen, also müssen wir noch mehr tun.»
Ähnlich äusserte sich auch die Bischöfin von Stepney, Joanne Grenfell: «Die Entscheidung von Erzbischof Justin entbindet niemanden von uns davon, die umfassenden Veränderungen in der Kultur und Führung herbeizuführen, die in der Kirche unerlässlich sind». Grenfell und Conalty gehören in der Church of England zu den Verantwortlichen für das Thema «safeguarding», also für den Schutz vor Missbrauch und sonstigem Fehlverhalten.
Die «black box» bergen
Auch die Opfer des Missbrauchs-Skandals haben sich zu Wort gemeldet. Sie forderten weitere Rücktritte, sagte etwa Mark Stibbe gegenüber Channel 4 News. Er verglich den Fall mit einem Flugzeugabsturz: Wenn ein Flugzeug verunglücke, werde die «black box» geborgen, damit die Industrie Erkenntnisse ziehen und wenn nötig Änderungen vornehmen könne. «Ich denke, dass die Kirche nun ein umfassendes black box-Denken an den Tag legen muss.»
Auch Stephen Cottrell sagte, alle, die an der Vertuschung des Falles Anteil hatten, müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Die Verantwortung für das «institutionelle Verfehlen» habe aber Justin Welby bereits übernommen; Rücktritte weiterer Bischöfe seien deshalb aus seiner Sicht nicht nötig, berichtete die BBC. (vbu)