Philosophie
Was Kirchen von Jürgen Habermas lernen können
Der Tod von Jürgen Habermas markiert das Ende einer Epoche. Über Jahrzehnte hinweg war er eine der prägenden Stimmen des europäischen Denkens über Demokratie, Öffentlichkeit und Vernunft.
Dass dieser Philosoph auch für Religion und Theologie zu einem wichtigen Gesprächspartner wurde, mag zunächst überraschen. Doch gerade darin zeigt sich eine der produktivsten Seiten seines Denkens.
Wenn Philosophen über Religion sprechen, geschieht das oft aus sicherer Distanz. Religion erscheint dann als Gegenstand der Kritik oder als historisches Relikt. Bei Habermas ist das anders. Er hat sich immer wieder in religiöse Debatten eingemischt – aufmerksam, kritisch und mit einer bemerkenswerten Bereitschaft zum Gespräch.
Habermas hat sich nie als theologischer Denker verstanden. Im Gegenteil: Er hat stets betont, dass Philosophie und Theologie unterschiedlichen Logiken folgen. Doch gerade aus dieser Distanz heraus ist er zu einem wichtigen Gesprächspartner für religiöse Traditionen geworden. Nicht weil er ihre Wahrheitsansprüche bestätigt hätte, sondern weil er sie herausfordert, sich der Moderne zu stellen.
Ein Philosoph der demokratischen Öffentlichkeit
Habermas, 1929 in Düsseldorf geboren, gehört zu den einflussreichsten Philosophen der Gegenwart. Seit den 1960er Jahren prägt er Debatten über Demokratie, Öffentlichkeit und Vernunft. Seine Theorie des kommunikativen Handelns und seine Arbeiten zur deliberativen Demokratie – die auf öffentliche Beratung und Teilhabe der Bürger setzt – haben weltweit beeinflusst, wie über politische Legitimation und öffentliche Verständigung nachgedacht wird.
Im Zentrum seines Denkens steht eine einfache, aber anspruchsvolle Idee: Moderne Gesellschaften können ihre Regeln und Werte nicht mehr aus metaphysischen oder religiösen Gewissheiten ableiten. Sie müssen sie im Gespräch hervorbringen – im Streit um bessere Gründe.
Habermas spricht deshalb vom nachmetaphysischen Denken. Wahrheits- und Geltungsansprüche können nicht mehr auf eine übergeordnete Ordnung zurückgeführt werden. Sie müssen sich im Austausch von Argumenten bewähren. Das gilt für Politik und Philosophie – und in gewisser Weise auch für Religion.
Religion im Bezug zur Moderne
Bemerkenswert ist, dass Habermas Religion nicht einfach verabschiedet hat. Gerade ein Philosoph, der so stark mit Aufklärung und Kritik verbunden wird, hätte versucht sein können, Religion nur noch als historisches Übergangsphänomen zu betrachten.
Doch Habermas sieht in religiösen Traditionen auch eine kulturelle Ressource. In ihnen sind moralische Intuitionen, Erfahrungen von Verantwortung und Vorstellungen menschlicher Würde über Jahrhunderte hinweg artikuliert worden.
Zugleich verbindet er damit eine klare Erwartung: Religiöse Gemeinschaften müssen lernen, ihre Überzeugungen in ein reflektiertes Verhältnis zur modernen Welt zu setzen – zum religiösen Pluralismus, zum Wissensvorrang der Wissenschaften und zur Ordnung des säkularen Verfassungsstaates.
Diese Aufgabe kann niemand den Religionen abnehmen. Sie muss innerhalb der religiösen Traditionen selbst bearbeitet werden. Darin liegt die Herausforderung für die Theologie.
Eine Frage der Übersetzung
Wie können religiöse Überzeugungen in einer pluralistischen Öffentlichkeit zur Sprache kommen? Habermas hat vorgeschlagen, religiöse Intuitionen müssten in eine allgemein verständliche Sprache «übersetzt» werden.
Damit ist nicht gemeint, Religion zu entleeren. Habermas betont ausdrücklich, dass religiöse Gemeinschaften sich in dem, was öffentlich zur Sprache kommt, wiedererkennen müssen. Sonst bliebe von der Religion nur eine moralische Hülle zurück, während ihr eigentlicher Sinn – jener «Glutkern», der religiöse Überzeugungen trägt – verloren ginge.
Hier beginnt die eigentliche theologische Arbeit. Die Herausforderung besteht nicht nur darin, religiöse Aussagen verständlich zu machen, sondern auch ihren eigenen Sprachraum ernst zu nehmen.
Religiöse Überzeugungen behalten ihren eigenen Wahrheitsanspruch und ihre eigene Sprache. Zugleich können sie in Beziehung zu anderen Formen des Denkens treten, ohne vollständig in ihnen aufzugehen. Damit wird die Herausforderung der Moderne nicht umgangen, sondern ernst genommen.
Nähe zur reformierten Tradition
Die Fragen, die Habermas stellt, betreffen nicht nur religiöse Gemeinschaften. Sie berühren die Grundlagen moderner Gesellschaften insgesamt.
Demokratische Gesellschaften leben davon, dass Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen miteinander sprechen können. In pluralistischen Öffentlichkeiten treffen religiöse, säkulare, wissenschaftliche und politische Weltdeutungen aufeinander.
Habermas hat deshalb immer wieder betont: Demokratie ist nicht nur eine institutionelle Ordnung. Sie ist eine Praxis öffentlicher Vernunft.
Gerade hier zeigt sich auch eine unerwartete Nähe zur reformierten Tradition. Reformierte Kirchen wussten, dass Wahrheit nicht einfach von Autoritäten verkündet wird. Und sie mussten schmerzlich lernen, dass sie nicht gewaltsam durchgesetzt werden kann. Sie entsteht im gemeinsamen Ringen um das Verständnis der Schrift, in Synoden, Versammlungen und Beratungen.
Die Moderne als unvollendetes Projekt
Diese Praxis erinnert an das, was Habermas über demokratische Öffentlichkeit sagt: Legitimität entsteht im Austausch von Gründen. Vielleicht erklärt das auch, warum seine Überlegungen in der Schweiz besonders anschlussfähig sind. Auch die direkte Demokratie lebt davon, dass Entscheidungen nicht einfach feststehen, sondern im öffentlichen Gespräch immer wieder neu errungen werden müssen.
Gerade heute zeigt sich, wie anspruchsvoll diese Praxis ist. Öffentliche Debatten radikalisieren sich, politische Polarisierung nimmt zu, und das Vertrauen in Institutionen schwindet. Das sind keine Argumente gegen Habermas. Im Gegenteil zeigt sich daran, wie wichtig seine Einsicht bleibt: Die Moderne ist kein gescheitertes Projekt. Sie ist ein unvollendetes Projekt.
Die Moderne ist keine Errungenschaft, die wir besitzen. Sie ist eine Aufgabe – für religiöse und nichtreligiöse Menschen gleichermassen.
Der Theologe Stephan Jütte hat seine Dissertation «Analogie statt Übersetzung» zu Jürgen Habermas' Gedanken über die Religion verfasst. Zum Weiterlesen empfiehlt er die Habermas-Biographie «Der Philosoph. Habermas und wir» von Philipp Felsch, Propyläen, Berlin 2024.