Weltphilosoph mit schwäbischem Akzent

Er stand am Strassenrand, als Napoleon durch Jena ritt, und machte die Freiheit zum zentralen Thema seines Denkens: Vor 250 Jahren wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren. Der Pietistensohn aus Stuttgart prägte die Philosophie von Karl Marx bis Judith Butler.

An seiner dunklen Sprache mühten sich Generationen von Philosophiestudenten ab: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Bild: Hegel-Büste in Berlin-Mitte. (Bild: Keystone)

Wer will, kann selbst auf der Brooklyn Bridge den Geist Hegels ausmachen: Der Baumeister der weltberühmten New Yorker Brücke, der aus Thüringen stammende Johann August Röbling, war nachweisbar stark beeinflusst von den Ideen Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770-1831). Er hatte den Philosophen in Berlin noch persönlich gehört, vielleicht war es Hegels Enthusiasmus für das Ideal der Freiheit, das den jungen Ingenieur nach Amerika brachte. Bis heute übt der vor 250 Jahren – am 27. August 1770 – in Stuttgart geborene Grossmeister im Reich des Denkens eine ungebrochene Faszination auf unterschiedliche Philosophen aus.

Karl Marx (1818-1883) entwickelte aus Hegels Werk seine Kapitalismus- und Religionskritik. Heute setzen sich führende Gegenwartsphilosophen, von der US-Amerikanerin Judith Butler bis zum Soziologie-Altmeister Jürgen Habermas, intensiv mit der Ideenwelt des schwäbischen Denkers auseinander.

«Kein Denker nach Hegel ist um Hegel herumgekommen», sagt der Stuttgarter Philosoph Sebastian Ostritsch dem Evangelischen Pressedienst. Hegels auf Vernunft gegründetes Gedankengebäude gebe es in der Philosophiegeschichte so kein zweites Mal. Hegel sei ein «Weltphilosoph, weil er die Welt im Ganzen denkt, er lässt keinen Aspekt der Wirklichkeit aus».

«Odyssee im Denkraum»

Und der Jenaer Hegel-Biograf Klaus Vieweg schreibt: «Hegel wurde unter einem glücklichen, mit Shakespeare gesprochen, unter einem tanzenden Stern geboren: Er kann als der Grossmeister der neuzeitlichen Philosophie gelten, als der berühmteste moderne Philosoph.» Vernunft und Freiheit bildeten die Grundpfeiler, auf denen «Hegels Philosophiedom» errichtet sei: «Im Denken der Freiheit liegt der Kernimpuls seines vielfach verschlungenen Lebens- und Denkweges.»

Hegels Credo lautet Vieweg zufolge: «Philosophieren heisst, frei leben zu lernen.» Der intellektuelle Weg Hegels gleiche einer «Odyssee im Denkraum», aber auch sein Lebensweg verlaufe «ereignisreich und voller Spannungen und Kontraste, oft auf höchst gefährlichem Terrain».

Tatsächlich lebte Hegel nicht im Elfenbeinturm, er war Zeitzeuge dramatischer politischer und gesellschaftlicher Umbrüche, dem Ende einer Epoche. Als Napoleon am 13. Oktober 1806 auf dem Weg zur für ihn siegreichen Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt durch Jena ritt, stand Hegel am Strassenrand. In seine Lebenszeit fallen die Französische Revolution, Freiheitswille und Restauration. Daher halten viele sein Werk auch heute für hilfreich, wenn es um die Gestaltung der Zukunft geht. Als Mensch soll er gesellig gewesen sein, hatte Freude am Wein und an den Frauen, zeugte einen unehelichen Sohn.

Kein Schubladendenken

Mit 46 Jahren wurde er Professor, erst in Heidelberg, dann in Berlin. In seinen Vorlesungen war er wohl alles andere als ein guter Redner, er wirke schwerfällig, «hölzern», beinahe schüchtern, so beschrieben ihn Zeitgenossen. Seine Reden unterbrach er durch ständiges Rumsuchen in seinen Papieren. «Es hatte aber Hegel ein eigentümliches Lächeln, wie mir nur bei sehr wenig Menschen etwas Ähnliches vorgekommen ist», beobachtete einer seiner Zuhörer.

Seine Gedankenwelt kann man sich laut Ostritsch so vorstellen: «Das Denken in der Philosophie, aber auch im Alltag, will Dinge in Schubladen packen. Wir wollen Dinge verstehen, indem wir sie einsortieren, sie mit irgendwelchen Etiketten versehen. Hegel schaut sich dagegen bildlich gesprochen den ganzen Schrank an, in dem diese Schubladen stecken. Er will sehen: Wie hängen diese einzelnen Einheiten oder Schubladen eigentlich zusammen, wie bilden diese ein zusammenhängendes Gebilde?»

Doch Hegel ist schwierig, stöhnen Generationen von Philosophiestudenten, nicht nur wegen seines komplizierten, umständlich-verquasten Schreibstils. Dafür gibt es Gründe. Die progressiven Denker des 18. und 19. Jahrhunderts konnten wegen der scharfen Zensur ihre Ansichten nicht frei und offen aussprechen, erklärt der Philosophiehistoriker Georg Biedermann: «Daher die umständliche, weitschweifende, stellenweise geschraubte und dunkle Ausdrucksweise der Philosophen von Kant bis Hegel.»

Symbolfigur des Preussentums

Hegel blieb zeitlebens durch seine Herkunft geprägt. «Er war berühmt-berüchtigt für seinen schwäbelnden Akzent, den er nie wirklich abgelegt hat und über den sich die Studenten in Berlin wunderten», sagt Ostritsch. Manchmal wird auch Hegels Denken als typisch schwäbisch bezeichnet. «Zwar muss man das mit einem Augenzwinkern nehmen, aber da ist schon etwas Wahres dran. Das Schwäbische hat einen gewissen natürlichen Hang zur Dialektik, also dazu, eine Sache und ihr Gegenteil gleichzeitig auszudrücken», sagt Ostritsch.

Am Ende seines Lebens war Hegel der führende Philosoph in Deutschland. Seine Vorlesungen waren überfüllt, nicht nur mit Studenten, es kamen Gasthörer aus allen Schichten. Mehr und mehr wurde er zur geistigen Symbolfigur des preussischen Staates. Mit 61 Jahren starb Hegel am 14. November 1831 in Berlin an der Cholera. (epd)