Corona-Pandemie

Reformierte wollen von Zertifikatspflicht nichts wissen

Während der Bundesrat noch zuwartet, setzen die reformierten Landeskirchen weiterhin auf Masken und Abstand statt auf ein Zertifikat. Niemand soll aus dem Gottesdienst ausgeschlossen werden.

Im Gottesdienst, hier in der Zürcher Grossmünster-Kirche, nehmen weniger Besucher Platz als noch vor Corona. (Bild: (Keystone/ Gaëtan Bally)

Wer im Grossmünster in Zürich einen Gottesdienst besuchen will, der muss weder genesen, getestet noch geimpft sein. Und das soll auch in Zukunft so bleiben. «Ich bin ganz klar gegen eine Zertifikatspflicht. Der Kirchenraum ist für alle Menschen offen. Das ist die Grundhaltung der Kirche», sagt Christoph Sigrist, Pfarrer im Grossmünster. Sie sei ein Resonanzraum, in dem Solidarität und Freiheit gelebt werde. Eine Zertifikatspflicht lasse sich damit nicht vereinbaren. Stattdessen habe man gute Erfahrungen mit der Maskenpflicht, dem Abstandhalten und dem Führen von Kontaktlisten gemacht. «Diese Regeln werden breit akzeptiert, wir hatten damit bis jetzt keine Probleme.»

Trotz Schutzkonzept gibt es laut Sigrist Gemeindemitglieder, die er seit dem Ausbruch der Pandemie nie mehr im Gottesdienst gesehen hat. Und das sind einige: Sigrist schätzt, dass gegen 30 Prozent weniger Besucher kommen. «Manche haben Angst vor einer Ansteckung, andere haben mir gesagt, dass sie den Sonntagmorgen für andere Aktivitäten wie Radiohören für sich entdeckt haben.» Sigrist glaubt nicht, dass diese Abwesenden zurückkehren werden – auch nicht mit einem Zertifikat, und auch nicht nach der Pandemie. «Es wird eine Herausforderung sein, die Gottesdienstgemeinde wieder aufzubauen.»

Manche fühlen sich unsicher

Sigrists Verzicht auf das Zertifikat entspricht ganz der Linie seiner Landeskirche. «Der Kirchenrat hat den Kirchgemeinden empfohlen, eher nicht auf Zertifikate zu setzen, um niemanden auszuschliessen», sagt Nicolas Mori, Mediensprecher der Zürcher Landeskirche, auf Anfrage.

Offenbar fühlen sich aber nicht alle Gemeindemitglieder mit dieser Empfehlung wohl. «Wir haben auch Rückmeldungen aus Kirchgemeinden erhalten, dass Leute nicht mehr an Veranstaltungen teilnehmen wollen, wenn nicht alle ein Zertifikat haben», sagt Mori. Deshalb sei für ihn klar: «Wir haben zwar keine Umfrage gemacht, aber man kann davon ausgehen, dass Zertifikate zunehmend eingesetzt werden und akzeptiert sind.» Schon jetzt könnten die Kirchgemeinden bei Anlässen im so genannten «orangen Bereich» den Einsatz eines Zertifikats prüfen. Dazu gehören unter anderem Familienkonzerte, das «Suppenzmittag» oder das Erzählcafé.

Auch Mori schätzt, dass die Besucherzahlen in den Gottesdiensten aufgrund der Einschränkungen über die ganze Pandemie hinweg tiefer waren. «Rechnet man die erfolgreichen digitalen Ersatz- beziehungsweise Ergänzungsangebote hinzu, könnten unter dem Strich aber gar mehr Menschen die Gottesdienste verfolgt haben.» Das sei bloss geschätzt, konkrete Zahlen lägen nicht vor.

Aargauer intervenieren bei Regierungsrat

Nach wie vor auf Schutzkonzepte statt auf eine Zertifikatspflicht setzt auch die Landeskirche Bern-Jura-Solothurn (RefBeJuSo). «Bei uns sind keine Anfragen von Kirchgemeinden für die Einführung der Zertifikatspflicht eingegangen», sagt Adrian Hauser, Leiter Kommunikation von RefBeJuSo. Laut Hauser würde man eine solche auch nicht empfehlen, da Gottesdienste gemäss den Bestimmungen des Bundesamtes für Gesundheit zum zertifikatsfreien, grünen Bereich gehören.

«Diese Zuordnung entspricht der grundrechtlichen Gewährleistung der Religionsfreiheit. Wir haben die damit verbundene Verantwortung mittels strengen Schutzkonzepten wahrgenommen», so Hauser. In Gottesdiensten sei es seines Wissens nach zu keinen Virenübertragungen gekommen.

Mit einem Brief auf höchster Regierungsratsebene gegen die Zertifikatspflicht eingesetzt hat sich die Reformierte Landeskirche des Kantons Aargau – und zwar mit Erfolg. Der Aargauer Regierungsrat spricht sich in einer Stellungnahme von Ende August grundsätzlich für die Einführung des Covid-Zertifkats aus – mit Ausnahme von Gottesdiensten. «Bei den religiösen Veranstaltungen beantragt der Regierungsrat aber, dass für Gottesdienste und Trauerfeiern keine Zertifikatspflicht ab 30 Personen gilt, sondern in jedem Fall nur die Abstandsregeln und die Maskenpflicht zur Anwendung gelangen», heisst es dort. Bis jetzt sei laut Frank Worbs, Leiter Kommunikation der Aargauer Landeskirche, auch keine Kirchgemeinde bekannt, die das Zertifikat freiwillig eingeführt hätte.

Auch bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) ist man skeptisch, was die Einführung einer Zertifikatspflicht betrifft. «Die Teilhabe an gottesdienstlichen Feiern sollte allen Menschen uneingeschränkt ermöglicht werden», sagt EKS-Mediensprecherin Michèle Graf-Kaiser. Sollte die Zertifikatspflicht dennoch eingeführt werden, so wären die EKS und die Mitgliedkirchen laut Graf wie bisher mit entsprechenden Anpassungen des Schutzkonzepts darauf vorbereitet. «Das Schutzkonzept würde nach einem allfälligen Bundesratsentscheid mit den Mitgliedkirchen abgestimmt und zeitnah veröffentlicht.»

Wie es auf Bundesebene mit der Zertifikatspflicht weitergeht, ist offen. Der Bundesrat hat am 1. September aufgrund «stabiler Fallzahlen» beschlossen, vorerst auf eine Einführung zu verzichten. Die Landesregierung betont aber, sich diese Möglichkeit offen zu lassen und auch kurzfristig darauf zurückkommen zu können.