Tiere in der Bibel
«Es gab auch die innige Tierliebe»
Herr Ammann, in der Bibel kreucht und fleucht es, insgesamt wurden rund 130 Tierarten gezählt. Welche Rolle spielen die Tiere?
Einerseits spiegelt die Bibel die Artenvielfalt der damaligen Welt. Sie zeigt die Bedeutung, die Tiere für die Menschen hatten – beispielsweise das Rind als Nutztier oder der Esel als Lasttier für den Handel. Darüber hinaus haben einige Tiere einen symbolischen Gehalt, indem sie zum Beispiel für bestimmte Tugenden standen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Die Schlange aus der Paradiesgeschichte wird mit negativen Eigenschaften in Verbindung gebracht, sie gilt als listige Verführerin. Dagegen hat der Esel eine positive Bedeutung. Beim Propheten Sacharja wird gesagt, dass der zukünftige Friedenskönig auf einem jungen Esel einreiten wird. Das wird in den Evangelien beim Einzug in Jerusalem aufgenommen. Und der Gegensatz von Esel und Pferd läuft parallel zur Entgegensetzung des Friedenskönigs Jesus mit dem machtbewussten Herrscher Herodes. Mächtige Männer lassen sich ja heute noch gerne hoch zu Ross ablichten.
Gab es damals auch emotionale Bindungen zwischen Mensch und Tier, wie wir sie unseren Haustieren gegenüber heute kennen?
Im Allgemeinen war das Verhältnis zum Tier eher pragmatisch. Es gab aber Ausnahmen. Im Buch Samuel erzählt der Prophet Nathan dem Herrscher David eine Geschichte. Sie handelt davon, dass ein reicher Mann Gäste erwartet und eines seiner Lämmer schlachten soll. Das will er aber nicht und deshalb nimmt er einem armen Mann sein einziges Lamm weg. Von diesem heisst es, er habe sein Lamm wie ein eigenes Kind geliebt. Es ass von seinem Teller und schlief in seinen Armen. Die Stelle zeigt, dass es so etwas wie innige Tierliebe durchaus geben konnte.
Christoph Ammann (52) ist Präsident des Arbeitskreises Kirche und Tier (AKUT Schweiz) und Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Zürich-Witikon. Zuvor war er viele Jahre Oberassistent am Ethik-Zentrum der Uni Zürich und zudem Mitglied der Tierversuchskommission des Kantons Zürich. Ammann lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in Zürich. (no)
Für unser Verhältnis zum Tier war keine Bibelstelle so prägend wie der Ausspruch «Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie untertan». Wie ist das heute zu verstehen?
Die Stelle ist aus meiner Sicht kein Freibrief, die Tiere zu unterjochen. Innerhalb der Schöpfung hat der Mensch zwar eine herausgehobene Stellung. Er hat die Aufgabe, Gott zu repräsentieren. Das ist mit Gottebenbildlichkeit gemeint. Der Mensch hat eine Verantwortung gegenüber dem Rest der Schöpfung. Aber der Mensch ist nicht selbst der Schöpfer, er bleibt ein Geschöpf unter anderen Geschöpfen.
Es ist aber legitim, dass der Mensch Tiere schlachtet und isst?
Die Nutzung von Tieren wird in der Bibel in einem gewissen Sinn legitimiert. Obwohl in der ersten Schöpfungsgeschichte dem Menschen eine vegetarische Diät auferlegt wird. Das Zusammenleben von Mensch und Tier wird dort als etwas sehr Harmonisches beschrieben. Es ist das Zusammenleben von Geschöpfen, wie es von Gott gedacht ist: die friedliche Koexistenz von Mensch und Tier. Erst später, im Bund mit Noah, wird dem Menschen das Essen von Tierfleisch erlaubt.
Bald feiern wir Weihnachten. In der biblischen Weihnachtsgeschichte kommen Ochse und Esel nicht vor. Warum sind sie dennoch in fast jeder Krippe zu sehen?
Das ist eine interessante Geschichte. Im Buch Jesaja gibt es den Spruch: «Noch immer hat ein Ochse seinen Besitzer gekannt und ein Esel den Futtertrog seines Herrn – Israel hat nichts erkannt». Das sollte heissen, dass sogar die vermeintlich minderbemittelten Tiere ihren Herrn anerkennen – nur das erwählte Volk nicht. Die Kirchenväter bezogen sich dann explizit auf diese Stelle. Für sie stand der Esel sinnbildlich für die heidnischen Völker und der Ochse für Israel. Die Aussage war: Christus ist der Erlöser aller Völker.
Der Dichter Kurt Marti meinte, die Geburt Jesu sei auch für die Tiere mit Hoffnung verbunden gewesen. Wie sehen Sie das?
Diese Vorstellung ist mir sehr nahe. Für mich ist das Wichtige an Weihnachten nicht, dass Gott Mensch geworden ist. Vielmehr ist er zum Geschöpf seiner eigenen Schöpfung geworden. Er ist buchstäblich «Fleisch», also leibliches Wesen geworden. Es wäre merkwürdig, den Menschen aus der Schöpfung herauszuheben.
Wie meinen Sie das?
Indem Gott zu einem Geschöpf wird, macht er sich verletzlich. Die Weihnachtsbotschaft besteht für mich darin, diese Verletzlichkeit aller Geschöpfe anzuerkennen. In der Theologie hat man das fast immer auf andere Menschen begrenzt. Meiner Meinung nach geht es aber darum, auch das Tier als verletzliches Wesen anzuerkennen. Es geht um die geschöpfliche Verbundenheit mit allen Lebewesen.
Dabei landen ausgerechnet an Weihnachten besonders viele tierische Produkte auf unseren Tellern. Frustriert Sie das?
Ja, es frustriert mich zunehmend, dass an Weihnachten und an christlichen Feiertagen besonders viel Fleisch konsumiert wird. Ich bin kürzlich wieder erschrocken, als ich las, dass in der Schweiz im vergangenen Jahr 83 Millionen Nutztiere geschlachtet wurden. Natürlich sind wir alle Gefangene des Systems. Dennoch könnten wir – gerade an Weihnachten – ein Zeichen setzen für unsere Verbundenheit mit anderen Geschöpfen. Oder um bei den Tierbildern zu bleiben: Jetzt wäre der Moment, von unserem hohen Ross herabzusteigen.
Was kommt bei Ihnen an Heiligabend auf den Tisch?
Das haben wir noch gar nicht geplant. Etwas Einfaches, weil meine Frau und ich an Heiligabend arbeiten. Sicher aber kein Braten und kein Fleisch.