Fachkräftemangel
Dieses Plakat soll aufrütteln und die Kirche im Dorf bewahren
«Schade um die Kirche. Eigentlich haben wir das nicht gewollt.» Das Plakat am Pfarrhaus in Gächlingen SH – illustriert mit einer gespaltenen Kirche – ist eine bewusste Provokation. Wer nur flüchtig hinschaut, geht von einer baldigen Schliessung der Kirche aus.
«Wir mussten ein bisschen grober kommunizieren, um die Leute im Dorf zu erreichen», sagt Werner Näf auf Anfrage von ref.ch. Zusammen mit seiner Frau Marianne teilt er sich das Pfarramt. Ende 2028 gehen sie in Pension. Und darauf spielt das Plakat an.
Gächlingen ist vom Fachkräftemangel besonders betroffen. Die ländliche Gemeinde mit rund 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt im Klettgau, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. «Mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit findet sich für 2029 keine Pfarrperson für eine solche Stelle», sagt Näf.
Gleichzeitig will die Gemeinde nicht fusionieren. Eine regionale Zusammenarbeit sei zwar nötig, aber eine reine Zentralisierung gefährlich, zeigt sich Näf überzeugt. «Alles, was mit Glauben zu tun hat, spielt sich in einer Beziehung ab.» Im Trauerfall müsse es Menschen geben, die man kenne und ansprechen könne. Eine Predigt werde nicht einfach konsumiert wie ein Referat an einer Universität. «Fehlt die lokale Verankerung, reduziert sich die Kirche zum blossen Dienstleistungsbetrieb.»
Aufgaben auf mehr Schultern verteilen
Damit das nicht geschieht, will sich die Kirchgemeinde neu aufstellen. Künftig soll sich eine Pfarrperson auch in einem 25- statt 50-Prozent-Pensum um Gächlingen kümmern können. «Damit wollen wir bei der Suche flexibler sein», sagt Näf. Die Aufgaben würden weniger, der Fokus läge auf dem theologischen Kernauftrag und dem Anleiten von Mitarbeitenden und Freiwilligen, die mehr pfarramtliche Aufgaben übernehmen sollen.
«Aber dafür braucht es die Kirchgemeinde», sagt Näf. Deshalb das Plakat. Es soll aufzeigen, dass die Zukunft nicht allein Sache des Kirchenstands oder des Pfarramts ist. Für die Reorganisation hat sich die Gemeindeversammlung bereits Ende 2024 entschieden. Seither hat sich auch auf kantonaler Ebene einiges bewegt.
Seit Juni ist das Reformprojekt «Kirche für morgen» beschlossene Sache (ref.ch berichtete). Wolfram Kötter, Präsident der Schaffhauser Reformierten, spricht auf Anfrage von ref.ch von einem Paradigmenwechsel: «Wir bewegen uns weg vom klassischen Pfarramt.»
Für Mitarbeitende und Freiwillige, die neue Aufgaben übernehmen sollen, sind entsprechende Ausbildungen nötig. Die Landeskirche habe inzwischen Ausbildungsstandards für die fünf Berufsbilder (Pfarrdienst, Sozialdiakonie, Katechetik, Prädikanten und Gemeindekoordination) definiert, sagt Kötter. Nun müssten noch Gesetzestexte angepasst werden, damit Kirchgemeinden das Modell ab 2029 regulär umsetzen könnten. «Wir befinden uns in einer Übergangsphase.»
Experimentierfreudiges Gächlingen
Bereits heute können Schaffhauser Kirchgemeinden dank eines «Experimentierartikels» neue Modelle erproben. Davon hatte auch Gächlingen Gebrauch gemacht. Seit 2017 teilen sich Werner und Marianne Näf das Pfarramt, sie ist nicht ordiniert (ref.ch berichtete). Zudem steht die Durchführung von gewissen Gottesdienste in der Verantwortung der Gemeinde. Sie entscheidet, ob und wie der Gottesdienst gestaltet wird. «Einmal kam kein Team zustande, der Gottesdienst fiel aus», sagt Näf. Dieses Risiko gehört für ihn zum Versuch, Verantwortung abzugeben.
Dass Aufgaben stärker auf Gemeindemitglieder verteilt werden, beobachtet Thomas Schaufelberger, Leiter der Aus- und Weiterbildung der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer (A+W), auch über Schaffhausen hinaus. In vielen europäischen Kirchen werde darüber diskutiert, Mitglieder stärker zu befähigen, ihre Kirche mitzugestalten. «Der Pfarrmangel beschleunigt diese Entwicklung.» Für Schaufelberger wird damit auch die Rolle der Pfarrpersonen neu definiert: Sie stehen weniger selbst «auf der Bühne», sondern leiteten andere an und ermöglichten ihnen, Verantwortung zu übernehmen.
Gemeindekoordination als neue Stelle
Um die Pfarrperson organisatorisch zu entlasten, wird es im Kanton Schaffhausen die neue Stelle der Gemeindekoordination geben. «In einer Kirchgemeinde laufen beim Pfarrer oder bei der Pfarrerin viele Fäden zusammen», sagt Näf. Er zählt Gottesdienste, Konfirmanden-Unterricht, die Organisation von Freiwilligen und weitere Veranstaltungen auf. «Mit 25 Stellenprozenten ist das alles nicht mehr zu stemmen.»
Laut dem Schaffhauser Kirchenratspräsidenten Kötter muss eine solche Person nicht zwingend kirchliche Berufserfahrung vorweisen. «Entscheidend sind Fähigkeiten wie Vernetzung, Organisation und ein Gespür dafür, welche Menschen mit ihren Stärken wo eingesetzt werden könnten.»
Näf grenzt die Funktion deshalb von einer Geschäftsführung ab, wie sie grössere Kirchgemeinden kennen. Es gehe nicht primär darum, eine Verwaltung zu leiten. «Die Person soll Menschen miteinander verbinden und Beziehungen pflegen.»
Regional soll ebenfalls enger zusammengearbeitet werden. Das müsse aber nicht automatisch in Fusionen münden, sagt Kötter. Gerade im Klettgau seien die einzelnen Kirchgemeinden sehr unterschiedlich geprägt. «Wir möchten einfach wieder nah bei den Menschen sein. Und das mit möglichst wenig Verwaltungsaufwand.»
In diesem Bereich ist Schaufelberger skeptisch. Es drohe eine gewisse Redundanz im Alltag, wenn eine Pfarrperson mehrere 25-Prozent-Stellen in eigenständigen Kleingemeinden kombiniere. «Ich weiss nicht, ob das wahnsinnig attraktiv ist.» Zudem könnten auch fusionierte Gemeinden ihre lokalen Unterschiede und damit das Engagement vor Ort bewahren. Das habe eine Untersuchung zu Fusionen zumindest für den Kanton Zürich kürzlich gezeigt.
Nicht ein reines Sparprogramm
Der stärkere Einbezug Freiwilliger lässt sich leicht als Sparprogramm lesen. Für Näf ist das jedoch zu verkürzt. Kirchgemeinden hätten schon immer davon gelebt, dass ein grosser Teil der Arbeit unbezahlt geleistet werde. Neu sei, dass man dieses Prinzip ausweite und systematischer organisiere. Vorgesehen sei ein Nebeneinander von professionell angestellten Personen, entschädigten Mitarbeitenden und klassischen Freiwilligen.
Dass es dabei zu einem Qualitätsproblem kommen könnte, sieht Schaufelberger indes nicht. Die Kirchen hätten Erfahrung damit, Freiwillige für Aufgaben auszubilden und fachlich zu begleiten. Entscheidend sei aber, die Grenzen klar zu ziehen. «Etwa bei anspruchsvollen seelsorgerlichen Situationen, in denen weiterhin professionelle Fachpersonen gefragt sind.»
Dass die Umsetzung nicht einfach von selbst funktioniert, zeigt der Aufbau bis 2029. In der Gächlinger Katechetik werden bereits Personen schrittweise eingearbeitet. In der Konfirmandenarbeit soll eine junge Mitarbeiterin mehr Verantwortung übernehmen. Selbst die Gottesdienstplanung für ein ganzes Jahr wird neu gemeinsam mit Gemeindemitgliedern vorgenommen, damit das Wissen mit der Pensionierung des Pfarr-Ehepaars nicht einfach verschwindet.