«Die Reerdigung bedient Bedürfnisse der Menschen»
Frau Niederhauser, wenn sich eine verstorbene Person reerdigen lässt, liegt sie für 30 bis 40 Tage in einem Kokon, bis sie zu Erde geworden ist und bestattet werden kann. Was bedeutet das für die Hinterbliebenen?
Traditionell ist der Zeitraum zwischen Tod und Bestattung sicher kürzer. Doch in den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass zunehmend mehr Zeit vergeht zwischen dem Lebensende und der Beerdigung. Ich habe schon Hinterbliebene begleitet, die einen Monat oder länger mit der Beerdigung warteten.
Aus welchen Gründen?
Manche nehmen sich mehr Zeit, die Bestattung zu organisieren. Häufig sind Familienmitglieder in aller Welt verstreut und müssen für die Beerdigung anreisen.
Der Abschied von einer verstorbenen Person ist kulturell geregelt: Kurz nach dem Tod findet ein Ritual statt, häufig ist es eine Abdankung mit anschliessender Bestattung. Die Reerdigung passt nicht in dieses Schema: Der tote Körper wird zuerst in den Reerdigungs-Behälter gelegt und später findet die Bestattung statt.
Darin sehe ich kein Problem, ausser, dass sich der Trauerprozess verändert. Der Abschied ist auf diese Weise quasi zweistufig. Wenn ich eine Reerdigung begleiten würde, dann würde ich einen Abschied vor dem Reerdigungsprozess feiern und einen, wenn der Vorgang abgeschlossen ist.
Anja Niederhauser ist Psychologin, Theologin und Autorin. Im von ihr gegründeten Zürcher Trauerinstitut berät und begleitet sie Menschen, die trauern. Letztes Jahr erschien ihr Buch «Trauerknigge». (dst)
Wie schätzen Sie als Trauerexpertin ein, dass es ein Abschied auf Raten ist?
Die Zeit zwischen Tod und Beisetzung ist meist schwierig für die Hinterbliebenen. Meiner Erfahrung nach ist es gut für sie, wenn sie diese Phase bald hinter sich haben. Deshalb würde ich persönlich den Abschied vor der Reerdigung gestalten.
Ist aus theologischer Sicht für diese neue Bestattungsart eine neue Form der Abdankung gefragt?
Nein. Auf der einen Seite ist die Symbolik der Reerdigung sehr schlüssig und gut nachvollziehbar – auch theologisch. Auf der anderen Seite sind Trauer- und Abschiedsformen schon heute sehr individuell. Die Idee nach dem Tod zu Erde zu werden – sich wieder in den Kreislauf der Natur einzufügen –, hat etwas Tröstliches. Sie bedient sicher Bedürfnisse einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft. Die Anbindung der Menschen an transzendentale Vorstellungen ist nicht mehr selbstverständlich.
Ist es für den Trauerprozess nicht hinderlich, wenn man sich vorstellt, dass die verstorbene Person gerade kompostiert wird?
Für diese Phase stellen sich mir auch gewisse Fragen. Aber es ist ohnehin schwer vorstellbar, was mit dem Körper nach dem Tod geschieht – auch bei Kremation und Erdbestattung. Als die Kremation im 19. Jahrhundert eingeführt wurde, war es auch nicht so einfach, sie zu akzeptieren. Aber die Menschen sind dazu fähig, neue Bestattungsformen in ihr Leben zu integrieren.