Massgeschneidert feiern
Vor einem Jahr wurde mit Unterstützung der Reformierten Kirche Aargau ein neues Angebot lanciert: eine Plattform für Ritualangebote (ref.ch berichtete). Wer die Website besucht, kann nicht nur zwischen verschiedenen Ritualen aussuchen, sondern auch zwischen verschiedenen Pfarrpersonen. Insgesamt 17 von ihnen bieten ihre Dienste an und stellen sich in kurzen Porträts vor. Einer von ihnen ist Martin Kuse. Er ist Pfarrer der Reformierten Kirche Holderbank-Möriken-Wildegg.
«Mir hat der Gedanke eingeleuchtet, dass wir eine niederschwellige digitale Präsenz brauchen», sagt er. Viele Menschen kämen nicht mehr auf die Idee, das örtliche Pfarramt anzurufen, wenn sie eine Feier veranstalten möchten. Stattdessen suchten sie im Internet, wo es viele Ritualanbieter gebe. «Mit der Plattform haben wir einen Fuss in der Tür», sagt Kuse.
Allerdings besteht noch Luft nach oben. «Das Projekt ist gut angelaufen, überrannt wurden wir aber nicht», sagt Projektleiterin Monika Thut auf Anfrage von ref.ch. Insgesamt seien im letzten Jahr 15 Rituale über die Plattform gebucht worden. «Davon waren die meisten Abschiedsfeiern, gefolgt von Hochzeiten und Taufen oder Willkommensfeiern», sagt Thut. Zum Vergleich: In dieser Zeit führte die Reformierte Kirche Aargau rund 800 Taufen, 1120 Konfirmationen, 110 Trauungen und 1600 Abdankungen durch.
Die Website mit dem Namen «Leben feiern» richtet sich an Menschen, die das Bedürfnis nach einer Feier oder einem Ritual verspüren, aber keinen Bezug zu einer Kirchgemeinde haben oder konfessionslos sind. «Ich habe Ritualgestaltung schon immer als seelsorgerlichen Auftrag und nicht als Verkündigungsauftrag verstanden», sagt Thut. Menschen möchten bei Lebensübergängen professionell begleitet sein und nicht etwas aus der Bibel hören, ist sie überzeugt. «‹Leben feiern› ist eine Plattform, die sowohl freie Rituale für alle als auch kirchliche Kasualien für Mitglieder ermöglicht».
Dass der Ansturm bisher ausblieb, hat seine Gründe. Einerseits ist die Konkurrenz durch nicht-religiöse Ritualanbieter gross. Andererseits soll das neue Angebot keine interne Konkurrenz sein, betont Thut. «Wir fordern interessierte Mitglieder der Reformierten Kirche Aargau auf, zuerst Kontakt mit dem Ortspfarramt aufzunehmen». Nur wenn sie beispielsweise keinen Termin mit der Pfarrperson finden können oder explizit eine andere Person für den Anlass wünschen, kommt das Angebot «Leben feiern» zum Zug.
Ein Internetauftritt alleine reicht nicht
Zur Kundschaft zählen denn auch vorwiegend Mitglieder der Reformierten Kirche. Nur ein Drittel sei entweder konfessionslos oder gehöre einer ausserkantonalen Kirchgemeinde an. Diese müssen, im Unterschied zu den Mitgliedern, für die Feiern bezahlen. «Die Kosten decken nur das Honorar für die Pfarrperson ab», sagt Thut. Was die Preise angeht, habe sich die Reformierte Kirche Aargau an anderen Ritualanbietern auf dem freien Markt orientiert – sie reichen von 500 Franken bis 1700 Franken für ein Ritual.
Die Ritualplattform der Refomierten Kirche Aargau ist nicht die einzige. Ein Berner Pfarrteam hat letztes Jahr ein ähnliches Angebot mit dem Namen «Ritualagentur» lanciert. «Insgesamt haben wir 20 Rituale durchgeführt», sagt Pfarrer und Mitgründer Christian Walti. Damit bewegt sich die Ritualagentur im gleichen Rahmen wie die Plattform «Leben-feiern».
In 50 weiteren Fällen hätten sie die interessierten Personen an andere Kirchgemeinden verwiesen, sagt Walti. Auffallend sei zudem das Interesse an fremdsprachigen Angeboten. Auch für Walti ist klar: Die Kirche muss den Bedürfnissen der Menschen mit Offenheit begegnen, will sie der sinkenden Zahl von Kasualien entgegenwirken.
Organisatorisch sind die beiden Angebote verschieden aufgebaut. Während die Pfarrpersonen im Aargau ihre Dienste ausserhalb ihres regulären Pensums anbieten und dafür entschädigt werden, tun die Pfarrpersonen in Bern dies im Rahmen ihrer regulären Anstellung.
Auch in anderen Kantonen wird über die Lancierung einer Ritualagentur oder -plattform diskutiert. (pef)
Thut spricht einen weiteren möglichen Grund für die verhältnismässig wenigen Rituale an, die bisher über die Plattform gebucht worden sind. «Wir haben gemerkt, dass wir uns nicht so gut verkaufen.» Ziel sei es unter anderem, in Zukunft Testimonials auf der Website aufzuschalten. Bisher seien sie eher zurückhaltend gewesen, wenn es darum ging, Leute um Feedbacks und Fotos zu bitten – besonders bei Abschiedsfeiern. Die erhaltenen Rückmeldungen seien aber alle positiv gewesen, sagt Thut. Im laufenden Jahr hätten bereits sieben Feiern stattgefunden, fünfzehn weitere seien in Planung.
Das sind bereits deutlich mehr Buchungen als im gesamten Vorjahr. «Vielleicht hat sich das Angebot herumgesprochen. Viele Kirchgemeinden kennen es mittlerweile», sagt Thut. Zudem vermutet sie, dass die meisten Leute Anfang Jahr mit der Planung für die Hochzeiten beginnen. Letztes Jahr war die Plattform zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht online.
Etwas für jeden Geschmack
Auch Martin Kuse spürt die Zunahme der Anfragen. Letztes Jahr hat er zwei Rituale durchgeführt, dieses Jahr sind bereits fünf geplant. Den grössten Vorteil der Plattform sieht er darin, dass die Menschen unverbindlich mit einer Pfarrperson ihrer Wahl ins Gespräch kommen können. «Das ist der Unterschied zum klassischen parochialen Weg», sagt Kuse. Hätten die Leute mit der Pfarrperson ihrer Kirchgemeinde kein gutes Gefühl, sei die Hemmschwelle grösser, nach einer anderen Person zu suchen. «Die Leute, die ein Ritual über die Website buchen, sind sehr engagiert und motiviert», sagt Kuse.
Grosse Unterschiede zu klassischen Ritualen oder Feiern konnte der reformierte Pfarrer bisher nicht feststellen. «Es geht um die feineren Töne», sagt er. Viele wünschten sich einen etwas lockereren und freieren Rahmen oder einen besonderen Ort für die Feier.
Eine Abschiedsfeier habe beispielsweise an einem Flussufer stattgefunden, erzählt Kuse. Grundsätzlich kenne die Kirche solche Bestattungsformen aber bereits – und die meisten Pfarrleute seien offener und besser gerüstet für persönliche Ritualbegleitungen, als viele Menschen sich das vorstellten.