Kirchliche Rituale

«Der Weg zu uns muss einfacher werden»

Für Kirchenmitglieder, die nicht mehr in ihrer Gemeinde verwurzelt sind, ist der Zugang zu kirchlichen Ritualen oft umständlich. Eine Gruppe von Berner Pfarrpersonen hat deshalb eine Ritualagentur ins Leben gerufen. Sie soll insbesondere jüngere und digital affine Menschen ansprechen.

Bei Ritualbegleitungen ist die Kirche längst nicht mehr der einzige Player auf dem Markt. Im Bild eine Hochzeitszeremonie in einer evangelisch-reformierten Kirche. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Die sogenannten Kasualien wie Taufe, Trauung oder Beisetzung sind in den reformierten Landeskirchen seit Jahren stark rückläufig. Trotzdem wünschen sich auch heute noch viele Menschen eine rituelle Begleitung für diese Lebensstationen. Die richtige Ansprechperson in der Kirche zu finden, kann speziell für Kirchenferne aber umständlich sein – nicht selten werden sie stattdessen auf dem freien Markt der Ritualbegleiter fündig.

Diese Erfahrung hat auch Christian Walti gemacht. Der Pfarrer in der Berner Kirchgemeinde Frieden schätzt, dass eine Mehrheit der Kirchenmitglieder gar nicht mehr weiss, welcher Kirchgemeinde sie angehört. Entsprechend schwierig sei es für sie, an die zuständige Pfarrperson zu gelangen. «Diese Leute googeln dann irgendwelche Kontakte und müssen herumtelefonieren, um an die richtige Person zu kommen. Das kann frustrierend sein», sagt Walti.

Ein Problem sieht Walti in der Struktur der reformierten Kirchgemeinden. Diese sind meist als sogenannte Parochialgemeinden organisiert. Konkret heisst das, dass Pfarrpersonen nur für die Menschen zuständig sind, die in ihrer Kirchgemeinde wohnen. Dies entspreche aber längst nicht mehr der Lebensrealität vieler Menschen, sagt Walti. «In unserer Gemeinde haben wir viele Anfragen für Kasualien, die diese Logik sprengen. Zum Beispiel von Leuten, die in einer anderen Gemeinde wohnen, aber dennoch in unserer Kirche heiraten möchten.»

In wenigen Klicks zum Pfarrer

Das Pfarrteam in der Kirchgemeinde Frieden versuche, auch solchen individuellen Wünschen gerecht zu werden, versichert Walti. Oft komme es aber vor, dass Menschen von Gemeinden abgewiesen würden. «Ich kenne etliche Fälle, die einfach weiterverwiesen oder unfreundlich behandelt wurden. Diese Menschen entscheiden sich dann oft für einen freien Ritualbegleiter, weil ihnen das Prozedere zu mühsam ist.»

Ein unhaltbarer Zustand, findet Walti. Vor rund einem Jahr tat er sich deshalb mit den Stadtberner Pfarrkolleginnen Sonja Gerber, Barbara Schmutz und Luzius Rohr zusammen und gründete den «Verein kirchliche Ritualagentur». Ziel ist es, eine Webseite einzurichten, die Menschen auf der Suche nach einer Ritualbegleitung in wenigen Klicks zu einer geeigneten Pfarrperson führt. Wer zum Beispiel eine kirchliche Trauung plant, kann das gewünschte Hochzeitsdatum eingeben und erhält anschliessend eine Liste mit Pfarrpersonen, die dann zur Verfügung stehen.

Zielgruppe Digital Natives

Angeregt wurde die Idee von einem Projekt der Hamburger Nordkirche, das in diesen Tagen an den Start gegangen ist. Auch dort erkannte man, dass viele Menschen zwar an einer kirchlichen Ritualbegleitung interessiert sind, aber keinen Kontakt zu ihrer Kirchgemeinde haben. Insbesondere über die digitalen Medien soll diesen Menschen der Zugang zum kirchlichen Angebot erleichtert werden.

Eine ähnliche Zielgruppe will auch der Berner Verein ansprechen. «Wir wenden uns insbesondere an digital Affine, die tendenziell eher Mühe haben mit den traditionellen Gemeindestrukturen und sich von den Webseiten der Kirchgemeinden wenig angesprochen fühlen», sagt Walti.

Kirche muss aufholen

Die neue Webseite soll daher frisch und zeitgemäss daherkommen. Dabei wird der Verein von einer Werbeagentur unterstützt. Man wolle markttauglich sein und mit einer modernen Bildsprache und einfacher Handhabung überzeugen, sagt Walti. Schliesslich gehe es auch darum, auf dem Markt der Ritualbegleiter bestehen zu können. «Die Kollegen auf dem freischaffenden Markt sind digital viel weiter. Da müssen wir als Kirche dazulernen und uns besser und kundenfreundlicher verkaufen.»

Im Herbst soll die Webseite an den Start gehen. Die Anschubfinanzierung leistete die Gesamtkirchgemeinde Bern. Walti hofft, dass das Projekt, das zunächst auf die Region beschränkt ist, Kreise ziehen wird. «Wir wollen möglichst viele Pfarrpersonen für unsere Plattform gewinnen und können uns vorstellen, dass sie später auf andere Landeskirchen erweitert wird.»

Dass eine Nachfrage nach kirchlichen Ritualen weiterhin bestehen wird, davon ist Walti überzeugt. Und er ist sich auch sicher, dass viele Menschen die breite Ausbildung und Erfahrung von Pfarrpersonen nach wie vor schätzen. «Jetzt müssen wir nur noch den Weg zu uns frei machen.»