Obdachlosigkeit

Der Pfuusbus auf der Überholspur

In der laufenden Saison verzeichnet die Notschlafstelle des Zürcher Sozialwerks Pfarrer Sieber einen Viertel mehr Übernachtungen als im Vorjahr. Der Bedarf an Freiwilligen, die mithelfen, bleibt gross.

Besonders Hüttenwartinnen und Hüttenwarte sind im Pfuusbus gefragt. (Bild: Ennio Leanza/ Keystone)

Langsam neigt sich der sonnige und milde Wintertag dem Ende zu, für den späteren Abend ist Regen angekündigt. Nadia* steht im Herzen des Pfuusbusses, einem grossen Zelt, das als Aufenthaltsraum dient, und bereitet sich auf die Türöffnung um 19:00 Uhr vor.

Wie an den meisten Abenden dürfte auch dieses Mal wieder Hochbetrieb herrschen. «Im Aufenthaltsraum kommen nach dem Essen jeweils die Tische weg, damit es Platz für zusätzliche Matratzen gibt», sagt die 27-Jährige.

Die Notschlafstelle des Sozialwerks Pfarrer Sieber in Zürich bietet obdachlosen Menschen seit über 20 Jahren in den Wintermonaten ein Abendessen, eine Übernachtungsmöglichkeit und ein Frühstück – vor allem aber auch sozialen Austausch.

Dass in dieser Saison viel los ist, bestätigt Walter von Arburg, Kommunikationsbeauftragter des Sozialwerks. «Bis jetzt sind es gut 25 Prozent mehr Übernachtungen als im Vorjahr», sagt er. Allerdings sei erst etwas mehr als die Hälfte der Saison vorbei, weshalb es noch zu früh für eine Prognose sei.

Trotzdem: Geht es so weiter wie bisher, würde der Pfuusbus einen Rekord verzeichnen. Letztes Jahr registrierten die Verantwortlichen der Notschlafstelle über 4950 Übernachtungen. Im Spitzenjahr 2018 waren es über 5500. Die genauen Gründe dafür seien bis heute unklar, sagt von Arburg.

Vom Bus zum Dorf

Zahlen zur Obdachlosigkeit

Zur Obdachlosigkeit in der Schweiz gibt es nur wenige Zahlen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2022 sind in der Schweiz rund 2200 Personen obdachlos. Knapp 60 Prozent davon leben in den Städten Zürich, Basel, Lausanne, Bern, Winterthur und Luzern. Die Gründe für die Obdachlosigkeit sind vielfältig und komplex. So verlieren Menschen ihre Wohnungen aufgrund persönlicher Lebenskrisen wie Trennungen und Scheidungen oder aufgrund wirtschaftlicher Probleme wie Arbeitslosigkeit. Verzichten sie auf Sozialleistungen oder haben keinen Anspruch darauf – weil sie etwa über keine Aufenthaltsbewilligung verfügen –, sind sie besonders stark gefährdet, auf der Strasse zu landen. Und schliesslich trägt auch die Wohnungsknappheit in vielen Schweizer Städten zum Problem bei. (pef)

Über die Jahre wurde der Pfuusbus auf der Brache des Strassenverkehrsamts mehrmals erweitert, zuletzt während der Corona-Pandemie. Angrenzend an den Aufenthaltsraum befinden sich mittlerweile das grosse Schlafzelt mit 34 Plätzen, ein kleiner Rückzugsraum mit drei weiteren Betten und ein Sattelschlepper mit einer kleinen Küche und einem Materiallager. Mit den Containern und WCs rund um die Anlage gleicht die Notschlafstelle einem kleinen Dorf mitten in der Stadt.

Nadia engagiert sich seit drei Jahren als Freiwillige im Pfuusbus. «Mir hat es nie an etwas gefehlt», sagt sie. Durch ihren Einsatz könne sie der Gesellschaft etwas zurückgeben. Die Begegnungen im Pfuusbus hätten ihr Bewusstsein dafür geschärft, dass auch in der Schweiz das Leben für viele Leute nicht rosig ist. Und sie seien eine spannende Abwechslung zu ihrem Alltag. Hilft sie nicht gerade Menschen, die an ihrem eigenen Wohnort ein Dach über dem Kopf brauchen, organisiert die Angestellte eines Reisebüros für ihre Kundschaft Übernachtungen auf der ganzen Welt.

«Es gibt viele Menschen, die psychisch belastet sind.»
Nadia, Freiwillige im Pfuusbus

Während sie spricht, bricht draussen ein lautstarker Streit zwischen einer Frau und einem Mann aus. Nadia und eine Kollegin gehen hinaus und suchen das Gespräch. Nach ein paar Minuten entspannt sich die Situation und die Gäste werden etwas früher in den Pfuusbus eingelassen. Draussen hat es angefangen, zu regnen.

«Es gibt viele Menschen, die psychisch belastet sind», sagt Nadia und bezieht sich damit unter anderem auf jene Frau, die sich zuvor mit dem Mann gestritten hat. Dass ihr die Frau etwas später vorgeworfen hat, eine Bank überfallen zu haben, nimmt sie mit Humor. «Sie ist eine nette Person, die manchmal einige Dinge durcheinanderbringt.» Meistens sei die Angelegenheit nach einer Stunde wieder vergessen.

Allerdings sei die Betreuung von Menschen mit psychischen Problemen herausfordernd, nicht zuletzt für sie gebe es ein paar getrennte Schlafplätze. Über eine Ausbildung im Umgang mit ihnen verfügen die Freiwilligen in der Regel nicht. Allerdings biete das Sozialwerk Pfarrer Sieber immer wieder Weiterbildungen und Workshops dazu an.

Schwer zu erfassen

Schon Ende November 2023 gab das Sozialwerk Pfarrer Sieber bekannt, dass es in dieser Saison auffällig viele Gäste mit psychischen Erkrankungen gebe. «Bisweilen müssen renitente Gäste aus dem Pfuusbus verwiesen werden, wenn sie etwa Psychosen entwickeln oder schizophrene Schübe haben», sagt von Arburg. Nicht alle Gäste mit psychischen Problemen würden sich jedoch auffällig verhalten, was eine Erhebung äusserst schwierig mache (siehe Infobox).

Unterdessen haben sich rund 15 Personen für das Nachtessen im Pfuusbus eingefunden. Nadia und die anderen Freiwilligen setzen sich zu ihnen. «Meistens kommen die Leute von alleine auf mich zu, wenn sie etwas erzählen wollen», sagt Nadia. Entstehe ein Gespräch, berichte sie auch aus ihrem Leben. Einst hatte sie vor, nach Südafrika auszuwandern. Zweieinhalb Jahre hatte sie in dem Land gelebt. «Auch dort ist Armut ein grosses Thema», sagt sie. Ihre Pläne scheiterten letztlich, weil sie kein Visum erhielt. Mittlerweile habe sie sich damit abgefunden.

«Die Arbeit in den Notschlafstellen ist anspruchsvoll.»
Walter von Arburg, Kommunikationsbeauftragter Sozialwerk Pfarrer Sieber

Nadia sagt, dass die Stimmung grundsätzlich sehr friedlich sei. In schwierigen Situationen schritten jeweils die Angestellten des Sozialwerks ein. Die meisten Gäste seien jedoch vertraut miteinander und hätten im Winter ihren festen Platz im Pfuusbus. Wer weitergehende Unterstützung brauche, werde an die verschiedenen Beratungsstellen des Sozialwerks Pfarrer Sieber verwiesen, erzählt Nadia. Gelegentlich kämen zudem ein Seelsorger und ein Arzt vorbei.

Mangelware Freiwillige

Die hohe Auslastung des Pfuusbusses erfordert viel Engagement. Nadia leistet – sofern sie nicht selbst privat oder beruflich auf Reisen ist – ungefähr zweimal im Monat einen Einsatz. «Meine Chefin ist sehr kulant», sagt sie. Denn für eine Schicht muss sie früher am Abend von der Arbeit los und kehrt am nächsten Tag mit bloss vier bis fünf Stunden Schlaf direkt zur Arbeit zurück. Mit dem Rhythmus komme sie trotz Vollzeitpensum gut klar – er erlaube ihr auch, das Erlebte zu verarbeiten. Deshalb engagiere sie sich weiterhin gerne, erklärt Nadia.

Im Sattelschlepper schneiden unterdessen zwei Freiwillige Früchte für das Dessert. Ausserdem wird Süsses, das eine Bäckerei gespendet hat, im Ofen aufgewärmt. Gelegentlich steckt ein Gast den Kopf zur Tür hinein, macht einen Witz oder bittet um das Schachbrett oder eine Zigarette.

«Wir können immer Freiwillige gebrauchen, besonders als Hüttenwarte.»
Walter von Arburg, Kommunikationsbeauftragter Sozialwerk Pfarrer Sieber

Aktuell zähle die Notschlafstelle rund 95 Freiwillige als Hüttenwarte und 70 Freiwillige in der Küche, sagt Walter von Arburg. Erfahrungsgemäss nehme die Zahl der Freiwilligen während der Saison ab, besonders nach den Festtagen und Neujahr.

Weitere Angebote in Zürich

Der Pfuusbus richtet sich an Menschen mit Schweizer Staatsangehörigkeit oder einer Aufenthaltsbewilligung. Mit der Notschlafstelle für Menschen auf Arbeitssuche in der Schweiz und derjenigen für Jugendliche und junge Erwachsene betreibt das Sozialwerk Pfarrer Sieber zwei ergänzende Angebote zum Pfuusbus. Auch die Stadt Zürich unterhält eine Notschlafstelle. Diese steht allerdings nur Menschen offen, die in der Stadt Zürich angemeldet sind.

Durch die verschiedenen Angebote sollte niemand gezwungen sein, im Winter draussen zu übernachten. Manche Menschen – auch als «rough sleepers» bezeichnet – schlafen dennoch die ganze Saison im Freien. In Zürich sind das laut der Stadt rund drei Dutzend Personen. Ihnen helfen mobile Teams des Sozialwerks Pfarrer Sieber und der Stadt Zürich mit warmen Kleidern aus. (pef)

Der Grund dafür sei in der Regel die Erschöpfung. «Die Arbeit in den Notschlafstellen ist anspruchsvoll und das Arbeiten nachts ist für viele ungewohnt», sagt von Arburg. Zusätzlich zum Infoanlass zu Beginn der Saison gebe es deshalb seit zwei Jahren noch einen zweiten im Januar. «Das funktioniert erfreulich gut», sagt von Arburg. Dieses Jahr hätten sich rund 40 Freiwillige neu gemeldet, etwas mehr als in den vergangenen Jahren. Dennoch mache sich der Mangel an Freiwilligen auch dieses Jahr mit der fortschreitenden Saison langsam bemerkbar. «Wir können immer Freiwillige gebrauchen, besonders als Hüttenwarte», sagt von Arburg.

Auch Nadia stellt fest, dass gegen Ende der Saison etwas weniger Leute aushelfen. Insgesamt seien sie jeweils drei bis vier Freiwillige pro Einsatz, wobei das zweiköpfige Küchenteam am Abend nach Hause geht. Ein Freiwilliger bleibe jeweils über Nacht – gemeinsam mit einem Angestellten des Sozialwerks Pfarrer Sieber –, um am Morgen das Frühstück vorzubereiten.

An diesem Abend ist von Personalmangel jedoch nichts zu spüren. Aufgrund eines kleinen Durcheinanders sind viel mehr Freiwillige gekommen, als eigentlich vorgesehen sind. Umso ausgelassener ist die Stimmung. Und für Nadia heisst das mehr Schlaf, weil eine andere Freiwillige über Nacht im Pfuusbus bleibt.

*Name der Redaktion bekannt.