Der wilde Pfarrer aus dem Osten
Zigarette, lange Haare, Rauschebart: Lothar König, der langjährige Stadtjugendpfarrer von Jena, stach aus der Menge hervor. Nicht nur wegen seines Äusseren, sondern auch, weil er streitbar und unbequem war. Der evangelische Theologe, der nach Protesten gegen Neonazi-Aufmärsche 2011 in Dresden angeklagt und bundesweit bekannt wurde, ist im Alter von 70 Jahren gestorben.
In seiner Kindheit und Jugend in der DDR fiel König vor allem durch seinen Ungehorsam auf. In der vierten Klasse übermalte er ein Portrait des damaligen Staatschefs Walter Ulbricht. Mit 15 schrieb er «21. August ’68 Dubček» an eine Hauswand, um sich mit dem Initiator des Prager Frühlings, Alexander Dubček, zu solidarisieren.
Dissident in der DDR
Lothar König kostete das Graffiti die Zulassung zum Abitur und die Behörden führten ihn fortan als «feindlich-negatives Element». Er steckte in einer Sackgasse und wandte sich der Kirche zu, die in der DDR für jene da war, die nicht ins System passten. Dort liess er sich zum evangelischen Diakon ausbilden, studierte Theologie und organisierte Montagsdemos, an denen in verschiedenen Städten DDR-Bürger gegen den Staat auf die Strasse gingen. König war Teil der «Kirche von unten», einer evangelischen Opposition, die auf Basisdemokratie setzte. Der Staatssicherheitsdienst (Stasi) überwachte ihn, und der Pfarrer wusste es.
«Als die DDR kollabierte, kam König nach Jena und wurde Stadtjugendpfarrer», heisst es im Nachruf der Süddeutschen Zeitung. Er bezeichnete die Universitätsstadt in Thüringen als «weltbedeutendes Kacknest» und erkannte schon früh, dass es in Jena eine aufstrebende Neonazi-Szene gab. Er wandte sich gegen die Rechtsextremen, störte ihre Aufmärsche und wurde von ihnen zusammengeschlagen. Eine lange Narbe an der Schläfe erinnerte daran. Nachdem sich aus der Jenaer Neonaziszene der terroristische «Nationalsozialistische Untergrund» entwickelt hatte, suchten ihn Journalisten aus ganz Deutschland auf. «Er sass in seinem verrauchten Büro und erzählte von seinem Kampf gegen rechts», schreibt der Spiegel.
Vorbild in der BRD
«Lothar König war eine unglaublich beeindruckende Persönlichkeit, ehrlich, dem Menschen zugewandt und immer konsequent gegenüber denjenigen, die die Menschenwürde einschränken», sagt der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora, Jens Christian Wagner, gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Königs Engagement gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus sei beispielhaft gewesen.
In den 2010er Jahren nahm der Theologe an zahlreichen Kundgebungen gegen Rechts teil. Weil er dabei von seinem Kleinbus aus via Lautsprecher zu Gewalt aufgerufen haben soll, stand er in Dresden vor Gericht. Seine Kirche stellte sich hinter ihn. Der erste Prozess platzte, ein zweiter endete 2013 mit der Einstellung des Verfahrens.
«Lothar hat intensiv gelebt», schrieb zum Abschied seine Tochter Katharina König-Preuss, Linken-Abgeordnete im Thüringer Landtag. Bis zum Ende sei er «Fussballer, Punk und Langhaariger» gewesen.
König liebte die Musik der Rolling Stones und von The Who. Mit der ostdeutschen Punkband Feine Sahne Fischfilet ging er auf Tournee. Letztere hat auf Instagram gepostet: «Lothar hat sich unbeliebt gemacht, wenn er es für richtig hielt. Und er hat Menschen Mut gemacht, nicht zu verzweifeln». König war dafür bekannt, an Konzerten auf die Bühne zu klettern und von dort ins Publikum zu springen. Im Dokumentarfilm «König hört auf», den sein Sohn Tilmann über ihn gedreht hat, sieht man den Jugendpfarrer stagediven – voller Freude, voller Vertrauen, aufgefangen zu werden.
(Mit Material des epd)