Klimawandel und Arbeitsrechte

«Die Nachfrage nach Palmöl wird künstlich angekurbelt»

Eine internationale Allianz, der auch das Heks angehört, will die Palmölindustrie umkrempeln. Die indonesische Soziologin Aisha Putri Utami erklärt im Interview, wie das gehen soll.
Für den Anbau von Ölpalmen werden in Indonesien auch geschützte Wälder und Nationalparks gerodet. (Bild: Keystone)

Aufgrund von Abholzung, der Zerstörung von Torfgebieten und Waldbränden gehört Indonesien zu den drei grössten Verursachern von Treibhausgasen weltweit – und die Palmölindustrie ist ein wichtiger Treiber dieser Entwicklung.

Eine Allianz aus Gewerkschaften und Klimaschutzorganisationen will das ändern. Monokulturen sollen vermehrt sogenannten Mosaiklandschaften weichen, damit die Produktion von Palmöl nachhaltiger wird. Mosaiklandschaften bestehen aus einer Mischung von Feldern, kleinflächigen Plantagen und Waldstücken. Sie seien gut für die Biodiversität sowie die Speicherung von CO2 und würden den Bäuerinnen verschiedene Einkommensquellen garantieren.

Auf Einladung des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche (Heks) und Solidar Suisse sind Dutzende Gewerkschafterinnen, Forscher und Aktivistinnen in die Schweiz gereist, um über einen «gerechten Wandel» zu sprechen. Aisha Putri Utami hat die indonesische NGO «Sawit Watch» vertreten.

Frau Putri Utami, im Freihandelsabkommen mit der Schweiz hat sich Indonesien verpflichtet, die nachhaltige Palmölproduktion zu fördern. Wie steht es darum?
Die indonesische Regierung tut viel dafür, um das Geschäft mit dem Palmöl und die damit verbundenen Exporte zu fördern. Leider beruhen die Angaben zur Nachhaltigkeit häufig auf manipulierten Inspektionen, die nicht die Realität der Arbeitnehmer widerspiegeln. Erst kürzlich hat die Regierung zudem ein Gesetz verabschiedet, das den illegalen Anbau von Ölpalmen in Schutzgebieten praktisch legalisiert. Vorgesehen sind nur ein paar Verwaltungsstrafen.

«In den Plantagen wird die Hitze immer unerträglicher.»
Aisha Putri Utami von «Sawit Watch»

Das Treffen der Umweltbewegungen und Gewerkschaften findet in Bern statt, weit weg von den Palmölplantagen in Indonesien oder Malaysia. Weshalb?
Letztes Jahr haben wir eine erste Konferenz in Westkalimantan in Indonesien organisiert, bei dem vor allem die lokalen Gemeinschaften und Gewerkschaften im Zentrum standen. Die Palmölindustrie besteht aber nicht nur aus den Plantagen, sondern auch aus einer globalen Lieferkette. Es gilt, zu kontrollieren, wie die Firmen im globalen Norden ihr Palmöl beziehen und ob sie sich an internationale Umwelt- und Arbeitsstandards halten. Auch die Investoren sitzen im globalen Norden. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Palmölfirmen Steuern hinterziehen.

Zur Person

Die indonesische Soziologin Aisha Putri Utami ist auf Agrarpolitik und insbesondere die Palmölproduktion spezialisiert. Sie arbeitet für die NGO «Sawit Watch», die sich seit Ende der 1990er-Jahre mit den Auswirkungen der Palmölproduktion auf lokale und indigene Gemeinschaften sowie den Arbeitsbedingungen der Angestellten der Plantagen befasst. (pef)

Die Allianz schlägt vor, Monokulturen durch Mosaiklandschaften zu ersetzen. Woher stammt diese Idee?
Es handelt sich um eine Anbaukultur, die schon seit Langem existiert in Indonesien. Sie wäre weniger profitorientiert und näher am Lebensstil der Gemeinschaften. Auch wenn sich die Monokulturen ausbreiten, ist das Wissen um diese Anbaukultur noch vorhanden.

Das stimmt womöglich für die indigene Bevölkerung und lokale Bauern – aber nicht zwingend für alle anderen Arbeiterinnen auf den Plantagen, unter ihnen viele Migranten...
Aber auch sie verfügen über ein ökologisches Bewusstsein. In den Plantagen wird die Hitze immer unerträglicher. Dürren und Überschwemmungen machen ihre Arbeit gefährlicher. Die Farbe der Flüsse verändert sich. Die Arbeiter wissen, dass es sich um die Folgen der Zerstörung der Natur handelt.

«Die Forderung nach besseren Löhnen und mehr Umweltschutz ergänzen sich.»
Aisha Putri Utami von «Sawit Watch»

Trotzdem: Die Forderung nach weniger Monokulturen könnte einen Rückgang der Arbeitsplätze nach sich ziehen und steht damit im Gegensatz zu den Interessen der Arbeiter.
Es stimmt, dass die meisten Gewerkschaften bisher noch keine ökologischen Forderungen formuliert haben, weil die Arbeiter mit unmittelbaren Problemen wie den schlechten Löhnen und der Jobunsicherheit konfrontiert sind. Es braucht Mobilisierungsarbeit, damit ökologische Themen bei Verhandlungen mit den Plantagenunternehmen verstärkt zur Sprache kommen.

Das Freihandelsabkommen Schweiz-Indonesien

Im März 2021 hat sich eine knappe Mehrheit der Schweizer Stimmbevölkerung für das Freihandelsabkommen mit Indonesien ausgesprochen, im November 2021 ist es in Kraft getreten. Das Abkommen sieht unter anderem vor, dass die Schweiz die Zölle für bis zu jährlich 12’500 Tonnen Palmöl aus Indonesien um 20 bis 40 Prozent senkt. Die Senkung der Zölle ist an die Bedingung gekoppelt, dass das Palmöl nachhaltig produziert wurde.

Kritiker hatten gegen das Abkommen das Referendum ergriffen. Sie bezweifeln, dass eine nachhaltige Produktion von Palmöl möglich ist und verweisen auf die zehntausenden Quadratkilometer an Regenwald, die in den letzten Jahrzehnten für den Anbau gerodet wurden. Zudem argumentierten sie, dass sich die Nachhaltigkeitskriterien im Freihandelsabkommen kaum überprüfen liessen. (pef)

Wie überzeugen Sie die Gewerkschaften von Umweltschutzanliegen?
Wir versuchen sie dafür zu sensibilisieren, dass das Leben der Arbeiter von einer intakten Umwelt abhängt. Wenn die Arbeiter sich nach der Arbeit in Flüssen dekontaminieren müssen oder ihre Ausgaben steigen, weil Naturkatastrophen Schäden verursachen und sie plötzlich Wasser kaufen müssen, handelt es sich um die direkten Auswirkungen der Umweltschäden auf ihr tägliches Leben. Die Forderung nach besseren Löhnen und mehr Umweltschutz ergänzen sich.

Palmöl steckt in zahlreichen Produkten. Könnte die Nachfrage überhaupt ohne Monokulturen gedeckt werden?
Das weiss ich nicht. Wir beobachten in Indonesien derzeit aber eine Überproduktion von Palmöl. Statt eine solche zu vermeiden, versucht die Industrie die Nachfrage weiter anzukurbeln, etwa durch den Einsatz von Palmöl in Biodiesel. In einem ersten Schritt ist es deshalb wichtig, die Expansion der Monokulturen zu stoppen.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema