Das Heks bemängelt an der Klimastrategie von Holcim, dass sich der Konzern keine verbindlichen Zwischenziele setze und sich damit ein Schlupfloch offen lasse. Die Bemühungen seien zu wenig und kämen zu spät. Holcim trage als Marktleader und als einer der 50 weltweit grössten CO2-Emittenten weltweit eine besondere und vor allem auch historische Verantwortung. Schliesslich verfüge der Konzern über die Mittel und die Möglichkeiten, etwas zu verändern. (eba)
Klima-Klägerinnen im Bundeshaus: «Haben schon 23 Inseln verloren»
Asmania ist 39-jährig und lebt auf der Insel Pari, 15'000 Einwohnerinnen, eine Stunde mit dem Schnellboot von der indonesischen 10-Millionenstadt Jakarta entfernt. An gewöhnlichen Tagen bewirtet sie Kunden ihres kleinen Gästehauses, kümmert sich um eine Fischfarm, an der die Familie Anteile besitzt, schaut nach ihren drei Kindern.
Doch in letzter Zeit sind gewöhnliche Tage selten geworden. Asmania ist eine der vier Inselbewohnerinnen, die gegen den Schweizer Zementkonzern Holcim klagen, da dieser eine Mitverantwortung für ihr Schicksal trage. Die Insel ist immer häufiger von Überschwemmungen betroffen, Veränderungen des Ökosystems beeinträchtigen die Fischerei – alles Folgen der Klimaerwärmung, wie eine Studie belegt.
Vor allem aber könnte die Heimat von Asmania, die nur eineinhalb Meter über Meer liegt, wegen dem steigenden Meeresspiegel bald ganz verschwinden. «Von unseren rund 7000 Inseln haben wir bereits 23 verloren», sagte ein Vertreter einer indonesischen NGO, der Asmania auf ihrer Reise begleitet. Weitere 115 werden Prognosen zufolge in den nächsten Jahren folgen.
Asmania sitzt in Raum Nummer 250 des Bundeshauses. Neben ihr Edi, ein zweiter Kläger, der die Reise in die Schweiz mitgemacht hat. Jeder Platz ist mit einem Mikrofon ausgestattet, eine Fernsehkamera ist auf die beiden gerichtet, ein Dutzend Parlamentarierinnen und Journalisten will ihre Geschichten hören.
Edi, der unter anderem als Fischer sein Geld verdient, erzählt von den Stürmen auf hoher See, dass das Wetter unvorhersehbar sei, die Ausfahrten riskanter, der Ertrag geringer als früher. Während vor fünf Jahren 100 Kilogramm Fisch pro Tag kein Problem gewesen seien, seien es heute wenn es gut läuft rund 20. Asmania ergänzt, dass die Situation für Frauen doppelt schwer sei, da sie nicht nur die Familie versorgen, sondern auch das Einkommen aufbessern müssten. «Jeden Tag muss ich etwas härter arbeiten, damit wir auf ein Einkommen kommen, das für alle reicht.»
Ins Bundeshaus gebracht und damit ins Rampenlicht gerückt wurden Asmania und Edi vom Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks). Das Hilfswerk unterstützt die Klage gemeinsam mit einer deutschen Menschenrechtsorganisation sowie einer indonesischen NGO. Die Klägerinnen fordern von Holcim, dem grössten Schweizer CO2-Emittenten und einem der weltweit grössten Klimasünder, Schadenersatz. «Wir müssen die Häuser höher bauen, um sie vor Überschwemmungen zu schützen. Und wir müssen Mangroven pflanzen, als Schutzschild», sagt Asmania. Das alles kostet Geld, das die Menschen nicht haben.
Vier Bewohnerinnen der indonesischen Insel Pulau Pari haben den Schweizer Zementproduzenten Holcim verklagt. Sie fordern, dass der Konzern die Kosten für Schäden infolge der Klimaerwärmung übernimmt, sich finanziell an Schutzmassnahmen beteiligt und seine CO2-Emissionen reduziert: Um 43 Prozent bis 2030 und um 69 Prozent bis 2040. Die Klage haben sie mit Unterstützung des Hilfswerks Heks eingereicht, nachdem letztes Jahr eine Schlichtungsverhandlung ergebnislos blieb. Der Fall ist insofern aussergewöhnlich, als es sich um die erste Klimaklage gegen eine Schweizer Firma handelt. Expertinnen gehen davon aus, dass ein Schuldspruch in einem solchen Präzedenzfall eine Klagewelle auslösen würde. Bis ein rechtskräftiges Urteil gefällt ist, dürfte es noch Jahre dauern, da der Weg durch die Instanzen vorprogrammiert ist. Derzeit beschäftigt sich das Kantonsgericht Zug mit dem Fall. (eba)
14'000 Franken fordern die Klägerinnen pro Person von Holcim dafür. Doch ums Geld geht es bei dieser Klage nicht. Würde es das, hätte Heks den vier Klägerinnen die Kosten mit dem Geld, das es nun in die Kampagne steckt, auslegen können. Vielmehr erhoffen sich die Kläger einen wegweisenden Entscheid für mehr Klimagerechtigkeit.
Ausserdem kämpfen die Kläger dafür, dass Pari sowie Tausende andere Inseln und Küstengebiete eine Zukunft haben. Von Holcim verlangen sie auch, dass der Konzern seine CO2-Emissionen stark reduziert. Über Jahrzehnte habe dieser satte Gewinne gemacht und dabei enorme Emissionen verursacht: Über sieben Milliarden Tonnen CO2 waren es von 1950 bis 2021, wie eine Studie zeigt. Das ist mehr als doppelt so viel wie die gesamte Schweiz im gleichen Zeitraum verursacht hat.
Den Schweizer Parlamentarierinnen dankte Asmania im Anschluss an das Treffen dafür, dass diese ihnen in ihrem Kampf beistehen. Sie verbeugte sich und umfasste dabei die Hände ihrer Gegenüber mit gebetsartig übereinandergelegten Händen. Die anwesenden Nationalrätinnen – Vertreterinnen von Grünen, SP und EVP – reagierten mit Anteilnahme.
Die Grüne Nationalrätin Delphine Klopfenstein Broggini sagte im Anschluss, es brauche nach dem knappen Scheitern der Konzernverantwortungsinitiative zwingend eine politische Antwort. Parteikollegin Nathalie Imboden ergänzte: «Wer zahlt die Rechnung für das, was wir historisch angerichtet haben?» Und gab sich die Antwort gleich selbst, indem sie sagte, «wir» müssten bezahlen, und sie meinte damit den globalen Norden, die Schweiz, die Verantwortlichen für die Schäden, also unter anderem: Holcim.
Holcim mit Sitz in Zug ist mit einem Umsatz von fast 27 Milliarden Franken (2021) der weltweit grösste Produzent von Baustoffen. Bei der Herstellung von Zement fallen enorme CO2-Emissionen an. Deshalb ist der Konzern der mit Abstand grösste Verursacher von CO2-Emissionen in der Schweiz. Dass die Klägerinnen gerade Holcim verklagen (und nicht eine andere Firma mit hohen klimaschädlichen Emissionen) ist allerdings beliebig. Denn Holcim ist seit einigen Jahren gar nicht mehr in Indonesien aktiv. Dem Weltklima ist egal, aus welchem Land die Emissionen stammen, argumentiert das Heks. Ausserdem würde Holcim lediglich auf 0,4 Prozent der totalen Schadensumme verklagt – exakt der Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen, für den Holcim seit 1750 verantwortlich ist.
Dass die Klage mancherorts als «abenteuerlich» bezeichnet wird, liegt auch daran, dass es in der Branche weit weniger fortschrittliche Unternehmen gibt. Holcim verfügt über eine Klimastrategie, will bis 2050 klimaneutral sein. Gegenüber «reformiert» beteuerte eine Sprecherin kürzlich, dass der Klimaschutz in der Firmenstrategie «oberste Priorität» habe. So sei es beispielsweise gelungen, einen recycelbaren Zement auf den Markt zu bringen, der zu einem Fünftel aus wiederverwerteten Abbruchmaterialien bestehe.
Statt im Gästehaus oder im Fischerboot sitzen Asmania und Edi derzeit des öfteren vor Mikrofonen. Vor dem Treffen im Bundeshaus hatte die indonesische Delegation deutsche Politikerinnen in Berlin besucht. In Bern erzählten sie ausserdem im Kirchgemeindehaus Johannes aus ihrem Leben. Danach reisen sie nach Bonn weiter, wo die kommende Klimakonferenz vorbereitet wird. Die beiden sind Teil einer grossen Kampagne. NGO's und ihre Juristen bereiten ihnen den Boden. Das ist den Klägerinnen durchaus bewusst. «Wie uns geht es Millionen von Menschen. Ich hoffe wir können andere inspirieren, für Klimagerechtigkeit zu kämpfen», sagte Asmania.