Fornerods Briefe aus Beirut
Religionsfreiheit und Frauenrechte in der «Schweiz des Golfs»
Die theologische Hochschule, die ich in Beirut besuche, hat zum ersten Mal eine Klausurtagung im Ausland durchgeführt, im Oman.
Dort konnten wir eine andere Ausprägung des Islams entdecken als jene, die wir aus dem Libanon oder aus Syrien kennen: Der Ibadismus. Ihm folgen nur 2 Prozent aller Muslime. Hingegen im Oman sollen 60 Prozent der Muslime Anhänger der ibaditischen Tradition sein. Sunniten machen etwa 35 Prozent aus und drei Prozent sind Schiiten. Die Christen übrigens machen weniger als 5 Prozent der omanischen Bevölkerung aus.
Der Ibadismus ist eine sehr alte Form des Islams. Er ist besonders tolerant und darauf bedacht, Konflikte und Gewalt zu vermeiden, die durch die Religion entstehen. So haben sowohl das Christentum als auch der Hinduismus im Oman einen offiziellen Status.
Das zeigt sich in der Hauptstadt Maskat, wo es fünf Kirchenfamilien – zwei orientalische, eine orthodoxe, eine katholische und eine protestantische – sowie drei hinduistische Tempel gibt. Wir haben den wichtigsten hinduistischen Tempel sowie die protestantische und die katholische Kirche besucht und lange mit ihren Verantwortlichen gesprochen.
Religionsfreiheit mit Abstrichen
Seit 1891 gibt es Protestanten im Land, im Nationalmuseum kann man das Exemplar der Bibel sehen, das der erste amerikanische Missionar bei sich hatte.
Die Protestanten sind in der Protestant Church of Oman (PCO) organisiert. Sie verkaufte das Spital, das sie betrieb, für einen symbolischen Rial an den Staat und wandelte das Haus des Spitaldirektors in ein interkulturelles Zentrum um: das Al Amana Centre. Neun Gemeinden feiern hier Gottesdienste. Sie umfassen mehrere Tausend Menschen aus sechzehn Nationen. Die «klassische» protestantische Gemeinde zählt ungefähr vierhundert Mitglieder, hauptsächlich Inder und Asiaten.
Die Kirchen und hinduistischen Tempel sind auf einem einzigen Gelände zusammengefasst. Denn auch im Oman gilt der muslimische Grundsatz, dass es verboten ist, jemanden davon zu überzeugen, seine Religion zu wechseln. Jede Tätigkeit oder Veranstaltung im öffentlichen Raum bedarf einer Genehmigung. Die Restriktionen sollen der gesellschaftlichen Harmonie dienen. Im Land gibt es noch zwei weitere solcher Anlagen.
Jeden Freitag füllen sich diese Kirchen mehrmals mit den verschiedenen Gemeinschaften, die dort ihre Gottesdienste feiern. Der Staat mischt sich nicht ein, die verschiedenen christlichen Kirchenfamilien organisieren sich untereinander.
Kein Kreuz auf der Kirche
Zu den Einschränkungen gehört, dass Kirchen nur auf dem umgrenzten Gelände missionieren und kein Kreuz auf ihren Gebäuden anbringen dürfen. Im Gegenzug erhalten die Gemeinschaften einen geschützten Rechtsstatus und die Garantie, dass ihre Mitglieder nicht belästigt werden.
Der Direktor von Al Amana schätzt diese Lösung: «Wir können religiöse Gespräche führen, ohne unter dem Druck zu stehen, jemanden bekehren zu müssen oder selbst bekehrt zu werden. Dieses Fehlen von Druck ist meiner Meinung nach mehr als die blosse Religionsfreiheit.»
Auf der Rangliste der «verfolgten Kirchen» von Open Doors nimmt Oman den im Vergleich mit den Nachbarländern guten 38. Platz ein und erreicht nach Jordanien und Katar das drittbeste Ergebnis der Region.
Tradition der Toleranz
Die Tradition der Toleranz wurzelt in der Geschichte dieses Landes der seefahrenden Kaufleute, das seit der Zeit der Seidenstrasse mit anderen Zivilisationen in Kontakt steht.
Auch der vor sechs Jahren verstorbene Sultan Qabus, der fast fünfzig Jahre lang regierte, prägte den Oman. Er hatte in England studiert und erkannt, wie notwendig und vorteilhaft Fortschritt und das Zusammenleben zahlreicher Gemeinschaften für ein Land sind.
Dieser offene und friedliche Geist hat es dem Oman ermöglicht, die vergangenen fünfzig Jahre in Frieden zu verbringen und einen starken wirtschaftlichen Aufschwung zu erleben – ohne die politischen oder religiösen Erschütterungen der Nachbarländer.
Allerdings trifft diese Entwicklung auf eine sehr traditionelle, stammesorientierte und konservative Mentalität, was die Kleidung, das Zusammenleben der Geschlechter, die Ehe oder bestimmte Verhaltensweisen betrifft: Beispielsweise ist das Rauchen aus kulturellen Gründen praktisch überall verboten.
Doch es gibt regionale Unterschiede. In der Millionenstadt Maskat lassen sich das Zusammenleben der Geschlechter und die Freiheit leichter verwirklichen als im Landesinnern. Bei Zusammenkünften von Familien bleiben zwar Männer und Frauen getrennt, während man bei der Arbeit oft gemeinsam isst.
Die Situation der Frauen
Frauen dürfen im Oman studieren und arbeiten. Sie sind im Parlament, in der Verwaltung und in der Regierung vertreten. In den Schulen werden Mädchen und Jungen bis zum Alter von zehn Jahren gemeinsam unterrichtet. In diesem Jahr unterrichtete in Maskat zum ersten Mal eine Lehrerin eine Jungenklasse.
Frauen können sich scheiden lassen und in zwei Dritteln der Fälle geht die Initiative von ihnen aus. Man hat uns gesagt, die Scheidungsrate sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen.
Dies weist auf Gewalt und eine starke Diskriminierung innerhalb der Familien hin. Ebenso bestehen offenbar Tabus fort, die aussereheliche Beziehungen betreffen oder Eheschliessungen in jungen Jahren, die häufig noch von der Zustimmung der Eltern abhängen.
Wir konnten uns lange mit einer Frau unterhalten, die «frei» lebt. Auf die Frage, weshalb sich nicht mehr Frauen gegen die gesellschaftlichen Normen wehren, antwortete sie, dass die meisten Frauen letztlich gut mit diesem System leben und darin mehr Sicherheit finden.
Sie haben es innerlich akzeptiert und schaffen sich ihren individuellen Freiraum, der ziemlich weit reichen kann. «In deinem Zimmer, ganz allein oder mit deinen Freundinnen, kannst du tun, was du willst!» Die Libanesinnen in unserer Reisegruppe konnten das Argument gut nachvollziehen.
Die «Schweiz des Golfs»
Oman ist ein gebirgiges Land mit fünf Millionen Einwohnern. Es liegt an der Strasse von Hormus und grenzt an Jemen, Saudi-Arabien die Vereinigten Arabischen Emirate und den Iran. Die Erdöl- und Erdgasförderung ist die nahezu einzige Einnahmequelle und beschert dem Land grossen Reichtum.
Ein Liter Treibstoff kostet an der Zapfsäule fünfzig Rappen. Wasser, Brot, Reis und Hühnerfleisch werden stark subventioniert, was insbesondere die armen Familien entlastet.
Der Oman rühmt sich, auf internationaler Ebene keine Feinde zu haben. Weder mit dem Iran noch mit Saudi-Arabien, Israel oder dem Jemen gibt es irgendwelche Streitigkeiten.
Der gemässigte, neutrale und konsensorientierte Geist des Landes wird von allen anerkannt – und in der aktuell angespannten Situation in der Region auch in Anspruch genommen. Man nennt den Oman nicht umsonst die «Schweiz des Golfs».
Serge Fornerod führt während seines Aufenthalts in Beirut auch einen Blog auf seiner privaten Website.