«Ohne Abschied hängt man in der Luft»
Was tun, wenn eine Frau just zum Zeitpunkt der Trauerfeier ihres Mannes selbst an Corona erkrankt? In der Kirchgemeinde der Pfarrerin Judith Bennett, in Küsnacht im Kanton Zürich, fand man eine kreative Lösung. Die Familie schaltete die Frau über das Mobiltelefon zur Trauerfeier dazu. Danach stellten sie das Telefon auf einen Notenständer, damit die Leute kondolieren konnten. «Das war natürlich nicht das Gleiche, die Frau konnte nicht so Abschied nehmen, wie sie wollte», sagt Bennett.
An Trauerfeiern dürfen momentan nur fünfzig Personen teilnehmen oder es gilt die Zertifikatspflicht. Dies ist eine Ausnahmeregelung speziell für die Kirchen. Sonst gilt in geschlossenen Räumen ausschliesslich die Zertifikatspflicht. Am nächsten Mittwoch entscheidet der Bundesrat über allfällige Lockerungen der Massnahmen.
Dies war ein Einzelfall. Doch die geltenden Massnahmen betreffen alle Trauernden und Pfarrpersonen. Die Trauerfamilie muss entscheiden, wie sie die Trauerfeier durchführen will. Wenn in einer Familie Ungeimpfte dabei sind, ist nur eine kleine Feier möglich, Freunde oder Nachbarn werden womöglich ausgeschlossen. Wenn die Feier mit Zertifikat durchgeführt wird, können Ungeimpfte nicht teilnehmen. «Deshalb geht durch manche Familien ein richtiger Graben», beschreibt Karin Baumgartner, Pfarrerin in Hinwil im Kanton Zürich, die Situation.
Bei beiden Varianten fühlten sich Menschen ausgegrenzt. «Sie haben das Gefühl, dass man ihnen die Möglichkeit zum Trauern nimmt», sagt Baumgartner. Deshalb mussten beide Pfarrerinnen neue Wege finden, um mehr Menschen die Teilnahme zu ermöglichen.
Neujahrsapéro statt Abdankung
Bei Karin Baumgartner in Hinwil finden deshalb mehr Trauerfeiern draussen statt, auch Audioaufnahmen in der Kirche sind möglich. Die Kirchgemeinde Küsnacht , wo Judith Bennett Pfarrerin ist, kann einen Livestream oder Videoaufnahmen anbieten. Judith Bennett berichtet, dass diese Formen gut angekommen seien. «Eine Familie hat mir erzählt, sie habe das Video noch mehrere Male angeschaut. Das hat ihnen beim Trauern geholfen.»
Andere Hinterbliebene hingegen verschieben die Trauerfeier, in der Hoffnung, dass dann Feiern im grösseren Rahmen möglich sind. Dieses Hinausschieben sei nicht immer einfach, findet Karin Baumgartner. Liegt ein Todesfall länger zurück, ist ein erster Abschied schon passiert. Judith Bennett hat deshalb die Erfahrung gemacht, dass dann eine gewöhnliche Trauerfeier nicht mehr stimmig ist. Eine Familie in ihrer Kirchgemeinde hat schliesslich anstelle einer Feier einen Neujahrsapéro organisiert, weil die verstorbene Person das auch immer getan hatte. Andere führten eine Singstunde durch.
Beide Pfarrerinnen betonen, dass es wichtig sei, sich Zeit zu nehmen für einen Abschied. Wenn dies nicht schon geschehen sei, etwa bei einer Urnenbeisetzung, «hängt man in der Luft», wie Judith Bennett es beschreibt. Sie bezeichnet solche «verspäteten Feiern» nicht mehr als «Trauerfeiern», sondern als «Gedenkfeiern». «Das ist ein feiner Unterschied. Es zeigt, dass man sich noch einmal Zeit nimmt, sich an die verstorbene Person zu erinnern.»
Während Trauer- oder Gedenkfeiern stattfinden können, sind viele Leidmahle ganz abgesagt worden. Beide Pfarrerinnen bedauern diesen Umstand besonders. «Der besinnliche Teil findet statt, das Zusammensein nachher fällt weg. Dabei wäre dieses genauso wichtig», sagt Judith Bennett. Karin Baumgartner versucht, Alternativen aufzuzeigen, wie man verbunden sein kann. «Ein Spaziergang oder ein Telefonat sind immer möglich. Damit fühlt sich die Trauerfamilie weniger allein.»
Mehr Gesprächsbedarf
Die Schutzmassnahmen betreffen aber nicht nur die Gestaltung der Trauerfeiern, sondern verändern auch die Arbeit der Pfarrerinnen. Sie leisten einen Mehraufwand: Lange mussten Kontaktdaten erfasst werden, noch immer gilt es, Zertifikate einzulesen. Auch die Gespräche mit den Angehörigen dauerten länger, sagt Karin Baumgartner. Einerseits müssen mehr Informationen ausgetauscht werden, andererseits ist der Gesprächsbedarf generell grösser.
Auch dafür sei grösstenteils die Pandemie verantwortlich. So komme in einigen Gesprächen die Schuldfrage auf, berichtet Karin Baumgartner, etwa wenn Hinterbliebene die Verstorbenen mit dem Virus angesteckt hätten. Ausserdem beobachtet Judith Bennett, dass viele Menschen dünnhäutiger geworden seien. «Sie wollen die Trauerfeier ganz genau nach ihren Vorstellungen gestalten und müssen dabei sorgfältig betreut werden.»
Die Pfarrerinnen müssen sich zudem damit auseinandersetzen, wie stark sie sich selbst exponieren wollen. Einerseits wollen sie für alle Menschen da sein, andererseits haben sie in ihrem Amt sehr viel Kontakt zu verschiedenen Leuten. «Ich konnte nicht mehr an allen Leidmahlen teilnehmen. Das wäre zu viel geworden», bedauert Judith Bennett. Karin Baumgartner wurde manchmal darauf angesprochen, warum die Kirche die Massnahmen so penibel einhalten müsse. Die Kirche sei ja gross genug für alle und Jesus hätte dies so sicher nicht gewollt, so die Argumente. Die Diskussion über die Notwendigkeit der Massnahmen macht auch vor Pfarrpersonen nicht Halt.
Beide Pfarrerinnen betonen, dass sie die Massnahmen des Bundes nicht kritisieren. Dennoch wünschen sie sich, dass die Situation bald wieder Trauerfeiern ohne Einschränkungen zulässt. Denn ein Sonntagsgottesdienst lässt sich leicht nachholen — ein Abschied dagegen nur schwer.