Abdankungen in Zeiten von Corona

«Die Angehörigen sind oft verunsichert»

Die reformierte Pfarrerin Karin Baumgartner hat in ihrer Kirchgemeinde erlebt, wie brutal Corona zuschlagen kann. Im Interview erklärt sie, wie die Pandemie das Trauern verändert hat und warum sie diese Zeit trotzdem auch als Chance sieht.

Abdankungen während der Pandemie sind eine Herausforderung – für die Angehörigen wie auch für die Pfarrerinnen. (Symbolbild: Keystone / Christian Ohde)

Frau Baumgartner, die zweite Welle hat noch einmal viel Leid gebracht. Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt?
Wir haben in unserer Kirchgemeinde eine intensive Zeit hinter uns. Zwischen Weihnachten und Neujahr kam es zu einem Corona-Ausbruch in einem Altersheim, bei dem ein Drittel der Bewohnerinnen verstorben ist. Das war sehr schwierig. In erster Linie für die Angehörigen. Aber auch unter den Pflegenden und den Heimbewohnern war die Betroffenheit gross.

Wie sind Sie als Pfarrerin mit der Situation umgegangen?
Auch für uns im Pfarrteam war es eine besondere Situation. Uns ist aufgefallen, dass die Angehörigen überfordert waren und nicht sofort entscheiden konnten, wie sie Abschied nehmen wollten. Dadurch erhielten wir zwar die Todesfallmeldungen, aber keine Angaben zur Bestattung. Daraufhin haben wir den telefonischen Kontakt zu den Angehörigen gesucht. Mein Kollege, der für die Seniorenarbeit zuständig ist, macht nun regelmässige Besuche im Heim. Ausserdem hat er eine kleine Gedenkfeier organisiert, zu der auch das Pflegepersonal erschienen ist.

Beerdigungen und Trauerfeiern sind derzeit nur sehr eingeschränkt möglich. Ist das für die Angehörigen ein Problem?
In Gesprächen mit Angehörigen nehme ich eine grosse Unsicherheit wahr. Oft sind sie sich nicht im Klaren darüber, was überhaupt möglich ist. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Angehörige von ausserhalb kommen und nicht wissen, welche Regeln im Kanton Zürich gelten. Ich versuche ihnen dann aufzuzeigen, was wir machen können und was momentan leider nicht möglich ist.

Führt das zu Konflikten?
Konflikte wegen der Einschränkungen habe ich nicht erlebt. Die meisten Angehörigen verstehen gut, dass nun erhöhte Sicherheitsmassnahmen nötig sind. Das macht es aber nicht unbedingt einfacher. In unserer Gemeinde ist vor kurzem ein Mann verstorben, der im Dorf als Persönlichkeit galt. In normalen Zeiten wäre die Kirche sicher voll gewesen. Nun musste die Familie in relativ kleinem Kreis Abschied nehmen.

Was sagen Sie diesen Angehörigen?
Eine echte Alternative können wir aufgrund der Schutzmassnahmen nicht anbieten. Im Gespräch versuche ich deshalb herauszufinden, ob eine Feier in kleinem Kreis trotzdem in Frage kommt. Grundsätzlich gibt es auch die Möglichkeit, eine Gedenkfeier zu verschieben. Das wollen aber die wenigsten.

«Die Trauernden bleiben jetzt oft länger in der Kirche, weil sie sonst keinen Ort haben, wo sie hingehen und reden können.»

Was fehlt den Angehörigen in der jetzigen Situation am meisten?
Ein wichtiger Teil von Trauerfeiern ist das gemeinsame Essen oder der Apéro nach der Beerdigung. Da kann man sich austauschen und Trost spenden. Das vermissen die Leute. Stattdessen bleiben sie jetzt oft länger in der Kirche, weil sie sonst keinen Ort haben, wo sie hingehen und reden können. Ich erlebe auch, dass Familien nach der Beerdigung länger am Grab verweilen, um sich auszutauschen. Es kam auch schon vor, dass Trauerfamilien im Anschluss an den Gottesdienst Lunchbags verteilt haben.

Angehörige, die jemanden an Corona verloren haben, konnten oft nicht mehr richtig Abschied nehmen. Müssen diese Menschen intensiver begleitet werden?
Das ist sehr individuell. Ich habe kürzlich eine Familie begleitet, die mit der Verstorbenen praktisch keinen Kontakt mehr gehabt hat. Die Familie sagte mir, dass die Frau ja schon sehr alt gewesen sei und an Beschwerden gelitten habe, deshalb sei es gut so für sie. Anderen macht die spezielle Situation mehr zu schaffen. Sie leiden und haben das Bedürfnis, darüber zu reden. Besonders schwierig ist die Situation aber noch für eine andere Gruppe.

Zur Person

Karin Baumgartner ist Pfarrerin in Hinwil im Zürcher Oberland. Davor war sie unter anderem als Pfarrerin im Zürcherischen Dübendorf tätig, wo sie den Schwerpunkt Kinder und Familie übernahm. Als Jugendliche und junge Erwachsene engagierte sie sich ausserdem im Jugendverband Cevi, unter anderem während zehn Jahren als Abteilungsleiterin. Seit 2018 ist Baumgartner Mitglied in der Zürcher Synode. (vbu)

Für welche?
Wir vergessen gern, dass Menschen nicht nur an, sondern auch wegen Corona sterben. Zum Beispiel musste ich einen Mann beerdigen, der Suizid begangen hat, weil er wegen der Pandemie keine berufliche Perspektive mehr gesehen hat. Für die Angehörigen war das umso tragischer, als der Mann mit Mitte Fünfzig mitten im Leben stand. Die Mutter des Verstorbenen konnte deshalb auch noch nicht abschliessen und hat die Trauerfeier in der Kirche verschoben und nur eine Urnenbeisetzung auf dem Friedhof in kleinstem Kreis gemacht.

Hilfe brauchten in der Corona-Zeit auch alte und isolierte Personen. Wie sind Sie mit diesen Menschen in Kontakt geblieben?
Wir haben verstärkt den telefonischen Kontakt gesucht. Gerade auch zu den Leuten, die im Gottesdienst ausgeblieben sind. Den Seniorinnen und Senioren hat mein Pfarrkollege zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten eine Karte geschickt. Zudem haben wir bereits im vergangenen Frühling damit begonnen, ein Online-Angebot aufzubauen.

Was heisst das konkret?
Zuerst haben wir Online-Gottesdienste gemacht und diese auf den Youtube-Kanal unserer Kirchgemeinde gestellt. Als Gottesdienste wieder erlaubt waren, haben wir bis Ende Sommerferien auf Livestreams umgestellt. Im November haben wir diese dann wieder aufgenommen. Das schauen sich immerhin jeweils rund dreissig bis vierzig Haushalte live an. Bis zum nächsten Gottesdienst werden die Videos über 100 Mal angeklickt. Ohne die Hilfe von Freiwilligen könnten wir das gar nicht anbieten.

«Durch Corona stellen sich immer wieder neue Herausforderungen. Ich merke aber auch, dass vieles möglich war und ist, das sonst vielleicht so nicht geht.»

Und damit erreichen Sie auch die älteren Menschen?
Die digitalen Fähigkeiten von älteren Menschen werden manchmal unterschätzt. Und selbst wenn sie digital nicht so fit sind, haben sie oft eine nahestehende Person, die ihnen alles zeigen kann. Während des ersten Shutdowns im Frühling habe ich auch erlebt, dass sich mehrere Personen zusammenschlossen, um den Gottesdienst gemeinsam zu verfolgen.

Corona hat viel Leid gebracht – nehmen Sie aus dieser Zeit etwas Positives mit?
Für mich war Corona eine Chance, zu experimentieren und Neues auszuprobieren. Mit meinem katholischen Kollegen habe ich zum Beispiel eine Gedenkfeier für Sternenkinder organisiert. An Heiligabend veranstalteten wir ausserdem eine offene Kirche mit Stationen zur Weihnachtsgeschichte. Das war eine wunderbare Gelegenheit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Für meinen letzten Gottesdienst rief ich die Leute in einem Facebook-Post dazu auf, ihre Wünsche für die Fürbitte einzubringen. Darauf erhielt ich ein grosses Echo. Es ist eine schwierige Zeit und es stellen sich durch Corona immer wieder neue Herausforderungen. Ich merke aber auch, dass vieles möglich war und ist, das sonst vielleicht so nicht geht.