Obdachlosigkeit

«Housing First» zeigt Erfolg

Mit «Housing First» sollen Obdachlose von der Strasse geholt werden, mit Erfolg, wie ein Fallbeispiel aus Schweden zeigt. Dort ist das Projekt schon etablierter. In Basel besteht es ebenfalls.
In «Housing First» erhalten Obdachlose eine Wohnung, die der Start zu mehr Sicherheit sein soll. Die Fotografie zeigt eine Wohnung aus dem Projekt in Basel. (Bild: Stefan Bohrer/ Keystone)

Als der 56-jährige Viking Weiner zum ersten Mal die Schwelle seiner Wohnung im schwedischen Göteborg überschritt, fühlte er sich sofort wohl. Doch nach Jahren auf der Strasse brauchte er Zeit, um zu begreifen, dass er bleiben konnte.

Auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer erzählt der ehemals Obdachlose, er habe lange mit einem «unsichtbaren Koffer» an seiner Seite gelebt, stets bereit, ihn zu packen. «Es dauert sehr lange, bis dieses Gefühl verschwindet – wenn es überhaupt jemals verschwindet», sagt er der Nachrichtenagentur AFP, die er bei sich zu Hause empfängt.

In Göteborg, der zweitgrössten Stadt des Landes mit mehr als 600'000 Einwohnern, ist die Zahl der Obdachlosen in den vergangenen zehn Jahren drastisch gesunken. Dazu beigetragen hat das Programm «Housing First» («Bostad först»).

Weniger Obdachlose

Es zielt darauf ab, Betroffenen so schnell wie möglich Zugang zu einer Wohnung zu verschaffen und sie gleichzeitig bedarfsgerecht zu unterstützen, insbesondere bei psychischen Problemen und der Behandlung von Suchterkrankungen.

In der Schweiz hat Basel mit «Housing first» nationale Pionierarbeit geleistet. Die Stadt hat das Modell 2024 in den letzten vier Jahren in einem Pilotprojekt getestet (ref.ch berichtete). Es wurde im Auftrag des Kantons Basel-Stadt durch die Heilsarmee aufgebaut und erfolgreich durchgeführt. Danach wurde es in den Regelbetrieb überführt. Den nötigen Beschluss hatte der Grosse Rat im Frühling 2024 gefasst.

Das schwedische Göteborg zählte 2026 rund 3000 Menschen ohne festen Wohnsitz. Davon befanden sich 411 in einer akuten Notlage, lebten also auf der Strasse oder waren in Notunterkünften untergebracht.

Innerhalb von zehn Jahren ist die Zahl der Menschen in dieser Kategorie um rund 60 Prozent zurückgegangen, während die Gesamtzahl der Obdachlosen um knapp 40 Prozent sank. Fachleute führen einen Teil auf das «Housing First»-Programm zurück, das es seit 14 Jahren gibt.

Programm «auf der Seite der Mieter»

Borko Grujic von der Hilfsorganisation Göteborgs Stadsmission, die das städtische Programm betreibt, erklärt, dass dieses Modell im Gegensatz zu anderen Ansätzen eine Wohnung ohne Vorbedingungen zur Verfügung stellt. Bei anderen Programmen könne eine Person beispielsweise ihre Unterkunft verlieren, wenn ein Drogentest positiv ausfalle.

«Die Idee ist, dass die Wohnung als Grundlage dient, auf die man sich stützen kann, um anschliessend an den anderen Problemen im Leben arbeiten zu können», sagt Grujic der AFP.

Das Programm stehe «auf der Seite des Mieters», und für die Begünstigten gälten dieselben Regeln wie für andere Mieter auch, betont Grujic. Ein Rückfall bedeute daher nicht das Ende des Mietverhältnisses.

Zudem werden die Betroffenen mit Beratern in Kontakt gebracht, die ihnen bei der Behandlung von Suchtproblemen oder psychischen Erkrankungen helfen. Damit wird auch einer Kritik am Projekt entgegengetreten, bei der es hiess, Suchtprobleme würden zu wenig direkt angegangen. Der «Housing First»-Ansatz entstand in den 1990er-Jahren in New York und verbreitete sich anschliessend weltweit.

Leben ordnen

Viking Weiner, der selbst einst in der Drogensucht steckte, beschreibt sein Leben vor dem Einzug in seine Wohnung als «Chaos». Die «Housing First»-Strategie war für ihn entscheidend, um sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen.

«Es ist fast unmöglich, irgendetwas zu erledigen, wenn sich die eigene Adresse ständig ändert», sagt er. Lange hatte er abwechselnd in vorübergehenden Unterkünften und auf der Strasse gelebt.

«Es ist so viel einfacher, wenn man eine Wohnung hat, einen eigenen Ort, an dem man sich entspannen und über seine Zukunft nachdenken kann», sagt er weiter. Laut Grujic bleiben 80 bis 90 Prozent der Menschen, denen eine Wohnung vermittelt wird, letztlich dort wohnen.

Im Rahmen des Programms übernimmt Göteborgs Stadsmission zunächst selbst den Mietvertrag. Viele der Begünstigten übernehmen ihn nach etwa zwei Jahren auf ihren eigenen Namen, erklärt Grujic. Der grosse Bestand an Sozialwohnungen in Göteborg erleichtere es erheblich, Obdachlose mit Wohnraum zu versorgen, sagt Grujic.

2022 verabschiedete die schwedische Regierung eine langfristige Strategie zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit und ermutigte die Gemeinden, dieses Modell einzuführen. Nach Angaben der schwedischen Gesundheits- und Sozialbehörde Socialstyrelsen haben jedoch nur 126 der 290 Gemeinden des Landes entsprechende Massnahmen ergriffen.

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