Damit es nie brennt wie in Paris
Silvester 1943. Adolf Geissbühler hat einen über den Durst getrunken – und muss zum Dienst. Das endet tödlich: Ein Glockenklöppel erschlägt den Berner Münster-Glöckner. Damit endete das Handläuten im Münster. 1944 ersetzte eine elektrische Steuerung die 19 Glöckner, die es vorher für ein volles Geläute brauchte: ein Meilenstein in Sachen Sicherheit. Vor wenigen Wochen sind nun ebendiese veralteten elektrischen Installationen ersetzt worden.
Notre-Dame rüttelte auf
«Bereits 2004 überarbeiteten wir unser Brandschutzkonzept», sagt die Berner Münsterbaumeisterin Annette Loeffel. Vier Jahre später, 2008, habe es im Heizungskeller des Münsters gebrannt, ein veralteter Motor war der Auslöser. Das Feuer wurde rechtzeitig entdeckt, so dass ein grösserer Schaden verhindert werden konnte. Vor bald vier Jahren brannte dann in Paris die Kathedrale Notre-Dame.
Loeffel ist Präsidentin des europäischen Dombaumeistervereins, sie steht auch mit den französischen Experten im Austausch, die für den Wiederaufbau zuständig sind. «Eventuell verursachte ein Kurzschluss das Feuer», sagt Loeffel. Für die Berner war es jedenfalls naheliegend, ihr Brandschutzkonzept erneut zu überarbeiten und damit die Sicherheit noch mehr zu erhöhen.
Seit 2021 restauriert die Münsterbauhütte das Mittelschiffgewölbe des Berner Münsters. Unter anderem wird Russ entfernt. 1871 baute man eine Warmluftheizung unter dem Chor ein, die mit Kohle betrieben wurde. Diese hinterliess dunkle Spuren im Gewölbe im Münster. Aktuell sichern die Fachleute Metallauflagen aus Gold und Zinn sowie die Bemalung an den Schlusssteinmedaillons. Ende 2024 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, Anfang 2025 kommt das Gerüst weg, so dass das Gewölbe im Mittelschiff wieder bestaunt werden kann. (ibb)
Das Geläut erhielt Motoren, Leitungen und eine Absicherung, die aktuellen Schutzstandards entsprechen. Die Verantwortlichen des Münsters erstellten mit der Gebäudeversicherung des Kantons Bern und den Blaulichtorganisationen auch einen Katalog aller Brandschutzmassnahmen.
Dazu gehört zum Beispiel der Ersatz alter Feuerlöscher und Löschdecken. Unhandliche Löschschläuche werden durch Schlauchkassetten der Feuerwehr ausgetauscht. Überdies wurden bauliche Massnahmen getroffen: Eine Brandschutzdecke über dem Glockenstuhl soll die darüber liegenden Räume schützen, wo sich früher die Wohnung des Turmwärters befand.
Auch organisatorische Anpassungen gehören zum Konzept, etwa die Reihenfolge der Alarmierung und die Schulung aller Beteiligten vom Münsterpersonal bis hin zur Feuerwehr. Wozu es führt, wenn im Brandfall entscheidendes Wissen fehlt, illustriert Loeffel am Brandalarm, der 2008 ausgelöst werden musste: «Es war ein falscher Schlüssel im Spiel und unsere Leute mussten der Feuerwehr zeigen, wo der Keller ist.»
Hoher historischer Wert
Der Verlust oder die Beschädigung von wertvollen Kunst- und Kulturgütern wie in Notre-Dame soll sich in Bern nicht wiederholen. Der Glockenstuhl etwa und der Klang der Glocken wären nicht rekonstruierbar, sagt Glockenexperte Matthias Walther. Nach dem Ersatz der Elektroinstallationen ist er zuständig für die Neuintonierung des Geläuts. Der Berner Glockenbestand sei einer der «drei bis fünf bedeutendsten Europas», was Grösse, Vielfalt und den historischen Wert der Glocken betreffe, so Walther. Zudem harmonierten die Glocken aus sieben verschiedenen Jahrhunderten klanglich ausgezeichnet.
Dies soll nach der Brandschutzsanierung, während der die Glocken zwei Wochen lang still blieben, wieder zum Tragen kommen. Walther hat dazu den Läutwinkel jeder Glocke neu eingestellt. Die präzise Steuerung schont Glocken und Klöppel und bietet die Möglichkeit, auch den Klang zu vervollkommnen.